Nein, aufhören, bitte nicht …

Dass ich ein charakterschwacher Mensch bin, sehe ich zweifelsfrei an den Bergen ungespielter Titel, die so schnell wachsen, dass ich alle paar Monate Spitzhacke, Schaufel und Mörtelkelle in die Hand nehme, sowie den Ziegelofen anwerfe, um eine zu eng gewordene Spielegruft zu erweitern. Noch eine Kammer. Und noch eine. Und schon mal vorgraben und provisorisch abstützen für die nächste, zwangsläufig stattfindende Baumaßnahme.

Neben diesem Pile of Shame, den ich wenigstens damit entschuldigen kann, dass Spiele mein Haupthobby sind, befindet sich aber noch weiterer Haufen noch nicht genügend gewürdigter Werke in den kühlen, dunklen Hallen, tief unter dem Haus. Bücher. Viele Bücher. Aus Karton, Klebstoff, Leinen und Papier, sowie aus Nullen und Einsen. In Regalen und auf RAM-Bausteinen. Ich will gar nicht darüber nachdenken, welche Dämonen sich dort mittlerweile ungestört ein gemütliches Nest eingerichtet haben.

Hinten links, im alten Dienstboten-Flügel der Gewölbeanlage, da befindet sich noch der kümmerliche Rest meiner einst recht umfangreichen Comic-Sammlung. Ein Laster, welches ich zum Schutze meines Kontostandes und meines Seelenheiles bereits vor vielen Jahren aufgegeben habe. Die Geister vergangener Tage gehen dort um. Sonst niemand mehr.

Hier und da an Wänden aufgestapelt und in schattige Alkoven hineingepresst, stauben die letzten Hüllen meiner Film- und Serien-Sammlung ins Vergessen. Friede ihrer Asche! Ich blicke nicht mehr zurück. Es ist besser so. Kein Leben kann dafür lang genug sein. Nicht einmal das Unleben von Wesen, die nicht sterben können.

Mich insgesamt mit dieser Situation abgefunden habend, genügen fest verriegelte, schwere Türflügel aus gutem Eisen und Stahl, imprägniert und gehärtet mit heiligen Symbolen und Reliquien, um für einen friedlichen, segensreichen Alltag zu sorgen. Manchmal rumpelt zwar die Erde, wenn ein alter Seitengang einbricht oder sich die größeren Dämonen träge im Schlaf auf die Seite drehen und manchmal klopft es unentwegt von der “anderen” Seite an den schweren Toren des Grufteinganges, aber ich schlage dann nur den Kragen hoch, schüre das Feuer etwas höher und schenke mir einen guten Cognac nach. Life is good!

Dachte ich … in meiner überheblichen Verblendung, in meiner arroganten Anmaßung anzunehmen, als kleiner Mensch den Mächten des Ewigen Contents Einhalt gebieten zu können.

Denn seit letzter Woche gibt es Netflix auch für deutsche Bundesbürger.

DAMN! DAMMIT! GODDAMMIT

Zwar hat es Amazon Anfang des Jahres beinahe geschafft mich nachhaltig neugierig für das Thema “Video-Streaming” zu machen, aber zum Glück ist die Amazon-Seite so träge und die Navigation in den angebotenen Inhalten so unnötig kompliziert, dass ich glaubte diesen Kelch mit einem feinen Lächeln einfach an mir vorbeigehen lassen zu können. Netflix aber … Netflix ist, und hier muss ich in das bezahlte Logehudele der massiven Marketing-Kampagne von letzter Woche leider einstimmen … fast genau das, was ich mir seit fast zehn Jahren wünsche. Eine offizielle Seite für Filme und Serien, die genauso simpel und einfach und bequem zu bedienen ist wie ThePirateBay und ein BT-Client.

Ja, das Angebot ist noch beschränkt. Vieles davon kenne ich bereits. Manches davon kann ich aber durchaus nochmals oder gar mehrmals anschauen. Dr. Who geht immer. Fast immer Deutsch/Englisch als Audiospur, min. immer mit deutschen Untertiteln. Manche Filme, wie einige chinesische Kostümschinken, haben nur den chinesischen Originalton, aber dafür deutsche Untertitel. Der HD-Stream ist fix und qualitativ sehr hochwertig. Artefakte, wie ich sie beim Probesehen auf Amazon immer wieder bemerkt habe, fehlen hier vollständig. A bisserl nervtötend sind die ständigen Aufforderungen mein Sehverhalten und meine Meinung zu dem eben geschauten Film doch mit meinen “Freunden” zu teilen. Arschlecken, rasieren, dreifuffzig! Nix da. Drecks-Social-Dingsbums-Gemähre! Das Seitendesign ist … schlicht. Die Seite selbst verschwindet fast ganz im Hintergrund, ich sehe nur Film- und Serien-Titelmotive, kaum Navigation. Die Navigation selbst ist aber total simpel und hat einen fatalen Wikipedia-Charakter. Man will eigentlich nur schnell mal sehen, welche Filme es von Schauspieler XYZ schon im Programm gibt und eine halbe Stunde später ist die persönliche Auswahlliste wieder mit einigen Einträgen angewachsen.

