Warum Software-Piraterie (in manchen Fällen) moralisch in Ordnung ist

Heute geht es ausnahmsweise nicht darum, wie chröcklich chlimm DRM ist oder wie Marketing-Abteilungen vollkommen skrupellos Aufmerksamkeit erzeugen oder welche dreisten Lügen aus dem Mund von Firmen-Offiziellen dringen. Nein, heute geht es ganz nüchtern und sachlich nur um Zahlen. Sowohl um Zahlen in der Form von 1-2-3-4 als auch in Form von “Geld zahlen”.

Denn wir als Kunden müssen Geld zahlen, um kostenpflichtige Dienstleistungen der Anbieter legal nutzen zu dürfen. Dagegen ist ganz grundsätzlich nichts einzuwenden, denn der Austausch von Waren und Dienstleistungen gegen Geld oder geldwerte Gegenleistungen ist die Grundlage für diesen unseren Wohlstand.

Firmen haben auch zu zahlen. Zum Beispiel das Gehalt für ihre Angestellten, welche diese Waren und Dienstleistungen herstellen und ausführen. Weil Sklaverei zum Glück illegal ist. Kluge Firmenleitungen erkennen zudem, dass nicht allzu knappe Gehaltszahlungen ganz grundsätzlich eine sinnvolle Sache sind, weil dadurch Kaufkraft erzeugt wird, die man dann von den eigenen Angestellten und vor allem den Angestellten der anderen (!) Firmen abschöpfen kann.

Wir beide, Kunden und Anbieter müssen zudem Steuern zahlen. Damit der Empfänger der Steuern, der Staat, unser Geld dafür verwendet, um entsprechende Rahmenbedingen zu schaffen, innerhalb derer man zum Beispiel ein geregeltes, ausreichendes Einkommen beziehen oder gute Geschäfte machen kann. Was gut für die Gesellschaft ist, ist auch gut für das Geschäft, weil es anhaltendes Geschäft für eine große Anzahl von Firmen sichert.

Soweit, so gut.

Nun gibt es jedoch Abweichungen von dieser Regel. Es gibt Kunden, die aus den verschiedensten Gründen nicht bereit sind den geforderten Preis zu entrichten, die Ware oder die Dienstleistung dennoch verbrauchen, in Anspruch nehmen. Es gibt Firmenleitungen, die aus den verschiedensten Gründen nicht bereit sind ihren Angestellten einen adäquaten Lohn zu bezahlen und wo man kein Problem mit der Wiedereinführung der Sklaverei hätte.

Und dann gibt es noch Firmenleitungen, die in einem derartigen Ausmaß Steuervermeidung praktizieren, dass dagegen alles verblasst, was Kunden im privaten Rahmen möglich wäre. Wo Steuervermeidung in einem solchen Ausmaß praktiziert wird, dass man es längst nicht mehr ein harmloses Kavaliersdelikt betrachten kann, sondern asoziale, das Gemeinwesen schädigende Größenordnungen erreicht hat. So sollen alleine nur US-Firmen über 2 Billiarden Dollar in Steuerfluchthäfen gebunkert haben. Vollkommen legales, asoziales Verhalten wohlgemerkt. Steuervermeidung in solchen Größenordnungen ist interessanterweise keine Grauzone, sondern durch und durch, zu 100% legal und gesetzlich gedeckelt.

Und was hat das mit Spielen zu tun?

Genug!

Ein niederländischer Journalist hat sich vor ein paar Monaten genauer angeschaut, wie es denn die großen US-Anbieter im Spielebereich handhaben, genauer gesagt, wie es Activision-Blizzard handhabt:

https://thecorrespondent.com/6942/bermuda-guess-again-turns-out-holland-is-the-tax-haven-of-choice-for-us-companies/417639737658-b85252de

Im Prinzip läuft das folgendermaßen ab:

