Überraschende Fehleinschätzungen

Man könnte meinen, dass man als alter Sack Spiele, bzw. Nutzungslizenzen nach rein rationalen, nüchternen Überlegungen erwirbt. Der alte Sack als solcher informiert sich vorher eingehend und umfassend. Er liest Spieleindrücke und Reviews von Leuten, von denen er weiß, dass sie einen ähnlichen Geschmack wie man selbst haben. Er schaut sich Let’s Play-Videos an, er zieht sich eine Demo oder eine Warez-Version, um durch den eigenen, persönlichen Eindruck zu einer guten Entscheidungsfindung zu kommen.

Dann wird kurz überlegt, ob das Spiel die Ausgabe von X oder doch nur Y Euro wert ist und man schreitet zur Tat oder wartet einen entsprechenden Sale oder eine dauerhafte Preisreduzierung ab.

So läuft das normalerweise ab, wenn man als alter Sack zumindest hin und wieder etwas aus den Fehlschlägen und Fehlkäufen der Vergangenheit gelernt hat.

Immer öfter stelle ich aber fest, dass ich diesem etablierten Muster nicht mehr so oft folge. Zumindest nicht mehr im Kontext von Videospielen. Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich spontan auf die “Jetzt mieten”-Schaltfläche im Steam-Client klicke und mir langwierige Recherchearbeit spare. Ich höre einfach auf mein Bauchgefühl und bin deswegen der Anbieter liebster Kunde, der Impuls-Käufer! Hilfreich ist dabei in erster Linie eine kulante Rückgabemöglichkeit, ohne die man heute auf dem PC eigentlich keine digitale Vertriebsplattform mehr betreiben kann.

Dieses Impuls-Mieten kann manchmal sehr gute Ergebnisse zeitigen (Knights of Pen & Paper), das kann sich manchmal auch als herber Griff ins Klo entpuppen (Civ 4 Colonization, Dieselstörmers).

Letztlich habe ich mir also “The Talos Principle” und “Headlander” zugelegt. Das Ergebnis war einmal ein Hit, einmal ein Flopp.

Und zwar genau andersrum, als ich es erwartet habe.

 

  • The Talos Principle:

Croteam, den kroatischen Entwickler der Serious Sam-Reihe, habe ich jetzt nicht gerade als feinsinnige Intellektuelle, sondern als mental eher grobschlächtige Dynamo Zagreb-Fans eingeschätzt. Nun, prinzipiell ist dagegen auch gar nix einzuwenden, aber als Croteam vor zwei Jahren mit einem sehr fordernden, feinsinnigen Puzzle-Spiel, welches zudem vor philosophischen Grundsatzfragen nur so überquillt, auf den Markt kam, da war ich etwas überrascht. Vorurteile und so. Die Demo war klasse, nur missfiel mir das Speichersystem, wo immer nur zu Beginn eines Rätselabschnittes gespeichert wurde und man längere Knobeleien daher nicht unterbrechen konnte, sondern stets von vorne beginnen musste. Die Rätsel an sich waren klasse, das Setting gefiel mir, die spielerische Umsetzung war gelungen.

Etwa zwei Jahre später, dank eines kräftig preisnachlassenden Sales mit allen zusätzlichen Inhalten, habe ich mich dann doch durchgerungen … und nichts bereut. Ich amüsiere mich prächtig, wenn mir der digitale Museums-Assistent zuerst Fragen zu meinen Ansichten bezüglich Freiheit, Persönlichkeit und Selbstbestimmung stellt und später meine Antworten genüsslich analysiert und in der Luft zerreißt. Weil, er hat ja schon Recht. Ich kann nicht auf der einen Seite schwülstige Erklärungen darüber abgeben, wie wichtig mir Selbstbestimmung ist, obwohl ich auf der anderen Seite nichts anderes mache, als auf Zuruf bunte Puzzlesteine zu sammeln, auf der Grundlage, dass man mir einfach gesagt hat, dass ich das tun solle.

Zu köstlich!