Mein Netflix Pile of Shame. Schrecklich. Ich hasse dieses Angebot. Ich hasse es.

Vorhin habe ich die erste Folge von “Penny Dreadful” gesehen. Mit lecker Eva Green und voll lecker Splatter und massig Leichenbergen im spätviktorianischen London. Hat was. Werde ich weiterschauen.

Die Erde bebt jetzt stärker. Die alten Schandhügel sind in Bewegung geraten. Die Dämonen werden wach und wollen ihren Teil an meiner Lebenszeit holen. Ich muss mich jetzt so hinsetzen, dass ich immer das Tor zur Gruft im Auge habe.

Ich hasse Netflix.

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15 Kommentare zu “Nein, aufhören, bitte nicht …

  1. Anonymous sagt:

    Gugga, gugga, immer mehr gugga, gugga da, gugga dort, gugga hier,
    WILL HIRN HABEN,
    gugga gugga, …

  2. onepiece sagt:

    Hehe, ganz ehrlich: Ich hab kein Mitleid mit Dir! 😉

    Netflix konnte ich bisher aber gut widerstehen 🙂

  3. Joe sagt:

    Solange ich noch XBMC mit Icefilms-Plugin habe, sehe ich keine Notwendigkeit für Netflix. 😉 Grundprinzip bei mir: Keine Abos, niemals. Bei Spielen nicht und auch bei Videos nicht.

  4. Minando sagt:

    Bis Netflix mir gefährlich werden kann werden noch ein paar Jährchen vergehen, bisher ist das Angebot noch zu klein. Aber das kann sich rasant ändern…hey, vielleicht werde ich dann wieder FERNSEHEN ! Hab ich schon eeewig nicht mehr gemacht. Wie es vor kurzem in einer Kritik zu einem mobile-app etwas holperig hiess: „Nice game i play on couch while wife is watching crappy shows on tv“

  5. askies sagt:

    Urgh. Also wenn man gerne SERIEN guckt, ist Netflix in Deutschland wohl ganz gut, aber das Filmangebot soll wohl mit der Konkurenz nicht mithalten können.

    Prime habe ich nach dem Testmonat sofort gekündigt. Maue Auswahl und vorallem nichts in der OV außer unbekante Serien. Seitdem nutze ich Watchever und bin ganz zufrieden. Vermisse nur schmerzlich ein paar alte Streifen (Where Eagles Dare, Knights of the Round Table) – aus diesen Jahren gibts nur Western und Schnulzetten.

    Auf dem Smart-TV recht komfortabel und genau wie du schon sagst; eine fürs Gewissen gute Alternative zum Streaming. Da auch hier der P.o.S. recht hoch ist, störts mich auch wirklich nicht, dass es selten was brandaktuelles gibt.

  6. Harzzach sagt:

    Dass das deutsche Angebot derzeit noch nicht den Umfang hat, den Netflix in anderen Ländern hat, stört mich nicht. Für den kostenlosen Testmonat ist es aber mehr als ausreichend. Alleine nur mit den fünf (!) Serien, die ich dort anschaue (Dexter, Suits, Penny Dreadful, Sherlock, Orange is the New Black, bin ich wahrscheinlich ein Vierteljahr beschäftigt. Mich überzeugt vor allem die Technik und die Zugänglichkeit der Seite selbst. Und sobald man die Umstellung auf HTML5 Media Extensions abgeschlossen hat, kann ich auch endlich dieses grützunnötige Silverlight wieder vom Rechner schmeissen.

    Netflix ist für mich wie Steam. Ich weiß, dass ich da nur miete und mir nix gehört, Rechteinhaber jederzeit den Stecker ziehen und Inhalte entfernen können, aber für 8 Euro im Monat, nur zum Glotzen aka Hirnabschalten und neue Sachen kennenlernen ist das in Ordnung. Wenn mich eine Serie, ein Film genug interessiert, mich sogar begeistert, hole ich mir dann eh Season Boxen und physische Datenträger, mit Extras und Kommentaren und Making Ofs und Pipapo. Ohne Internet. Zum Ganz-Alleine-Mir-Gehören. Für immer.

  7. Joe sagt:

    aber für 8 Euro im Monat

    …und dann nichtmal DVD-Verleih dabei wie in den USA. Für Internet-PayTV ist Netflix ein bißchen sehr dürftig.

  8. Upol sagt:

    Übrigens schön beschrieben von Dir wie die Massen an unkonsumierten Büchern, Spielen und Filmen immer wieder eindringlich aufbegehren, endlich auch Beachtung zu finden. Früher fand ich es noch beruhigend, einen großen Vorrat jungfräulicher Medien in der Hinterhand zu wissen. Mittlerweile find ich es teilweise schon fast belastend und direkt unangenehm. Man wird älter und stellt fest, daß man einfach kaum noch hinterher kommt.