  1. Activision gründet eine sehr spezielle Briefkastenfirma in einem Steuerfluchthafen, hier die Niederlande.
  2. Activision überträgt ALLE Rechte an ihren Spielen an diese Briefkastenfirma, die Activision Netherlands CV.
  3. Die Activision Netherlands CV hat eine Tochterfirma, die Activision Netherlands BV.
  4. Die Activision Netherlands BV ist eine richtige Firma mit richtigen Angestellten. Sie betreut den internationalen Vertrieb aller Acti-Blizz-Spiele. Was total praktisch ist!
  5. Die BV macht Umsatz zwischen 2009 und 2014 in Höhe von 5.9 Milliarden Euro.
  6. Die BV entrichtet Lizenzgebühren in Höhe von 4.3 Milliarden Euro an die CV.
  7. Die CV überweist 1.9 Milliarden Euro an Acti-Blizz in den USA, damit Acti-Blizz Gehälter und Rechnungen bezahlen kann.
  8. Es bleiben übrig über 2 Milliarden Euro vor EBITDA, vor Steuern und Abschreibungen
  9. Das niederländische Recht sagt, dass die CV ihre Steuern in den USA entrichten.
  10. Das US-Recht besagt, dass die CV ihre Steuern in den Niederlanden entrichten muss.
  11. Was dazu führt, dass die CV EFFEKTIV KEINE STEUERN ZAHLT!
  12. Was dazu führt, dass bei der Activision Netherlands CV über 2 Milliarden Euro steuerfrei herumliegen.

ActiBlizz -CV-BV setup

Aus dem TheCorrespondent-Artikel.

Mit diesem Geld kann Acti-Blizz dann Firmenaquisitionen tätigen, vornehmlich in Europa, um die dortigen Steuervorteile weiter zu nutzen und damit die Profite noch mehr zu erhöhen. So hat Acti-Blizz die Hälfte des Kaufpreises für den irischen (!) Entwickler der Candy Crush Saga mit Geldern der Activision Netherlands CV bezahlt. Mit Geld, welches man nicht versteuern musste. Geld, welches man dadurch zusätzlich “übrig” hatte. Und weil Irland ein noch besserer Hafen für Steuerflüchtlinge ist, kann man dort nochmals (!) einen ordentlichen Batzen Steuern sparen.

Und wer hat dieses Gesetz in den Niederlanden maßgeblich mitgeprägt? Nach Informationen des niederländischen Journalisten unter anderem ein Mr. Alexander Hent, seines Zeichens immer noch Senior Director International Tax at Activision Blizzard.

Yay!

Der Youtuber “Super Bunnyhop” hat das in diesem Video nochmals gut erklärt:

Zusätzlich hat er sich die Mühe gemacht zu überschlagen, wie viel Steuern Acti-Blizz auf diese Weise gespart hat. Er kam auf einen durchschnittlichen Steuersatz von lediglich 13% im Vergleich zum Standardsatz für US-Firmen von 35%.

22% weniger Steuern sind angesichts der Milliardenumsätze, die Spielekonzerne wie Acti-Blizz tätigen, ne ganze Menge Schotter.

Zusätzlich hat er sich die Mühe gemacht die Ausgaben von Acti-Blizz mal genauer anzuschauen und hat herausgefunden, dass die Ausgaben seit Jahren sinken, obwohl die Spieleentwicklung immer teurer wird. Weil das Spieleangebot schrumpft, weil man aus immer weniger Titeln Dank Microtransactions immer mehr herausholen kann.

Und er hat herausgefunden, dass Acti-Blizz immer mehr Gewinn durch vollkommen legale Steuervermeidung erzielt als durch die tatsächliche Herstellung und den Verkauf von Spielen. Die sind mittlerweile nur noch Mittel zum Zweck des eigentlichen Geschäftsmodells, der Steuervermeidung.

Man kann davon ausgehen, dass EA, Ubisoft und alle anderen großen Firmen im Spielebereich dies ebenso tun.

Weil Steuervermeidung viel zu lukrativ ist, um es nicht zu tun!

Übrigens, auch wenn Super Bunnyhop so ab Minute 10.00 des Videos Valve erwähnt, so hat das dort aufgeführte Prozedere in Frankreich nichts mit Steuern, sondern mit Verbraucherrechten zu tun. Wir erinnern uns an ähnliche Prozesse in Deutschland, wo die Verbraucherzentrale Teile der AGBs und Geschäftspraktiken mit Steam angemahnt hatte.

