Zeitenwandel

Letztlich ist beim heimwärtlichen Commuten der Akku vom Reader ausgegangen, der beim Tolino 4 übrigens verdammt lange hält, weswegen ich auch das Laden vergessen hatte. Doch zurück zum Commuten.

Da saß ich also in der Strassenbahn und richtete meinen Blick nach langen Monaten wieder aus dem Fenster anstatt auf das Reader-Display. Und was erblickten meine müden Augen? Die örtliche Gamestop-Filiale, deren Existenz ich fast schon vergessen und verdrängt hatte. Da habe ich mir in meiner gedanklichen Langweile gedenkt: „Hey, Harzzi-Baby, weisst Du, wo Du schon seit Ewigkeiten nicht mehr warst?“, habe spontan an der nächsten Haltestelle den Wagen verlassen und bin die paar Schritte zurück zu Gamestop gelaufen.

Es war eine Zeitreise zurück in die 90er, als man SELBSTVERSTÄNDLICH Spieleverpackungen aus Karton oder Plastik aus dem Regal geholt und damit zur Kasse gelaufen ist. Weil … dohh, wie soll man denn sonst Spiele kaufen?

Wahnsinn! Spieleverpackungen, die in Regalen stehen.

Ich gestehe in der ersten Minute tatsächlich etwas verwirrt gewesen zu sein. Was denn auch das aufmerksame Verkaufspersonal bemerkt hat und mich umgehend ansprach.

Meine zweite Reaktion war ein Gedanke, den ich zum Glück nicht aussprach: „Mein Kind, was willst Du, die Du meine Tochter sein könntest, von mir? Willst DU mir etwa etwas über Spiele erzählen? Weisst Du nicht, wen Du vor Dir hast, hmmm?“

Als höflicher und eigentlich recht umgänglicher Mensch habe ich diesen Gedanken natürlich nicht ausgesprochen. Die Floskel „Danke, ich schau mich nur mal um!“ kam mir aber auch nicht über die Lippen.

„Ich war schon lange nicht mehr in einem physikalischen Spieleladen!“, habe ich dann gesagt. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ein Spiel auf einem physischem Datenträger gekauft habe. Ich weiß daher auch nicht genau, was ich hier eigentlich möchte.“.

Die junge Dame, noch nicht gebeugt und geknechtet von der Last vieler Lebensjahre, hat deswegen sehr pfiffig reagieren können und meinte kurzentschlossen, dass sie mich einfach rumführt, vielleicht finde ich ja etwas, damit sich mein Besuch rentiert. Nun … warum nicht? Wann hatte ich das letzte Mal eine persönliche Führung durch einen Videospieleladen? Genau, noch nie 🙂

Von der kleinen Ecke, wo 3DS und DS-Module hingen, ging es über die XBOX-, die Playstation-Abschnitte zu einem größeren Berg von Switch-Verpackungen. Angeblich alles schon verkauft, ich müsse vorbestellen (natürlich muss ich vorbestellen, weil man mir nur so zusätzliche Dienstleistungen aufschwatzen kann).

Es folgte eine sehr kümmerliche Auswahl von PC-Spielen. Nichts, aber auch gar nichts aus dieser Ecke hätte ich haben wollen. So wie ich schon aus den vorherigen Abschnitten nichts haben wollte.

Doch dann, dann kamen wir beim Merchandising vorbei. Nicht, dass ich nicht wüsste, dass es solchen Krempel haufenweise gibt, aber diese ca. handspannengroße Figur aus „Bloodborne“, neben Kerrigan (?) und noch ein paar anderen Ultrabrutal-Metzelgeschnetzel-Figuren, die sah schon recht eindrucksvoll aus. Vielleicht im Wohnzimmer neben die Collectors Edition-Kartons? Nahhh, quatsch! Auch die niedlichen Anime-Damen, die es in diversen Posen und Kostümen zu bestaunen gab, würden nicht gerade auf Gegenliebe stoßen. Zudem würde mir, ab der ersten Sekunde nach dem Aufstellen solcher Figuren zu Hause, schon selber die Frage durch den Kopf schiessen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Die nette Verkäuferin, meine Seelenpein wahrnehmend, goß noch Öl ins Feuer, in dem sie zuckersüß verlautbarte, dass man ja noch mehr Figuren bestellen und liefern könnte und manche Figuren schon sehr selten seien und man bei Interesse doch schnell zugreifen solle.