    PS: Eva Green hat sich -so wurde mir zumindest erzählt- recht „offenherzig“ in Sin City 2 zur Schau gestellt. Also, schon mal für Netflix vormerken 😉

  9. shenmue sagt:

    Mir gehts da wie dir, bin voll genetflixt, schaffe es deswegen seit 5 Tagen nicht Wasteland 2 zu starten. Für mich als Serien-Freak genau das richtige. Als Zocker der alten Garde könnte das der Anfang vom Ende des zockens werden, vor allem da ich gerade Wasteland 2 starten wollte (physische Ranger-Edition), und nach klick auf die Setup-Routine kommt die Fehlermeldung „No language set“. Ist das schon so lange her mit den Discs das die nichmal mehr wissen wie man Software auf einen Datenträger presst die man dann auch dementsprechend nutzen kann?
    Zum Glück hat Steam den Code akzeptiert und nu lädt das Spiel.
    Wenigstens etwas das noch klappt.
    Und probier mal BoJack Horseman auf Netflix.

  10. arillo sagt:

    Es gibt eine Serie, die „Penny Dreadful“ heißt? Wie geil ist das denn? Hält die, was der Titel verspricht?
    Schade dass Eva Green nicht mehr in Camelot bewundert werden kann. Die Serie wurde nach einer Staffel eingestellt. Ich fand die trotz der vernichtenden Kritiken irgendwie cool und interessant.

  11. Harzzach sagt:

    Ich habe jetzt drei Folgen gesehen. Sex, Splatter und jede Menge Gothic-Horror nach klassischen Motiven. Eine zweite Season wurde bereits zugesagt. Bin mal gespannt, ob es den Produzenten gelingt das stimmige Anfangsniveau im Verlauf zu halten. „Heroes“ war in der ersten Season ja auch das mit lichtjahreweitem Abstand beste, was ich jemals in Form einer TV-Serie gesehen habe, nur um dann …

  12. hetzbacke sagt:

    Da habe ich es gerade geschafft mein Pile of Shame kleiner zu machen und das obwohl die Freizeit eher weniger als mehr wird und muss jetzt hier was von Penny Dreadful lesen und neugierig werden.
    Das ist doch Absicht … verdammt. … ich bin dann mal Netflix auf dem Smart-TV einrichten.

  13. Harzzach sagt:

    Ich der festen Ansicht, dass wir in spätestens zehn Jahren ein umfassendes Bürgergeld haben werden. Weil der Druck der Bevölkerung auf die Politik auf Grund des immer größer werdenden Pile of Shames diverser Medien einfach so groß wird, dass man entsprechend handeln muss 🙂

  14. onepiece sagt:

    Also „Brot und (Video-)Spiele“? 😉

  15. arillo sagt:

    „“Heroes” war in der ersten Season ja auch das mit lichtjahreweitem Abstand beste, was ich jemals in Form einer TV-Serie gesehen habe, nur um dann …“
    Aber wirklich sowas von „nur um dann…“!

    Btw zu Comics: Bei mir nimmt das nun auch überhand. Ich hab das Glück, dass unsere Stadtbibliothek eine umfangreiche Comicabteilung hat. Da ist zwar einiges unvollständig (Fables, 100 Bullets), aber man kann immer mal wieder coole Sachen finden, auch abseits von Panini, also DC, Marvel und Vertigo. Superhelden kommen für mich eh nicht in frage. Ab und an nehme ich mal was von Batman oder so mit und bin jedes Mal maßlos enttäuscht.

    Was mein Regal angeht, da habe ich Sandman, Preacher und Y – The Last Man komplett und mache noch Transmetropolitan voll, das seit letztem Jahr (?) in dicken Hardcover-Bänden neu aufgelegt wird. Swamp Thing, Animal Man und Hellblazer…das lasse ich mal sein. Vielleicht greif ich da irgendwann mal wieder zu.

    Mein jüngt entdecktes Highlight, obwohl die Reihe selbst schon etwas älter ist, ist die französische Fantasy-Comicserie „Donjon“, die sich zwar selbst als Parodie auf diverse Epen des Genres und vor allem auf Pen&Paper-Rollenspiele versteht, aber auch wunderbar als selbstironisches, für sich selbst stehendes Werk funktioniert und fasziniert.
    Die meisten Alben, vor allem die fortlaufenden, sind optisch recht fröhlich, aber trotz des pointierten, klugen Humors definitiv eher für Erwachsene. Da gibt es drei fortlaufende Reihen: Morgengrauen, Zenit und Dämmerung und ergänzende Reihen wie „Monster“ und „Parade“, die einzelne Charaktere, Fraktionen, Artefakte oder Ereignisse behandeln.
    Durch die Nummerierung, bzw. chronologische Reihenfolge der Bände, blickt indes niemand durch, da sollte dringend Wikipedia zu Rate gezogen werden. Die meisten Bände kann man aber auch unabhängig voneinander genießen.
    Jedenfalls kann ich das sehr empfehlen. Die Zeichnungen und vor allem die Koloration ist durchgehend überzeugend, Lewis Trondheims Fantasywelt und die Geschichten sehr umfangreich ausgearbeitet und immer wieder überraschend.

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