Ich kann das philosophische Minispiel und die ganze Hintergrundgeschichte aber auch komplett ignorieren und mich nur auf den Kern, das Puzzle-Gameplay konzentrieren. Welches mich im Gegensatz zu dem verworrenen Geschwurbel eines Myst aber nicht ansatzlos frustriert, sondern mich motiviert selber auf die Lösung zu kommen. Weil sie sich direkt vor meinen Augen befindet. Nur mein Gehirn ist zu blöde sie zu erkennen, weil es erfolgreich von den Rätsel-Designern in die Irre geführt wurde. Hier spielt der Titel seine ganze Stärke aus, das Spiel mit den Erwartungen. Manchmal ist die Lösung so offensichtlich und plump, dass man sie instinktiv übersieht, weil … das kann doch nicht soooo einfach sein. Manchmal wird man durch den Levelaufbau gekonnt in die Irre geführt, weil man denkt, dass all die verwinkelten Mauerabschnitte Teil der Rätsellösung sein müssen, obwohl die Lösung darin besteht dieses Potemkinsche Blendwerk einfach zu ignorieren und dreidimensional zu denken.

Momentan befinde ich mich im ersten Drittel der zweiten Welt. Noch sind die Rätselabschnitte klein genug, um sie in vertretbarer Zeit von vorne zu beginnen, wenn man zwischendrin den Rechner ausmachen muss. Viel größer und umfangreicher dürften sie aber nicht werden, weil mich das Speichersystem dann vermutlich nerven würde.

Bislang ist “The Talos Principle” eine sehr angenehme Überraschung. Ich bin entzückt und möchte nicht nur herausfinden, was sich im Turm befindet und ob ich es schaffe den Assistenten endlich sprachlos zu machen, sondern ich will auch wissen, was mein Spieler-Charakter eigentlich ist. Nur ein hochentwickelter Turing-Algorithmus oder doch ein eigenständiges Bewusstsein mit freiem Willen?

 

  • Headlander

Die eine Hälfte von Hit und Flopp haben wir also abgehandelt, bleibt zwangsläufig die andere Hälfte. Auch wenn “Headlander” alles andere als ein schlechtes Spiel ist, so ist es zu meiner Enttäuschung leider nicht das Spiel, als welches ich es gerne gesehen hätte.

Wie von Double Fine gewohnt, so sind Art Design und Umsetzung wieder ohne Fehl und Tadel. Wo Broken Age ein animiertes Ölgemälde oder Stacking ein Stummfilm aus den 1920igern mit russischen Steckpuppen war, so ist Headlander das Ergebnis eines wilden Gedankenexperimentes, wo Andy Warhol zusammen mit einer Gruppe enthemmter Skandinavier Anfang der 70er einen BigBudget-SF-Film designen soll. Das Ergebnis ist … atemberaubend. Ein wilder, bunter LSD-Trip vom Allerfeinsten.

Das Gameplay beginnt als nette Mischung leichten Knobeleien und Action-Einlagen, gepaart mit etwas RPG, weil man seinen „Kopf“ durch Upgrades verbessern kann. Leider kippt diese unterhaltsame Balance sehr schnell, Exploration und Knobelei treten in den Hintergrund. In der letzten halben Stunde meiner Spielzeit bin ich nur noch hektisch in eine Kammer voller Gegner gelaufen, wo ich versucht habe einerseits die Sicherheitssperre des Raumes aufzuheben, zu überleben UND einen ganz spezifischen Gegner nicht zu zerstören, weil ich dessen Körper gebraucht habe, um eine spezifisch farbkodierte Tür zu öffnen. Das hat dann schließlich geklappt, nur musste ich dann wieder zurück durch gegnergefüllte Räume, dabei darauf achtend meinen höherwertigen Körper entweder nicht zu verlieren oder nicht ständig beim Versuch zu krepieren mir einen neuen Körper dieser Sicherheitsstufe zu besorgen.

Headlander nervt sehr schnell, weil es zu viel Action und zu wenig Knobelei gibt. All das durchgedrehte Design, die überkandidelten Bewohner der Station … irgendwann ignoriere ich es, weil ich nur noch flüchte und davonrenne, anstatt die Umgebung zu genießen oder abgelegene Örtlichkeiten zu erkunden.

Headlander ist im Grunde ein Actionspiel mit leichten Rätsel- und RPG-Einlagen. Ein Metroid, ein Castlevania … kein Puzzler wie z.B. Puddle oder Vessel oder Teslagrade, wie ich vor dem Abschluss des Mietvertrages eigentlich gedacht hatte.

