Zeitreise – Akalabeth: World of Doom

Da! Die Mauern der Stadt! Endlich! Mit letzter Kraft krieche ich über die Schwelle des Stadttores, dem Hungertod ein weiteres Mal von der Schippe springend. Beim Händler meines Vertrauens (was nicht weiter schwer ist, gibt es doch konkurrenzlos nur ihn) leere ich meinen Rucksack aus, verkaufe Beute und fülle meine Vorräte auf. Danach begebe ich mich zum König, um ihm stolz den Kopf des Monsters zu präsentieren, dessen Tod er mir vor einigen Tagen auftrug. Der König ist auch schwer begeistert und gibt mir ein gut gefülltes Säckel mit Gold. Dann trägt er mir auf, mich um dieses neue Monster zu kümmern, welches ganz überraschend Ebene 7 des in der Nähe liegenden Dungeons unsicher macht. Hmm, Ebene 7. Das ist ziemlich tief unten. Ich kaufe noch mehr Vorräte ein, denn man weiß ja nie. Ein fröhliches Lied auf den Lippen breche ich wieder auf. Für Ruhm und Ehre! Für Gold und noch mehr Gold!

So in etwa könnte man das Gameplay von “Akalabeth” beschreiben. Man zieht hinaus in die Wildnis, findet den Eingang zu einem Dungeon, steigt hinab und tötet und plündert alles, was sich einem dort entgegenstellt. Der König residiert im Schloss und gibt deren zehn hochkarätige Ziele aus. Töte zuerst einen Dieb, dann dieses und jenes Viehzeug, bis man zum Schluss einen Balrog erlegen soll. Hat man das geschafft und es lebend zum König zurückgeschafft, hat man gewonnen. Nein, mehr an Story gibt es nicht.

Das Spiel beginnt mit der Abfrage einer simplen Zahl, welche die Verteilung und Anzahl an Dungeons, Städten, Bäumen und Felsen festlegt. Möchte man immer die selbe Karte spielen, gibt man immer die selbe Zahl an.

Danach legt man fest, auf welchem Level die Monsterstärke sein soll. Level 1 ist die Standardstärke. Auf Level 2 sind die Monster doppelt so stark, usw. bis Level 10 für die Hardcore-Spieler.

Es folgt eine zufällig generierte Liste von Attributen wie Hitpoints, Stärke, Gewandtheit usw. Ist man mit den Werten nicht zufrieden, drückt man “N” und es wird neu gewürfelt.

Drückt man “Y”, wird man gefragt, ob man einen Kämpfer oder Magier spielen will. Der Kämpfer kann das magische Amulett nicht verwenden und der Magier kann nicht alle Waffen verwenden. Offenbar ist der Magier die bessere Wahl, weil sich das magische Amulett wohl derbe missbrauchen lässt, um so ziemlich unbesiegbar zu werden. Eine Art früher Exploit! 🙂

Danach beginnt das Spiel. Man steht im Laden und kauft erst mal ein. EXTREMST wichtig ist es, dass man ganze Wagenladungen Nahrung mitnimmt, denn jeder Schritt außerhalb der Stadtmauern kostet eine ganze Ration und in Dungeons eine Zehntelsration. Und ohne Nahrung => Gevatter Tod! Sprich, es kann durchaus sinnvoll sein zuerst das komplette Startguthaben für Nahrung auszugeben, weil man auf Level 1 die meisten Monster auch ohne Waffen besiegen kann und schnell genug entsprechende Waffen gefunden werden.

Schwer bepackt begebe ich mich nun zum ersten Male auf Wanderschaft und erkunde die Karte. Ahh, da ist gleich der Palast. Der König empfängt mich und trägt mir auf, ich soll doch zuerst einen Dieb töten. Leichter gesagt als getan, denn ich habe bereits knapp dreißig Schritte getan und bin noch immer nicht auf einen Dungeon-Eingang gestoßen. Ich will schon aufgeben und einen neuen Seed versuchen, da sehe ich endlich ein X. Ein Eingang. Schnell hinab gestiegen und prompt stoße ich auf ein unfreundliches Skelett. Oder das freundliche Skelett stößt auf einen unfreundlichen Besucher von der Oberwelt. So wirklich klar ist das alles nicht. Egal, auf jeden Fall dropt das Skelett ein Rapier und Gold. Cool! Akribisch die Gänge und Türen auf Karopapier festhaltend, bewege ich mich durch den ersten Level des Dungeons, metzle und schnetzle alles, was dort kreucht und fleucht. Doch da meine Vorräte zur Neige gehen, verlasse ich den Dungeon und fülle in der nächstgelegenen Stadt meine Rationen auf. Und wieder zurück, auf der Suche nach dem Dieb. Noch einen Level tiefer. Und noch einen. Und dann geht mir die Nahrung aus, bzw. ich merke, dass ich zu tief vorgedrungen bin. Ich werde die Rückkehr nicht überleben. Lesson learned.

Nach einer Stunde habe ich genug.

Das Experiment ist abgeschlossen.

