Zuspätzünder

Der langjährige Leser wird sich vielleicht erinnern können, wie der Herr hier sich über alle Maßen begeistert über das Battlestar Galactica-Remake von Ronald D. Moore geäußert hat und wie sehr er nach der ersten geleakten Preview von “Caprica” davon überzeugt war, dass auch diese Serie für einige Jahre phantastische Unterhaltung sorgen würde.

Caprica

Vor zwei Jahren war es dann soweit. Die Pilotfolge und die ersten paar folgenden Episoden wurden ausgestrahlt und fanden nur wenige Stunden nach der Ausstrahlung schnell ihren Weg ins Netz. Der langjährige Leser wird sich vielleicht NICHT daran erinnern können, dass ich danach noch etwas zu “Caprica” geschrieben habe. Aus gutem Grund. Ich hatte nichts mehr dazu geschrieben.

Auch wenn ich mich nicht zu den Leuten zähle, die vollkommen enttäuscht darüber waren, dass es bei Caprica keine Raumschlachten und keine Effektorgien gab, auch wenn ich das Konzept “Sopranos are going SF” auch heute noch vielversprechend finde … ich bin nach der vierten, fünften Folge eingepennt und habe “Caprica” in Frieden ruhen lassen. Rein zufällig hatte ich dann auch mitbekommen, dass die Serie nach lediglich einer Season mangels Quote wieder eingestellt wurde. Kein Wunder, bei diesem lahmarschigen Dauergelaber, dieser seicht dahinplätschernden Nicht-Handlung.

Am Wochenende habe ich meine Lücken bezüglich “Caprica” geschlossen, die restlichen Folgen nachgeholt. Kurz gesagt, ich möchte Mr. Moore und anderen Drehbuchkollegen gerne rechts und links eine batschen, um es mal auf gut Deutsch zu sagen. Da hat man ein Ensemble guter Schauspieler, man hat ein Setting voller Potential, man kann produktionstechnisch aus dem Vollen schöpfen, gerade weil man keine aufwendigen Schlachtsequenzen erschaffen muss … und erst zur Hälfte der Season fängt man dieses Potential endlich zu nutzen. Wo kaum noch jemand zugeschaut hatte, weil man mit den ersten Folgen selbst den Großteil der wohlgesonnenen Fans erfolgreich in Morpheus Arme geschickt hat.

Erst zum Schluss werden Themen wie Künstliche Intelligenz, Technischer Fortschritt und Verantwortung, wie irregeleitete Religiosität, Machtmissbrauch, Korruption, Dekadenz und Verkommenheit, wie Glaube, Liebe und Hoffnung eindrücklich behandelt und nicht nur als Aufhänger für seichtes Soap-Gedudel benutzt. Leichtgläubige Teenager, deren Begeisterungsfähigkeit ausgenutzt wird, um sie zu Kämpfern auszubilden, die ohne mit der Wimper zu zucken töten sollen. Gefährliche Irre, die in großflächigem Massenmord Gottes Auftrag sehen wollen. Einstige Widerstandsorganisationen, aus schierer Not und Unterdrückung geboren, die nur noch die materiellen Bedürfnisse ihrer aktuellen Anführer befriedigen. Anerkannte und offiziell durchaus respektierte Geschäftsmethoden, bei denen nackte Erpressung noch das harmloseste Werkzeug im Repertoire sind. Skrupelloses “Über Leichen gehen”, solange nur die eigenen Ziele erreicht werden. Keine Nachhaltigkeit, kein langfristiges Denken, nur der schnelle, unmittelbare Lust- und Machtgewinn. Nachhaltigkeit nur in Form persönlicher Karriereplanung. Doppelmoral. Verrat. Manipulation. Eine Gesellschaft auf scheinbar selbstzerstörerischem Kurs, so dass man die Cylonen durchaus zu der Idee beglückwünschen könnte diese Menschheit vollständig auszulöschen.

Und doch hier und da ein Glimmer Hoffnung in der Mitte düsterer Nacht. Das Aufzeigen eines anderen Weges fern von Hass, Gier und Niedertracht. Kein leichter Weg. Ein steiniger, mühsamer Weg mit vielen Abzweigungen, die in die Irre führen können. Aber ein Weg mit Zukunft.