Schade.

Aber nicht ärgerlich. Ich beantrage einfach einen Refund (der schnell abgeschlossen wurde) und empfehle Headlander all denen, die an Spielen wie Metroid oder Castlevania ihren Spaß haben. Weil, es ist kein schlechtes Spiel. Es ist sogar ein richtig gutes (!) Spiel. Nur nichts für mich.

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Zeitenwandel

Letztlich ist beim heimwärtlichen Commuten der Akku vom Reader ausgegangen, der beim Tolino 4 übrigens verdammt lange hält, weswegen ich auch das Laden vergessen hatte. Doch zurück zum Commuten.

Da saß ich also in der Strassenbahn und richtete meinen Blick nach langen Monaten wieder aus dem Fenster anstatt auf das Reader-Display. Und was erblickten meine müden Augen? Die örtliche Gamestop-Filiale, deren Existenz ich fast schon vergessen und verdrängt hatte. Da habe ich mir in meiner gedanklichen Langweile gedenkt: „Hey, Harzzi-Baby, weisst Du, wo Du schon seit Ewigkeiten nicht mehr warst?“, habe spontan an der nächsten Haltestelle den Wagen verlassen und bin die paar Schritte zurück zu Gamestop gelaufen.

Es war eine Zeitreise zurück in die 90er, als man SELBSTVERSTÄNDLICH Spieleverpackungen aus Karton oder Plastik aus dem Regal geholt und damit zur Kasse gelaufen ist. Weil … dohh, wie soll man denn sonst Spiele kaufen?

Wahnsinn! Spieleverpackungen, die in Regalen stehen.

Ich gestehe in der ersten Minute tatsächlich etwas verwirrt gewesen zu sein. Was denn auch das aufmerksame Verkaufspersonal bemerkt hat und mich umgehend ansprach.

Meine zweite Reaktion war ein Gedanke, den ich zum Glück nicht aussprach: „Mein Kind, was willst Du, die Du meine Tochter sein könntest, von mir? Willst DU mir etwa etwas über Spiele erzählen? Weisst Du nicht, wen Du vor Dir hast, hmmm?“

Als höflicher und eigentlich recht umgänglicher Mensch habe ich diesen Gedanken natürlich nicht ausgesprochen. Die Floskel „Danke, ich schau mich nur mal um!“ kam mir aber auch nicht über die Lippen.

„Ich war schon lange nicht mehr in einem physikalischen Spieleladen!“, habe ich dann gesagt. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ein Spiel auf einem physischem Datenträger gekauft habe. Ich weiß daher auch nicht genau, was ich hier eigentlich möchte.“.

Die junge Dame, noch nicht gebeugt und geknechtet von der Last vieler Lebensjahre, hat deswegen sehr pfiffig reagieren können und meinte kurzentschlossen, dass sie mich einfach rumführt, vielleicht finde ich ja etwas, damit sich mein Besuch rentiert. Nun … warum nicht? Wann hatte ich das letzte Mal eine persönliche Führung durch einen Videospieleladen? Genau, noch nie 🙂

Von der kleinen Ecke, wo 3DS und DS-Module hingen, ging es über die XBOX-, die Playstation-Abschnitte zu einem größeren Berg von Switch-Verpackungen. Angeblich alles schon verkauft, ich müsse vorbestellen (natürlich muss ich vorbestellen, weil man mir nur so zusätzliche Dienstleistungen aufschwatzen kann).

Es folgte eine sehr kümmerliche Auswahl von PC-Spielen. Nichts, aber auch gar nichts aus dieser Ecke hätte ich haben wollen. So wie ich schon aus den vorherigen Abschnitten nichts haben wollte.