Wobei, diese Steuervermeidung ist so derart weit verbreitet … es würde mich nicht wundern, wenn Valve entsprechende Leichen im Keller haben würde. Denn Valve macht genug Asche mit Steam, dass man umsatzmäßig mit den Majors längst gleichgezogen hat. Für 2010 wird ein Umsatz von ca. 1 Milliarde Dollar geschätzt. Da rentiert sich der ganze Aufwand lockerst.

Aber Valve ist hier nicht das Thema. Wir wissen es nicht und ich vermute hier nur auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten und nicht nachprüfbaren Fakten.

Ok, was kann man dagegen tun? Spiele bestimmter Firmen nicht mehr kaufen?

Nope. Ein Boykott ist ziemlich sinnlos, weil wir uns hier nur an Symptomen abarbeiten, anstatt dem Problem auf den Grund zu gehen. Es macht keinen Unterschied, wenn ich aufhöre auf den offiziellen WoW-Servern zu spielen. Abgesehen davon, ich möchte schon meinen Teil entrichten, wenn ich schon diese offizielle Dienstleistung in Anspruch nehme.

Denn das Problem lautet: Gesetze, die unter dem Einfluss von Industrie-Lobbyisten geschrieben werden, um ganz bewusst Steuerschlupflöcher zu schaffen.

Ich habe keinen Schimmer, wie man das effektiv und zielführend angehen kann, aber es ist, wie auch im Artikel in The Correspondent beschrieben, ein Anfang, dass Steuerflucht und die Mechanismen von Steuerflucht bekannt werden, dass darüber gesprochen wird. Dieses spezielle Steuerschlupfloch in den Niederlanden wurde sogar teilweise geschlossen. Neunundneunzig andere sind noch offen oder kommen wieder hinzu.

Was können wir also tun? Darüber reden. Andere informieren. Versuchen das Thema genug zu verstehen, um es anderen treffend genug erklären zu können.

Und wenn einem nach all der anstrengenden Lektüre oder dem Versuch jemandem die Feinheiten internationaler Steuerschlupflöcher nahe zubringen, der Kopf raucht … der kann sich dann entspannt mit einem kopierten Spiel/Film dieser Firmen vergnügen, wohl wissend, dass diese Firmen für ihr asoziales Verhalten keine Gesetze brechen müssen, weil sie sich passende Gesetze schreiben lassen, um für ihr asoziales Verhalten keine Gesetze brechen zu müssen. Zumindest würde ich es niemandem explizit vorwerfen sich mit Schwarzkopien von Inhalten dieser Firmen zu vergnügen.

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8 Kommentare zu “Warum Software-Piraterie (in manchen Fällen) moralisch in Ordnung ist

  1. DerSpielverderber sagt:

    Spannendes, aber zugleich auch deprimierendes Thema.

    Aber auch nicht überraschend, da Unternehmen – AGs im speziellen – schon fast verpflichtet sind, solche Schlupflöcher auszunutzen.

    Man stelle sich nur mal vor, ein Multi-Milliarden Dollar Unternehmen gebe bekannt, auf Steuertricks vollständig zu verzichten, die Aktionäre würden Sturm laufen.

    Ob das Alles dazu berechtigt sich Software, Spiele, Musik und Filme einfach herunterzuladen mag ich nicht beurteilen, den Gedankengang dahinter kann ich aber nachvollziehen. Leider trifft das zu aller Erst nicht den Publisher, sondern die Mitarbeiter bei den Entwicklern. D.h. Activision in diesem Falle juckt es nicht wirklich, wenn sich ein Spiel nicht verkauft, zumindest langfristig werden Verluste aus solch einem Spiel wieder ausgeglichen, ob es den Entwickler danach aber noch gibt steht auf einem anderen Papier…

  2. Harzzach sagt:

    Ich rede nicht von einer grundsätzlichen Rechtfertigung von illegalen Kopien. Wenn sich eine Firma nicht vor ihrer sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung drückt, hat sie das Recht Schwarzkopien moralisch zu verurteilen. Angesichts dieses Steuerbetruges halte ich es aber für moralisch durchaus vertretbar, Inhalte speziell dieser (!) Firmen schwarz zu kopieren.