Ha! Teufelin!! Nicht mir mir, übler Dämon und Seelenverführer!

Standhaft bleibend bedankte ich mich bei ihr, wünschte ihr noch einen schönen Abend und verließ den Laden, mit Sicherheit verfolgt von einem entnervten Kopfschütteln und diversen mentalen Stinkefingern.

Ich weiß nicht wirklich, was ich glaubte dort anzutreffen. Spiele? Spiele gab es dort schon, aber halt nur der übliche Massenmarkt-Mainstream-Rotz, den man an Eltern und junge Leute verkauft, die zwischen Schule und Fußball-Training was Zocken wollen. Was ja in Ordnung ist, wenn man die eigene Baggage ruhigstellen muss und zwischen Schule und Fußball-Training nur sinnlos die Wand anstarren kann. NATÜRLICH gab es dort keine Spiele mehr für meinen absonderlichen, eingebildeten, pseudo-elitären Hipster-Geschmack. Ich bin in solchen Läden kein Kunde mehr, gleichgültig wie viele Kerrigan-Figurinen man ins Schaufenster stellen wird. Ich bin nicht mehr Spiele-Käufer, sondern Lizenz-Käufer. Ich erwerbe Nutzungslizenzen, keine Spiele mehr.

Von daher war das insofern ein faszinierendes Erlebnis, weil mir immer noch nicht klar ist … bin ich hier das Relikt oder ist es Gamestop?

Dieselstörmers oder Wie ich lernte Refund zu schätzen

Man kennt das vielleicht: Auch wenn sich entsprechendes Wissen auf rationaler Ebene längst festgesetzt hat, so braucht es manchmal eine Weile, bis dieses Wissen auch vom Rest der ÜBSEF-Konstante, des eigenen Wesenskernes verinnerlicht wurde.

Sei es das immer wieder lustige „Ja, meine Frau ist jetzt seit drei Monaten schwanger, in einem halben Jahr werde ich Vater.“ *kurze pause* *atem scharf einzieh* „Scheisse! In einem halben Jahr werde ich Vater!!!“ *aufjaul* oder diverse andere Veränderungen etablierter Lebensumstände, deren Folgen man erst nach einer Weile tatsächlich VERSTANDEN hat.

Weniger dramatisch und einschneidend (potentielle Nachwuchsglückwünsche also bitte wieder unauffällig entsorgen) erfolgte das letztlich beim Durchstöbern der Angebotsliste auf Steam. Es fanden sich ein paar nette Titel (über die es das eine oder andere später zu sagen gibt), die gemietet und gleich angespielt wurden.

Einer davon entpuppte sich als Rohrkrepierer. Was jetzt weniger am Spiel als vielmehr an mir, bzw. der Kombination aus Spiel und meinen Vorlieben bestand. „Dieselstörmers“ (den neuen Namen weigere ich mich aus Protest gegen besagten Hersteller von Textilien zu verwenden) würde ich nicht als schlechtes Spiel bezeichnen. Es ist nur nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Spiel und meine Wenigkeit entpuppen sich nach nur wenigen, immer mehr mit Frustration angefüllten Minuten (Wo gibt es hier Healthpacks? Was mache ich hier? Hallo? Warum sind da so viele Gegner? Hilfe! Warum ist das so bockelheftig?) als nicht miteinander kompatibel.Also so gar überhaupt nicht. Vollständig. Komplett aneinander vorbei, ohne auch nur den Hauch potentieller Berührungspunkte. Schneller und gründlicher das Beziehungsstadium „Hat sich nichts mehr zu sagen“ erreicht als bei einem eher unerquicklichen Blind Date.

Ein eklatanter Fehlkauf.