Doch dann, dann kamen wir beim Merchandising vorbei. Nicht, dass ich nicht wüsste, dass es solchen Krempel haufenweise gibt, aber diese ca. handspannengroße Figur aus „Bloodborne“, neben Kerrigan (?) und noch ein paar anderen Ultrabrutal-Metzelgeschnetzel-Figuren, die sah schon recht eindrucksvoll aus. Vielleicht im Wohnzimmer neben die Collectors Edition-Kartons? Nahhh, quatsch! Auch die niedlichen Anime-Damen, die es in diversen Posen und Kostümen zu bestaunen gab, würden nicht gerade auf Gegenliebe stoßen. Zudem würde mir, ab der ersten Sekunde nach dem Aufstellen solcher Figuren zu Hause, schon selber die Frage durch den Kopf schiessen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Die nette Verkäuferin, meine Seelenpein wahrnehmend, goß noch Öl ins Feuer, in dem sie zuckersüß verlautbarte, dass man ja noch mehr Figuren bestellen und liefern könnte und manche Figuren schon sehr selten seien und man bei Interesse doch schnell zugreifen solle.

Ha! Teufelin!! Nicht mir mir, übler Dämon und Seelenverführer!

Standhaft bleibend bedankte ich mich bei ihr, wünschte ihr noch einen schönen Abend und verließ den Laden, mit Sicherheit verfolgt von einem entnervten Kopfschütteln und diversen mentalen Stinkefingern.

Ich weiß nicht wirklich, was ich glaubte dort anzutreffen. Spiele? Spiele gab es dort schon, aber halt nur der übliche Massenmarkt-Mainstream-Rotz, den man an Eltern und junge Leute verkauft, die zwischen Schule und Fußball-Training was Zocken wollen. Was ja in Ordnung ist, wenn man die eigene Baggage ruhigstellen muss und zwischen Schule und Fußball-Training nur sinnlos die Wand anstarren kann. NATÜRLICH gab es dort keine Spiele mehr für meinen absonderlichen, eingebildeten, pseudo-elitären Hipster-Geschmack. Ich bin in solchen Läden kein Kunde mehr, gleichgültig wie viele Kerrigan-Figurinen man ins Schaufenster stellen wird. Ich bin nicht mehr Spiele-Käufer, sondern Lizenz-Käufer. Ich erwerbe Nutzungslizenzen, keine Spiele mehr.

Von daher war das insofern ein faszinierendes Erlebnis, weil mir immer noch nicht klar ist … bin ich hier das Relikt oder ist es Gamestop?

Dieselstörmers oder Wie ich lernte Refund zu schätzen

Man kennt das vielleicht: Auch wenn sich entsprechendes Wissen auf rationaler Ebene längst festgesetzt hat, so braucht es manchmal eine Weile, bis dieses Wissen auch vom Rest der ÜBSEF-Konstante, des eigenen Wesenskernes verinnerlicht wurde.

Sei es das immer wieder lustige „Ja, meine Frau ist jetzt seit drei Monaten schwanger, in einem halben Jahr werde ich Vater.“ *kurze pause* *atem scharf einzieh* „Scheisse! In einem halben Jahr werde ich Vater!!!“ *aufjaul* oder diverse andere Veränderungen etablierter Lebensumstände, deren Folgen man erst nach einer Weile tatsächlich VERSTANDEN hat.

Weniger dramatisch und einschneidend (potentielle Nachwuchsglückwünsche also bitte wieder unauffällig entsorgen) erfolgte das letztlich beim Durchstöbern der Angebotsliste auf Steam. Es fanden sich ein paar nette Titel (über die es das eine oder andere später zu sagen gibt), die gemietet und gleich angespielt wurden.

Einer davon entpuppte sich als Rohrkrepierer. Was jetzt weniger am Spiel als vielmehr an mir, bzw. der Kombination aus Spiel und meinen Vorlieben bestand. „Dieselstörmers“ (den neuen Namen weigere ich mich aus Protest gegen besagten Hersteller von Textilien zu verwenden) würde ich nicht als schlechtes Spiel bezeichnen. Es ist nur nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Spiel und meine Wenigkeit entpuppen sich nach nur wenigen, immer mehr mit Frustration angefüllten Minuten (Wo gibt es hier Healthpacks? Was mache ich hier? Hallo? Warum sind da so viele Gegner? Hilfe! Warum ist das so bockelheftig?) als nicht miteinander kompatibel.Also so gar überhaupt nicht. Vollständig. Komplett aneinander vorbei, ohne auch nur den Hauch potentieller Berührungspunkte. Schneller und gründlicher das Beziehungsstadium „Hat sich nichts mehr zu sagen“ erreicht als bei einem eher unerquicklichen Blind Date.