    Rein von einem wirtschaftlichen Standpunkt halte ich Schwarzkopien aber für ein Phänomen ohne nennenswerten Einfluss auf den Umsatz und versuche Moral ganz grundsätzlich aus dem Spiel zu lassen 🙂

  3. DerSpielverderber sagt:

    Keine Sorge, als grundsätzliche Legitimierung habe ich deinen Beitrag auch nicht interpretiert.

    Im Prinzip stimme ich dir ja auch zu, wobei es mMn bessere Wege geben würde ggü einem Unternehmen seinen Unmut auszudrücken. Allerdings sind ein Großteil der Spieler nicht gewillt, auf Produkte von ActiBlizz zu verzichten, so dass diese Möglichkeit zumindest mittelfristig wegfällt mit der Brieftasche abzustimmen.

    Ich persönlich kann AB nicht leiden und kaufe in der Regel auch keine Spiele von denen, das letzte ist mindestens 4 Jahre her. Aber alleine die Blizzardspiele haben eine so starke Anziehungskraft, dass AB wahrscheinlich auch Sklavenhandel betreiben könnte oder versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen, ohne dass es sich finanziell auswirken würde, da noch genug Spieler die Spiele zocken wollen.

    Deinem letzten Punkt kann ich aber zustimmen: Der Einfluss wird sich in Grenzen halten. Aber etwas Falsches mit etwas anderem Falschen zu bestrafen macht es nicht Richtig und so kann mMn die Moralische Sichtweise nicht ausser Acht gelassen werden.

  4. Harzzach sagt:

    Wie ich schon schrieb … ich halte einen Boykott für wenig zielführend, weil das, was Acti-Blizz hier tun, nur ein Symptom ist, die Ursache viel tiefer liegt: Die viel zu enge Verzahnung von wirtschaftlichen Partikularinteressen mit der Politik! Hier muss man ansetzen und sich nicht an einzelnen Firmen und ihren Produkten abarbeiten.

  5. DerSpielverderber sagt:

    Dem kann ich unwidersprochen zustimmen. Um solche Steuertricks zu verhindern, müssten Regierungen international gültige Regelungen aufstellen. Aber wird das passieren? Ich denke nicht. Spätestens die Profiteure werden es zu verhindern wissen (sprich: Die Steueroasen selbst) und dazu zähle ich nicht nur sowas wie die Caymans sondern im besonderen auch EU Länder wie Irland und die Niederlande. Solange jemand davon profitiert, wird sich wohl leider nichts ändern.

    Ich mein, was genau ist nach den Panama-Paper-Leaks in die Wege geleitet worden? Ich habe nichts von konkreten Massnahmen erfahren…

  6. Chico sagt:

    Endlich mal wieder futter für uns, danke 🙂

    Bin auch mit allem d’accord harzi, nur möchte ich noch anmerken, da wir ja hier in Deutschland allzu gerne dazu neigen mit dem Finger auf andere zu zeigen, auch wir hier sind so eine eben solche Steueroase (nur eben nicht für deutsche klein-/ mittelständler) und die größte Waschmaschine für illegales Schwarzgeld in Europa obendrauf. Ach jetzt bekomm ich schon wieder schlechte laune^^

    Nächster Artikel dann bitte mal wieder nen Stimmungsaufheller ;D

  7. Ilyas sagt:

    Wieder mal ein typisches Beispiel von großangelegten „Steuerbetrug“. Übrigens bemerke ich die letzte Zeit erstaunlich viele Äußerungen zum Verlust des Glaubens an den Rechtsstaat. Gerade die Verpflechtung von Politik, Großunternehmen und Medien und das Gefühl von diesem Konglomerat hinters Licht geführt und übervorteilt zu werden, scheint viel Wut aber auch Resignation hervorzurufen 😦

  8. Michael sagt:

    Ich bin erschüttert, zu welchen Maßnahmen die armen armen Publisher heutzutage alles greifen müssen, wegen der bösen bösen Raubmordkopierer… 😦 [Ironieaus]

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