Früher™ hätte ich leise geflucht und mich maßlos geärgert. Weil halt Geld sinnlos rausgeballert und so. Mein Steam-Account enthält den einen oder anderen auf diese Weise entstandenen, verschämt ausgeblendeten Fehlgriff. Dass der Kunde aber seit letztem Jahr den Mietvertrag zwischen Steam und Kunde nach weniger als 2h Spielzeit anstandslos, bei voller Kostenrückerstattung aufheben kann, das ist mir bekannt. Das weiß ich. Da in meinem Kopf. Schwarz auf Weiß in plakatgroßen Lettern. ICH WEISS DAS!

Aber ich habe es noch immer nicht verinnerlicht, denn was tue ich nach 15 Minuten erfolglosen Versuchen mit Dieselstörmers anzubandeln? Leise fluchen und mich maßlos ärgern. Bis dann irgendwann die flache Hand gegen die Stirn klatscht. Neeee, musse ja gar nich fluchen und ärgern. Isse doch nix chlimm, weil kannse doch refunden!!!

Steam Support angeklickt, den letzten Mietvorgang angeklickt, auf Refund geklickt, auf Deinstallieren geklickt. Fall erledigt. Der Betrag wurde nach wenigen Stunden gutgeschrieben, alles war wieder grün. Supergrün. Manche Dinge brauchen eine Weile, bis man sie tatsächlich VERSTANDEN hat. Hätte nie gedacht, dass so eine lächerliche Sache wie ein neues Refund-System dazugehören 🙂

Übrigens, was habe ich mit der Kohle gemacht? Richtig, sie natürlich gleich in ein neues Spiel gesteckt, ich kleiner Schelm.

Wie soll man mit ihnen umgehen?

Ich behaupte, dass so ziemlich jeder hier letzte Woche neben den sonst üblichen, ihr Smartphone intensiv nutzenden Mitmenschen, eine zweite Gruppe ihr Smartphone intensiv nutzende Mitmenschen bemerkt hat.

Bemerkt an zwei Hauptcharakteristika:

  1. Laufen an Orten und in Gegenden herum, wo sich normalerweise kaum Smartphone dauernutzende Mitmenschen herumtreiben.
  2. Heben hin und wieder ihren Blick und schauen sich suchend um.

Wer immer noch nicht weiß, von wem ich rede … ich rede von Pokemon GO-Spielern. Zum Spiel selbst sage ich nicht mehr viel. Wer nicht weiß, was Pokemon GO ist, den verweise ich gerne auf die diversen Nachrichten- und einschlägigen Fachportale.

Viel wichtiger ist daher die Frage, wie wir, die Hardcore-PC-Master Race, die wir schon alles erlebt haben, was es in Sachen Videospiel gibt, mit dieser Sache da umgehen sollen?

  • Entspannt Spiel und Spieler ignorieren. Weil wir alten Säcke eh schon genug Scheiss mitgemacht und erlebt haben und auch diesen Hype enstpannt an uns vorbei ziehen lassen können. Denn in einem halben Jahr redet davon niemand mehr.
  • Entspannt Spiel ignorieren und Spieler davor bewahren hochkonzentriert Treppen hinunter zu fallen oder in den Strassenverkehr zu laufen, nur weil da drüben gerade ein Legendäres Pokemon gemeldet wurde.
  • Entspannt Spiel ignorieren und Spieler die Folgen unaufmerksamen Herumlaufens spüren lassen, wenn wir entscheiden, dass der notgedrungen folgende Schmerz erträglich ist und in Relation zum hoffentlich einsetzenden Lerneffekt stehen wird.
  • Vollkommen hysterisch mitspielen und unsere gestählte Muskelkraft dazu einsetzen bei der Jagd nach Legendären Pokemons all die schwächlichen Nerds mit einem gezielten Body Check ausser Gefecht zu setzen. Mir schwebt für diesen Fall ein gewisser Stan Smith aus „American Dad“ vor.
  • Zeter und Mordio schreien, den Untergang der zivilisierten Welt an die Wand malen und grundsätzlich die eigene Vergangenheit glorifizieren, wo wir noch eine richtige Kindheit hatten und sicher im trockenen und warmen Wohnzimmer vor der Glotze gespielt haben, anstatt sich draussen hochgefährlicher UV-Strahlung auszusetzen.
  • Pokemon GO-Spieler schallend laut auslachen und mit dem Finger auf sie zeigen.
  • Neben einem Legendären Pokemon auf unvorsichtige Pokemon GO-Spieler warten und sie ausrauben. Wie es bereits passiert ist.
  • Wild gestikulierend die Verschmelzung von Virtualität und Wirklichkeit bejubelnd, nur um dann versehentlich die Kellertreppe herunter zu fallen, weil wir beim Spielen eines VR-Titels nicht richtig aufgepasst haben.

