Rauhnachtsmagie

Als „Rauhnacht“ hat man früher manche Nächte zwischen dem Weihnachtsfeiertag und Silvester bezeichnet und diesen Nächten magische Eigenschaften zugesprochen, weil in dieser Zeit die Tore zur Geister- und Dämonenwelt weit offen stehen sollen. Da Geister und Dämonen in unserer Welt aber nur noch als XP-Lieferant in diversen Rollenspielen vorkommen, ist zumindest in meiner Lebzeit das einzige, was in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr offen steht, mein Geldbeutel, neige ich doch dazu in dieser Woche willenlos dem Konsum zu frönen, weil ich mich frei von Verpflichtungen, rationalen Gedanken und allgemeiner Vernunft fühle. Anything goes und der bittere Ernst des Lebens kommt am 2. Januar eh früh genug.

Da der momentan stattfindende Steam-Sale bis auf „Hard Reset“ (am Sonntag für grandiose 4.99 €) zum Glück nichts bietet, was mich genug interessieren könnte und somit mein kümmerlicher Kontostand vor allzu großen Leichtsinnigkeiten bewahrt bleibt, bewahre ich mir aber weiterhin eine gewisse Leichtigkeit des Seins. Ich muss zwischen den Jahren zwar arbeiten, dennoch mag an der Vorstellung unserer Vorfahren von magieerfüllten Nächten doch etwas dran sein. Denn ich habe ganz überraschend etwas entdeckt, was ich das fast vergangene Jahr nur in homöopathischen Dosen hatte.

Muße!

Man macht sich frei von all den Ketten, die wir uns selbst im Alltag anlegen, weil wir denken, man müsse doch dieses und man müsse doch jenes und überhaupt und sowieso. Zwischen den Jahren muss man nur leben und atmen, denn nur hier können wir strukturierte Westeuropäer, die wir unsere Welt mit Kalendern und Maßeinheiten und Skalen in kleine, begreif- und fassbare Häppchen eingeteilt haben, erahnen, wie unsere Vorfahren die Welt erfahren haben mögen. Wenn das eine eigentlich schon zu Ende ist und das andere eigentlich noch nicht begonnen hat, werden die Bindungen schwächer, die sonst unser Leben regeln und definieren. Unsere Vorfahren mögen diese gefühlte Regellosigkeit gefürchtet haben, war ihr Leben eh schon kurz und schmerzhaft genug. Wir hingegen wissen, dass wir nächste Woche natürlich weiterhin ein Dach über dem Kopf haben werden, der Kühlschrank bzw. der Supermarkt um die Ecke auch nächste Woche gut gefüllt sein wird. Wir können die Regellosigkeit für eine kurze Weile genießen.

Und so lösen sich diverse Sperren und Blockaden in meinem Verstand, das Über-Ich lässt ein wenig die Zügel locker und mein Gamer-Id beginnt freudig auf der Wiese herum zu gallopieren.

Wagemut liegt in der Luft und ich versuche mich wieder an „Mass Effect“, welches ich damals auf Grund aktuter Inkompatibilität mit Gelatine-Unreal3-Rendering und mißlungenem Gameplay-Spagat zwischen wertebasiertem Kampfergebnis und shooter-ähnlichem Interface mit Schaudern zurück ins virtuelle Regal stellen musste.

Ja, es ist immer noch leicht verwirrend, dass Gegner nicht zu Boden sinken, weil meine Shooter-Reflexe so gut sind, sondern weil das Ergebnis auf Basis meiner Char-Werte und Item-Eigenschaften entsprechend ausgewürfelt wird. „Mass Effect“ spielt sich weiterhin unausgegoren und uneinheitlich. Ja, ich muss immer noch eine Reihe von Effekten abschalten, damit meine Augen endlich ein scharfes, präzises Bild wahrnehmen.

Aber da ich jetzt ein Stück Muße habe, stört mich das alles nicht so sehr und ich kann mich besser auf die Story und Dialoge einlassen, die mißlungene Gameplay-Präsentation hinten anstellen und besser in diese Welt eintauchen. Muße! Der beste Verbündete mittelmäßiger Spiele. Direkt vor „gekaufte Wertung“ und „selbstinduzierter Fanboy-Hype“.