Akalabeth – World of Doom” ist ein Spiel aus der Frühzeit der Videospielgeschichte. Nein, es ist nicht das erste CRPG der Videospielgeschichte, aber es ist eines der ersten CRPGs, die eine primitive Wireframe-Graphik verwendet haben, um Dungeonkorridore und Gegner in “3D” darzustellen …

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Sound gibt es nicht. Farben auch nicht. Es gibt auch kein Speicher-Feature. Geht die Nahrung aus, ist das Spiel vorbei. Verliert man einen Kampf, ist das Spiel vorbei. Beendet man das Spiel vorzeitig, ist das Spiel vorbei und man muss wieder ein neues Spiel beginnen. Dies kann zwar auf der selben Karte wie zuvor stattfinden, aber man beginnt wieder von vorne.

So war das damals. Damals, im Jahr 1980. Als ich Videospiele nur in Form von Pong kannte. Auf irgendeiner heute in Vergessenheit geratenen Spielekonsole aus dem Quelle-Katalog. Bei einem Freund. Wo ich lieber mit ihm Fußball im Garten spielen wollte. Damals wusste ich instinktiv, was besser für mich gewesen wäre. Hätte ich nur mal auf mich gehört.

Was dann folgte, ist Geschichte. Heute schreibe ich diesen Beitrag auf einem Rechner, der damals nur Science Fiction war. Screenshot und der Text des Postings werden nachher auf den Servern von WordPress.com mehr Speicherplatz belegen, als damals für Akalabeth nötig war. Vor allem Verbesserungen und Fortschritte in Sachen Gameplay und User Interface lassen Spiele wie Akalabeth nicht nur prähistorisch, sondern geradezu vorsinflutlich erscheinen. Damals kannte man nichts anderes. Damals war das State of the Art! Vor allem, weil man dafür nicht in eine Arcade gehen musste, sondern das zu Hause auf dieser Höllenmaschine von Apple II-Rechner spielen konnte.

Doch abgesehen von allem historischen Stellenwert, den Spiele wie Akalabeth unbestritten haben, kann man das heute noch spielen?

Nach einer Stunde muss ich sagen: Ja, man kann! Und zwar nicht nur als akademische Fingerübung, sondern auch mit Spielspaß, zum Zeit vertreiben. Wie eine Runde Solitär oder Minesweeper. Oder Nethack. Oder Faster Than Light, bis man wieder einen stillen Tod im All stirbt. Nicht wie ein großes, episches RPG. Akalabeth gilt zwar als indirekter Vorläufer all dessen, was Garriott später mit der Ultima-Serie geschaffen hat, aber ein episches Rollenspiel ist das nicht. Weil das epische Computer-Rollenspiel als solches noch nicht erfunden war.

Es braucht zwar etwas Eingewöhnung, aber schnell hat einen das klassische Gameplay-Muster aus Erkunden, Kämpfen & Looten gefangen. Man merkt schnell, was gut klappt, was keine gute Idee war, auf was man Acht geben sollte. Dass das Handbuch, welches ebenso frugal wie das Spiel daherkommt (oben habe ich bereits fast den kompletten Inhalt beschrieben), dennoch eklatante Lücken enthält, weil nirgendwo erwähnt wird, welche Hotkeys man zum Einkaufen von Ausrüstung und dem Einsatz von Waffen betätigen muss (es sind die jeweiligen Anfangsbuchstaben des Gegenstandes, den man kaufen/einsetzen möchte) … dies herauszufinden scheint wohl beabsichtigter Teil des Gameplays gewesen zu sein. Oder man wusste es nicht besser umzusetzen, weil Richard Garriott damals noch auf die Highschool ging und bei den Eltern wohnte und es schlichtweg kaum andere Spiele dieser Art gab, die man als Vorbild hätte nutzen können.

Muss man Spiele wie Akalabeth heute spielen? Sollte man sie zumindest angespielt haben, um besser mitreden zu können?

Wenn es um historisches Wissen geht, so genügt es, wenn man weiß, dass es Spiele wie Akalabeth gegeben hat und wie sie einzuordnen sind. Dafür genügt als Grundlage der Wikipedia-Artikel.

Wenn ich aber Game Designer wäre … wenn ich Game Designer wäre, würde ich mir ab und an solche frühen Werke geben. Um zu lernen. Um vielleicht meine eigene Arbeit besser einschätzen zu können. Um sich inspirieren zu lassen. Was ist Spielspaß? Was macht Spielspaß aus? Wie stark kann ich Gameplay-Mechaniken reduzieren? Wie komplex müssen sie mindestens sein?

Und so? Als Otto-Normal-Zocker? Bringt mir das was? Bin ich dann einer von den coolen Kids? Keine Ahnung. Weiß ich nicht. Einfach selber ausprobieren. Oder nicht. Ist ja Freeware! Mehr als nur Zeit muss man dafür nicht opfern.

Es geht weiter mit “Alien Breed”.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro, Review.