Wie auch immer … ich habe mich letztes Wochenende königlich dabei amüsiert mit mir selbst Wetten abzuschliessen. Welcher Smartphone-Träger spielt PGO und wer nicht? Meistens lag ich richtig, die PGO-Spieler waren meist schnell zu erkennen. Nur in einem Fall hatte man mich leicht aus dem Konzept gebracht.

Klein-Harzzach geht Kühlschrank vollmachen und läuft auf dem Weg zur Lebensmittelausgabestelle an einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft vorbei. Aus der Gruppe eifrig parlierender und lachender und das aufgebaute Buffet leerender Gäste löst sich eine Gruppe fein gewandeter Damen, so Mitte Zwanzig bis Mitte Dreissig. Alle starr den Blick aufs Smartphone und lautstarkes Gegacker von sich gebend. Ja, irgendwo hinter den Büschen des Schloßparkes muss ein Pokemon angezeigt worden sein, denn eine zweite Gruppe fein gewandeter Herren, offenbar in diversen Beziehungsstadien zur ersten Gruppe stehend, feuerte selbige Gruppe eifrig an doch schnell dieses Pokemon da (der Name ist mir als Nicht-Pokemon-Spieler leider sofort entfallen) einzufangen. Hell on earth!!!

Wie auch immer … mir hat sich dann die Frage gestellt, ob mir so eine Art Spiel, mit einem mir genehmeren Setting und auch besser gemacht, denn gefallen würde. Nun mangels Smartphone und generell der mobilen Kommunikation wenig Hold seiend, erübrigt sich die Frage eigentlich sofort.

Aber angenommen, ich hätte ein Smartphone …

Hmmm, wenn ich ehrlich bin …

Es kommt darauf an. Ich möchte es nicht grundsätzlich ablehnen. Aber wahrscheinlich würde es an meiner Anspruchshaltung scheitern, denn auf so einen billigen Schnellschuß wie Pokemon GO falle ich nicht mehr rein. Dazu habe ich schon viel zu viel Zeit an billig runtergerissene Zeitverschwender verschwendet, um das nochmal zu tun. Falls aber eines Tages jemand ein Augmented Reality-Spiel in Gut und Aufwendig und tatsächlich spielenswert machen würde … wer weiß?

 

Lesestoff – Über den Einfluss japanischer Kultur in westlichen First-Person-Shootern

Achtung! Ganz arg viel Text, immerhin ein paar Bilder. Und ganz arg fürchterlich akademisch. Und auf Englisch (sorry!).

Über Kotaku.com bin ich auf einen Text gestoßen, der, wie schon im Titel steht, den Einfluss japanischer Kultur auf westliche First-Person-Shooter untersucht. Neben einer Beleuchtung historischer Wurzeln (wir alle stehen ja nur auf den Schultern von Riesen), wird dieser Einfluss am Beispiel von Shogo: Mobile Armor Division und F.E.A.R. näher beleuchtet. Zum Schluss gibt es noch Interviews mit u.a. Warren Spector und John Romero über die Design-Wurzeln von “Deus Ex” bzw. “Daikatana”.

Wer sich über das reine Zocken hinaus a bisserl mehr mit Spielen beschäftigen will, der findet hier interessanten Lesestoff.

Michel Sabbagh:
EFFORT UP ON EFFORT: JAPANESE INFLUENCES IN WESTERN FIRST-PERSON SHOOTERS

(PDF, bissi weniger als 3 MB)