Und weil ich so entspannt bin, stelle ich etwas besorgt fest, dass die Renegade-Skala meines Charakter stetig anwächst, ohne dass ich mich ganz bewusst wie ein grober Rüpel verhalten muss, wie das in anderen Spielen mit „Gut/Böse“-Karma der Fall ist. Hmmm … zu meiner Beruhigung rede ich mir ein, dass die NPCs in diesem Spiel nur leiden müssen, weil das Gameplay halt so vergurkt ist und ich mich unbewusst abreagieren muss. Ja, bestimmt. So muss es sein. Es gibt keine andere Erklärung!

Guten Rutsch! Man liest sich … 🙂

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

17 Kommentare zu “Rauhnachtsmagie

  1. Jig sagt:

    Ein wahres Wort, was die Muße betrifft. Zeigt wohl, dass Spiele nicht nur Ablenkungsklimbim sind, sondern ebenso etwas Ruhe zum Genießen brauchen, wie Bücher und Musik.

    @Mass Effect: „Renegade“ ist gottseidank nicht einfach nur böse, wie bei den Star Wars Spielen, sondern einfach etwas „härter“. Macht bei ME besonders Spaß, da man nie so genau weiß, was der Character als nächstes macht (Schimpftirade, Verprügeln, Amok laufen). Was sicher einige genervt hat, machte für mich den großen Reiz aus. Nicht nur abarbeiten von Dialogen, sondern gespannt sein auf die Auswirkungen meines Geklicke. War für mich ein Dialog-Spiel mit leichten Shooteranteilen. Kommt mir bitte keiner mit RPG 🙂

  2. Harzzach sagt:

    War für mich ein Dialog-Spiel mit leichten Shooteranteilen“

    Ja, das trifft es recht gut. Es ist nicht das Gameplay, welches mich bei der Stange hält, sondern das sich entwickelnde Universum, die Story. Und da ME 2 zu Beginn des Jahres im letzten Steam-Sale für nur wenige Euro erstanden wurde, werde ich dieser Story wohl weiter folgen. Da hier angeblich die Shooter-Elemente stärker betont wurden, könnte es sogar sein, dass mir das Spiel als solches besser gefällt als diese verunglückte Genre-Fusion von ME1.

  3. Sir Richfield sagt:

    ME 2 spielt sich deutlich flüssiger.
    Allerdings wirst Du Dich ungewöhnen müssen, also vom Gameplay her versuchen, ME2 ganz neu als eigenständiges Spiel zu sehen.
    Ging mir umgekehrt, nach ME2 wollte ich ein durchgängiges Savegame haben.
    Also ME1 rein und… NIX auf die Kette bekommen. Sind doch sehr unterschiedlich.
    (In meinem Fall habe ich bei ME2 alles mit einem Sniper gerockt, in ME1 gehen die weite Strecken einfach gar nicht. ;)).
    Hoffentlich bleibt Deine Muße, denn erzählerisch ist Mass Effect groß. Vor allem, wie Jig sagte, „Mal sehen, wie sich Renegate auswirkt.“. Ich persönlich erzähle immer gerne mal wieder, wie meine Shepard das Problem mit dem Direktor und der Sekretärin und dem Veteranen löste. (Wenn ich die Berufe noch zusammenbekomme… ;))

  4. Knarf sagt:

    Stimmt, zwischen den Jahren ist immer eine etwas eigentümliche Zeit, aber hat was.

    PS: Spiel mir nicht immer alles vor. Gestern Lust auf SciFi bekommen und die Folie vom noch frisch verpackten ME gerissen 🙂

  5. askies sagt:

    Bei GOG wurde erstmal Kohle gelassen und bei Steam wollte ich auch schon Spiele kaufen die bereits im Regal stehen, einfach weil sie so toll reduziert waren und dann von vornerein Win 7 kompatibel sind. Wahrlich magisch diese Tage. Oh, eine Joystick habe ich gerade auch noch geordert – warum auch immer…

    Muße habe ich gerade auch ein wenig und weiß sie sehr zu schätzen. Was am (mehr oder weniger) glücklichen Zustand der Firmeninsolvenz liegt. Nach 5 Jahren arbeiten mit max. 4 Tagen Ulaub pro Jahr bin ich darüber gar nicht so unglücklich.