11 Kommentare zu “Zeitreise – Akalabeth: World of Doom

  1. Akabei sagt:

    Wie schon an anderer Stelle erwähnt: Mein Fall ist das Spiel nicht. War es nicht kann ich nicht sagen, weil ich von dem Spiel nicht einmal was gehört hatte, bevor es GOG in seinen Katalog aufgenommen hat. (Schreiber errötet leicht)
    Mehr als zehn Minuten werde ich Akalabeth aber auch nicht gegeben haben, aber ein für mich unbekanntes Retrospiel muß mich in eben jenen zehn Minuten packen, sonst bleibt es liegen. Das hat das Spiel leider nicht geschafft.

    Die Pong-Konsole war höchstwahrscheinlich eine Universum Multispiel (mit irgendeiner Nummervariation am Ende) und lässt sich bei ebay für ca. 30-40 Euro ersteigern. Wer ab und an einen „Alte Säcke Abend“ veranstaltet macht mit einem Kauf nichts falsch.

    Zum nächsten Spiel: Wenn du die Möglichkeit hast, probiere im Vergleich mal für ein paar Minütchen die Amigaversion von Alien Breed. Ich kenne zwar die PC-Fassung nicht, aber im Allgemeinen waren scrollende 2-D Spiele (in diesem Fall ja sogar multidirektional) auf dem Gerät damals technisch ziemlich katastrophal.
    Wie auch immer, stell dich mental schon mal auf einen bockschweren Gauntletklon ein.

  2. anigunner sagt:

    Ist mir dann doch zu „Retro“. Dein Artikel und Spoony´s Review reichen mir für den Titel. Ein bisschen mehr Farben und Musik darf es dann mittlerweile doch sein 🙂

  3. Harzzach sagt:

    @Akabei:
    Danke für den Quelle-Hinweis. Das dürfte so ein Gerät gewesen sein.

  4. Eisenhaupt sagt:

    Respekt. Ich lese Deinen Artikel und mit jeder Zeile bekomm ich mehr Bock auf das Game,
    schleiche schon in Gedanken durch die Etagen und erinnere mich im Hinterkopf an Neverwinter wie ich in meinen Rucksäcken die rationen sortiere, wie ich mit gezeihlter taktik es noch bis zum Burgtor schaffe..

    … boah nee. Sorry ich bin keine Grafikhure, aber Dein Screenshot der dann kam war wie ein Eiskübel im Nacken nachm Lapdance. 😀

    Aber guter Artikel, mal wieder ;). Danke.

  5. Harzzach sagt:

    Notiz an mich selbst: Keine Screenshots mehr zu Retro-Spielen 🙂

  6. Joe sagt:

    Solche Frühwerke gehören in einem Emulator ähnlich ScummVM. Die Wireframe-„Grafik“ ergänzt mit ein bißchen hübsch gezeichnetem Artwork, das Karopapier integriert man gleich genau wie eine Speicher-Funktion. Dazu ein Point&Click/Touch-Interface und schon hat man etwas, das man immer mal wieder am Smartphone zocken kann.

  7. anigunner sagt:

    Dabei gibt sich der Dieb solche Mühe gefährlich auszusehen….

  8. Dr. Kimble sagt:

    Bis zum Screenshot war ich auch interessiert dabei 🙂
    Eines der allerbesten Spiele meiner frühen Jugend war diesbezüglich „Atic Atac“ für den ZX Spectrum. Artverwandt zu Akalabeth, aber sogar mit ein paar Farbklecksern! Wochenlange hat mich das beschäftigt, der Sommer draußen war egal, die Ferien hatten nur den einen übergeordneten Sinn -> Die Dungeons von Atic Atac zu ergründen.

  9. Akabei sagt:

    Atic Atac würde ich aber eher als Arcade-Adventure einstufen, ähnlich Sabre Wulf oder eins der hunderten Iso-Adventures für den Speccy à la Knight Lore oder Batman.

    Die kann ich übrigens alle auch heute noch ertragen, abgesehen vom Sound. Bei Spectrumspielen merkt man erst wie gut der Sid-Chip des annähernd zeitgleich erschienenen C64 wirklich war bzw. ist. 😉

  10. Mic sagt:

    Von diesem Spiel habe ich bis heute noch nie etwas gehört oder gesehen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich wirklich etwas verpasst habe (das Genre gibt mir noch mal in bunt, bewegt und so weiter wirklich viel). Aber ich wollte noch einmal den genannten Aspekt herausgreifen, dass Game Designer sich mit solchen Uralt-Titeln ruhig mal beschäftigen sollten. Denn viele Spiele von heute haben in diesem Bereich echte Defizite. Klar, sie sehen gut aus, aber runtergebrochen ist es dann doch häufig Akalabeth oder eben ein anderes uraltes Spielprinzip. Witzig nur, dass man bereits in den 80ern angefangen hat, genau über die gleichen Mängel zu jammern ;).

    Mir hat der Artikel jedenfalls sehr gut gefallen und ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, dass das ein komisches „aktuelles“ Spiel ist. Insofern war für mich der Screenshot keine kalte Wäsche, sondern die Bestätigung meines Riechers :). Aber selber anspielen? Oder nein, oder doch? Hm …

  11. Minando sagt:

    Und heute haben wir ein Pillars of Eternity. Im Prinzip die selbe Spielmechanik 🙂

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