Ein eklatanter Fehlkauf.

Früher™ hätte ich leise geflucht und mich maßlos geärgert. Weil halt Geld sinnlos rausgeballert und so. Mein Steam-Account enthält den einen oder anderen auf diese Weise entstandenen, verschämt ausgeblendeten Fehlgriff. Dass der Kunde aber seit letztem Jahr den Mietvertrag zwischen Steam und Kunde nach weniger als 2h Spielzeit anstandslos, bei voller Kostenrückerstattung aufheben kann, das ist mir bekannt. Das weiß ich. Da in meinem Kopf. Schwarz auf Weiß in plakatgroßen Lettern. ICH WEISS DAS!

Aber ich habe es noch immer nicht verinnerlicht, denn was tue ich nach 15 Minuten erfolglosen Versuchen mit Dieselstörmers anzubandeln? Leise fluchen und mich maßlos ärgern. Bis dann irgendwann die flache Hand gegen die Stirn klatscht. Neeee, musse ja gar nich fluchen und ärgern. Isse doch nix chlimm, weil kannse doch refunden!!!

Steam Support angeklickt, den letzten Mietvorgang angeklickt, auf Refund geklickt, auf Deinstallieren geklickt. Fall erledigt. Der Betrag wurde nach wenigen Stunden gutgeschrieben, alles war wieder grün. Supergrün. Manche Dinge brauchen eine Weile, bis man sie tatsächlich VERSTANDEN hat. Hätte nie gedacht, dass so eine lächerliche Sache wie ein neues Refund-System dazugehören 🙂

Übrigens, was habe ich mit der Kohle gemacht? Richtig, sie natürlich gleich in ein neues Spiel gesteckt, ich kleiner Schelm.

Wie soll man mit ihnen umgehen?

Ich behaupte, dass so ziemlich jeder hier letzte Woche neben den sonst üblichen, ihr Smartphone intensiv nutzenden Mitmenschen, eine zweite Gruppe ihr Smartphone intensiv nutzende Mitmenschen bemerkt hat.

Bemerkt an zwei Hauptcharakteristika:

  1. Laufen an Orten und in Gegenden herum, wo sich normalerweise kaum Smartphone dauernutzende Mitmenschen herumtreiben.
  2. Heben hin und wieder ihren Blick und schauen sich suchend um.

Wer immer noch nicht weiß, von wem ich rede … ich rede von Pokemon GO-Spielern. Zum Spiel selbst sage ich nicht mehr viel. Wer nicht weiß, was Pokemon GO ist, den verweise ich gerne auf die diversen Nachrichten- und einschlägigen Fachportale.

Viel wichtiger ist daher die Frage, wie wir, die Hardcore-PC-Master Race, die wir schon alles erlebt haben, was es in Sachen Videospiel gibt, mit dieser Sache da umgehen sollen?

  • Entspannt Spiel und Spieler ignorieren. Weil wir alten Säcke eh schon genug Scheiss mitgemacht und erlebt haben und auch diesen Hype enstpannt an uns vorbei ziehen lassen können. Denn in einem halben Jahr redet davon niemand mehr.
  • Entspannt Spiel ignorieren und Spieler davor bewahren hochkonzentriert Treppen hinunter zu fallen oder in den Strassenverkehr zu laufen, nur weil da drüben gerade ein Legendäres Pokemon gemeldet wurde.
  • Entspannt Spiel ignorieren und Spieler die Folgen unaufmerksamen Herumlaufens spüren lassen, wenn wir entscheiden, dass der notgedrungen folgende Schmerz erträglich ist und in Relation zum hoffentlich einsetzenden Lerneffekt stehen wird.
  • Vollkommen hysterisch mitspielen und unsere gestählte Muskelkraft dazu einsetzen bei der Jagd nach Legendären Pokemons all die schwächlichen Nerds mit einem gezielten Body Check ausser Gefecht zu setzen. Mir schwebt für diesen Fall ein gewisser Stan Smith aus „American Dad“ vor.
  • Zeter und Mordio schreien, den Untergang der zivilisierten Welt an die Wand malen und grundsätzlich die eigene Vergangenheit glorifizieren, wo wir noch eine richtige Kindheit hatten und sicher im trockenen und warmen Wohnzimmer vor der Glotze gespielt haben, anstatt sich draussen hochgefährlicher UV-Strahlung auszusetzen.
  • Pokemon GO-Spieler schallend laut auslachen und mit dem Finger auf sie zeigen.
  • Neben einem Legendären Pokemon auf unvorsichtige Pokemon GO-Spieler warten und sie ausrauben. Wie es bereits passiert ist.
  • Wild gestikulierend die Verschmelzung von Virtualität und Wirklichkeit bejubelnd, nur um dann versehentlich die Kellertreppe herunter zu fallen, weil wir beim Spielen eines VR-Titels nicht richtig aufgepasst haben.