    Dir auch nen guten Rutsch! Auf das Jagged Alliance 3 grandios wird! 🙂

  6. Minando sagt:

    Deine Interpretation von „Muße“ ist also „etwas ausserhalb meines üblichen Beuteschemas zocken“ ? Hätte ich mir denken können 🙂
    Guten Rutsch allerseits.
    Memo: die lustigen roten Stäbchen nach anzünden der kleinen Schnur loslassen. Nicht in den Mund/ die Ohren stecken !

  7. Sir Richfield sagt:

    WEGWERFEN, nicht loslassen! Und zwar von Personen weg, am besten auf freie Fläche, nicht in trockenes Gras, nicht unter Fahrzeuge, etc. pp….
    Hrrgtt, liest denn keiner mehr Sicherheitshinweise???!!

    Fröhliches Knallen, falls wir uns dieses Jahr nicht mehr lesen sollten!

  8. Andreas sagt:

    Wunderbarer Artikel, danke dafür.

    Ich habe letztens, weil es hier irgendwo im Blog gelobt wurde, Severance: Blade of Darkness gespielt. Ist leider nicht wirklich meine Art von Spiel, schade.

    Gestern habe ich Stonekeep installiert und angefangen. Einfach wunderbar! Schön, dass es diese „Musse“ gibt.

    ME als Dialog-Spiel zu bezeichnen, finde ich auch treffend. Ich habe gerade Teil 1 & 2 gespielt, wenn ich das hier lese muss ich sagen „leider Paragon“. Mir haben die Charakter- und Ausrüstungswerte unheimlich gefehlt. Die Charakterentwicklung war dadurch sehr beliebig, die Auswirkungen der Fertigkeiten blieben sehr schwammig. Schade. Die Kämpfe haben mich auch nicht wirklich überzeugt (gibt es keine RPGs mit richtig guten rundenbasierten Kämpfen mehr?) aber die Dialoge und die Inszenierung war schon schick. Mich erinnert das „Gameplay“ an die „Interaktiven Filme“ der 90er Jahre, in denen man durch Entscheidungen die Handlung beeinflussen konnte. Naja, wie gesagt, die Handlung war schön und hin und wieder muss ein Sci-Fi einfach sein. 😉

  9. Joe sagt:

    Ich habe am Anfang mehr oder weniger unabsichtlich den Paragon-Balken zu 100 % gefüllt und habe mich dann innerhalb des laufenden Spiels für eine 180°-Charakterwende entschieden, um mehr Antwortmöglichkeitne in den Dialogen zu erhalten. Nach der ersten Renegade-Entscheidung wohnte ich dann auch gleich der eiskalten Hinrichtung eines weiblichen NPCs durch Shepard bei. Sehr eindrücklich.

    Interessant, daß die USK da nicht freigedreht ist.

    Das Bummbummgedöns ist nur drin, weil man heutzutage kein reines Dialogspiel mehr auf den Massenmarkt werfen darf. Gegen Ende des Spiels hatte ich meine Party so zusammengestellt und geskillt, daß die „Kämpfe“ auf Easy praktisch von selbst abliefen. Leider liegt beim Nachfolger der Fokus stärker auf Action, also dumbed down…

  10. Almashi sagt:

    Ein frohes und gesundes neues Jahr Dir und Deiner Familie.

    …..ach und danke……

  11. Falcon sagt:

    Frohes Neues!

    ME2 sollte man sich imho nicht entgehen lassen. Ich finde es ME1 in jeder Beziehung überlegen, auch wenn die Story keinen Pulitzerpreis bekommt, möchte man doch wissen wie es ausgeht (ME1 soll eine gute Story gehabt haben, ich spoiler hier nicht, aber, WTF?). Das halbwegs runde Gameplay (gefühlt das einzig brauchbare Gameplay, was Bioware JEMALS zustande gebracht hat).bringt dann alles auch zügig vorran, im Gegensatz zum stundenlangen, ergebnislosem Herumeiern in ME1.

    Das mit der Muße kann ich nachvollziehen. Diese Zeit ist häufig die einzige, in der ich die Nerven habe große aufwändige Spiele wie Drakensang2, Witcher oder andere 40Stunden+ Spiele zu spielen.