Caprica_02

“Caprica” hätte DIE Serie des Zeitgeschehens sein können. DIE Reflektionsfläche für unsere aktuellen Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte.

Stattdessen hat der Sender angesichts niedriger Quoten kurzerhand den Daumen gesenkt. Weil niemand mehr mitbekommen hat, wie die Produzenten nach einer längeren Pause in der Seasonmitte endlich das Niveau erreichten, welches man von ihnen erhofft/erwartet hatte.

FRAK!

Caprica_final

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11 Kommentare zu “Zuspätzünder

  1. Joe sagt:

    Tja, der Sender hat halt zu Recht erwartet, daß es wie bei Miniserie und erster Staffel von BSG gleich von Anfang an richtig losgeht. Einen Slow Start kann sich heutzutage keiner mehr erlauben.

  2. Harzzach sagt:

    Slow-Start ist eine Sache, schnarchnasiges Getriele eine ganz andere 🙂

  3. Knarf sagt:

    Hmm, ein bißchen ist mir die Lust jetzt schon vergangen, aber da SciFi Serien eher rar gesät sind, werde ich einfach bei den ersten Episoden beide Augen zudrücken und mich auf die späteren Folgen freuen.
    Und vielleicht ist es ja sogar ganz gut wenn die ganz großen Erwartungen nun nicht mehr dabei sind.

  4. askies sagt:

    Uh Caprica kannte ich garnicht. Der Trailer sieht aber reichlich langweilig aus im Gegenteil zu den schönen Bildern die Harzzach hier gepostet hat.

    Kennt einer eigentlich die Total Recall Serie? Wird die nach ein paar Folgen auch lohnenswerter? 😀

  5. Das Alien sagt:

    Nä, die kann man sich schenken. Ich war damals als SF-Fan wirklich neugierig auf Total Recall, aber was letztlich dabei rumkam war Murks. Die Serie erging sich in Andeutungen, kam aber nie auf den Punkt. Und da es nur eine Staffel gab und die Serie ja über einen längeren Handlungsbogen ausgelegt war endet die Serie quasi mit Cliffhanger und man bleibt die grundlegenden Antworten schuldig. Schau dir lieber nochmal Firefly an oder Defying Gravity, da hast du mehr davon.

  6. askies sagt:

    Vorallem erinnert Total Recall 2070 lustiger Weise mehr an eine Blade Runner Serie. Defying Gravity guck ich mir mal an, kenn ich noch nicht, danke!

  7. Almashi sagt:

    Nick Frost + engl. Sitcom + SF = „Hyperdrive“

    Caprica fand ich eher gut, keine weitere Staffel ist eher nicht gut.

  8. Rollenprinz sagt:

    Ich fand ja schon das Battlestar Galactica Remake ziemlich hahnebüchen, albern und die Darsteller talentlos. Da habe ich mir Caprica geschenkt. Und das war wohl auch die richtige Entscheidung.

  9. Anonymous sagt:

    Lustig – ich fand das originale Battlestar Galactica ziemlich hanebüchen, albern und die Darsteller talentlos. Nur dank der Gnade der Zeit punktet das Original heute zumindest mit einem gewissen Trash-Charme. Da finde ich das Remake insgesamt dann doch schon besser, auch wenn ich nun absolut kein Fan bin …

  10. Rollenprinz sagt:

    Nahh, das Original ist eine typische Science Fiction Serie während das Remake eher eine „Social Fiction “ Serie ist. Sieht man besonders an den Requisiten 🙂
    Ich fand es ja ganz spannend, dass auch kritische Themen wie Wahlbetrug, Meuterei, Ausbeutung und Rebellion angeschnitten werden. Leider endet es aber immer mit den üblichen Gut/Böse Klischees und kitschigen Liebesgeschichten.

  11. Caramarc sagt:

    ja ist wirklich schade – Season two hätte an der Stelle mit der selben Dynamik weitermachen sollen wie die erste geendet ist und zwar spannend – leider waren aber auch ein paar ziemlich blöde gapcloser drin z.b. William Adama

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