Wie auch immer … ich habe mich letztes Wochenende königlich dabei amüsiert mit mir selbst Wetten abzuschliessen. Welcher Smartphone-Träger spielt PGO und wer nicht? Meistens lag ich richtig, die PGO-Spieler waren meist schnell zu erkennen. Nur in einem Fall hatte man mich leicht aus dem Konzept gebracht.

Klein-Harzzach geht Kühlschrank vollmachen und läuft auf dem Weg zur Lebensmittelausgabestelle an einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft vorbei. Aus der Gruppe eifrig parlierender und lachender und das aufgebaute Buffet leerender Gäste löst sich eine Gruppe fein gewandeter Damen, so Mitte Zwanzig bis Mitte Dreissig. Alle starr den Blick aufs Smartphone und lautstarkes Gegacker von sich gebend. Ja, irgendwo hinter den Büschen des Schloßparkes muss ein Pokemon angezeigt worden sein, denn eine zweite Gruppe fein gewandeter Herren, offenbar in diversen Beziehungsstadien zur ersten Gruppe stehend, feuerte selbige Gruppe eifrig an doch schnell dieses Pokemon da (der Name ist mir als Nicht-Pokemon-Spieler leider sofort entfallen) einzufangen. Hell on earth!!!

Wie auch immer … mir hat sich dann die Frage gestellt, ob mir so eine Art Spiel, mit einem mir genehmeren Setting und auch besser gemacht, denn gefallen würde. Nun mangels Smartphone und generell der mobilen Kommunikation wenig Hold seiend, erübrigt sich die Frage eigentlich sofort.

Aber angenommen, ich hätte ein Smartphone …

Hmmm, wenn ich ehrlich bin …

Es kommt darauf an. Ich möchte es nicht grundsätzlich ablehnen. Aber wahrscheinlich würde es an meiner Anspruchshaltung scheitern, denn auf so einen billigen Schnellschuß wie Pokemon GO falle ich nicht mehr rein. Dazu habe ich schon viel zu viel Zeit an billig runtergerissene Zeitverschwender verschwendet, um das nochmal zu tun. Falls aber eines Tages jemand ein Augmented Reality-Spiel in Gut und Aufwendig und tatsächlich spielenswert machen würde … wer weiß?

 

Lesestoff – Über den Einfluss japanischer Kultur in westlichen First-Person-Shootern

Achtung! Ganz arg viel Text, immerhin ein paar Bilder. Und ganz arg fürchterlich akademisch. Und auf Englisch (sorry!).

Über Kotaku.com bin ich auf einen Text gestoßen, der, wie schon im Titel steht, den Einfluss japanischer Kultur auf westliche First-Person-Shooter untersucht. Neben einer Beleuchtung historischer Wurzeln (wir alle stehen ja nur auf den Schultern von Riesen), wird dieser Einfluss am Beispiel von Shogo: Mobile Armor Division und F.E.A.R. näher beleuchtet. Zum Schluss gibt es noch Interviews mit u.a. Warren Spector und John Romero über die Design-Wurzeln von “Deus Ex” bzw. “Daikatana”.

Wer sich über das reine Zocken hinaus a bisserl mehr mit Spielen beschäftigen will, der findet hier interessanten Lesestoff.

Michel Sabbagh:
EFFORT UP ON EFFORT: JAPANESE INFLUENCES IN WESTERN FIRST-PERSON SHOOTERS

(PDF, bissi weniger als 3 MB)