  12. Brakiri sagt:

    Sollte dich der Baller-Part weniger interessieren, sondern das Universum und die Story, kannst du auf ME2 getrost verzichten. Storymässig ist es der übliche Trilogie-Durchhänger. Ich habs nichtmal zuende gespielt, weil es gelangweilt hat, und ich habe nicht das Gefühl was verpasst zu haben.

    Die Missionen spielen sich völlig ohne Dringlichkeit, und die Rekrutierungs-Stränge sind null mit der Story verwoben. Fühlt sich an, als ob man einen Questlog abarbeitet.

    Das Universum wird eher „verbraucht“ als erweitert, und die Areale sind alle winzig. Die riesige Citadelle, ist nurnoch ein kleiner Schulhof mit Kiosk.

    Trotz des eigenwilligen Gameplays von ME, ist es doch der story- und settingtechnisch der klar bessere Teil. Problematisch ist, das ME2 zwar seinen Shooter-Part verbessert, aber trotzdem kaum gegen Genre-Grösse anstinken kann.

    ME2 ist ein klares „Zwischenspiel“ sowohl technisch auf dem Weg zum reinen Shooter als auch storytechnisch auf dem Weg zum Big Battle on Earth (ME3).

    Wenn dus dir holst, würde ich empfehlen einen guten Preis abzuwarten.

  13. Brakiri sagt:

    Ansonsten natürlich wieder ein guter Artikel! 🙂

    Von mir auch ein frohes Neues Jahr!

    ..hoffentlich nutzt der Wunsch was..;)

  14. Falcon sagt:

    Da gebe ich Bakiri Recht. Nur wegen der Story würde ich ME2 nicht spielen, es ist sehr episodenhaft. Aber die Inszenierung ist sehr sehr gut.
    In ME1 (mit ebenso mieser Story) muss man das zwei bis dreifache an Spielzeit aufbringen (was nicht gleichzusetzen ist mit „spielen“, geschweige denn „Spaß“, sondern auch mit Herumlatschen, stundenlang Inventare durchwühlen etc.pp.) um denselben Erzählgehalt herauszuziehen. Ich bin z.B. dankbar für die kleinen Level. Und im Gegensatz zu ME1 wirkt sich die Dringlichkeit sogar spielerisch AUS; aber das kann man natürlich nur wissen, wenn man es zuende oder gar zweimal gespielt hat, bevor man darüber redet 😉

    ME2 sind einfach eine große Auswahl an spassigen, kleinen arcade Shooterleveln, die mit einer übergeordneten Aufgabe verknüpft sind. So wie Wing Commander 3 zum Beispiel. Wenn man anfängt es als Rollenspiel zu sehen, hat man schon verloren. Man spürt aber, fast so intensiv wie in ME1, daß Bioware mit den Shooterelementen überfordert ist.

  15. Joe sagt:

    Jedenfalls sollte Bioware klar sein, daß man sich mit Genre-Wechseln und massiven Gameplay-Änderungen innerhalb einer Trilogie keine Freunde schafft… Dafür war wohl eher der schnöde Mammon ausschlaggebend.

  16. Brakiri sagt:

    @Joe

    Genau das ist das Problem. Ohne Bumbum verkauft sich nix, und der Genrewechsel in ME2 kam für mich wie ein Schlag in die Fresse.
    Ich hatte auf ein weiteres dichtes Spiel gehofft, wo die Mechanik-Schnitzer ein wenig ausgebügelt wurden, aber man bekam nur einen Shooter mit Dialog, Mini-Arealen und völlig langweiliger Story deren keinerlei Dringlichkeit innewohnt. Mach ich noch eine Rekrutierung oder nicht?

    Habs nichtmal zuende gespielt, weils mich einfach gelangweilt hat. Die mühselige Ballerorgie auf dem Collector-Schiff langte mir dann.

    Wem das gefällt, kein Problem mit. Ich finde es nur traurig für Leute wie mich, die sich auf ein schönes und spannendes Spiel mit breiterem Gameplay gefreut haben.
    Ich dachte sie würden die Erkundung noch etwas ausbauen, das Setting noch etwas mit Lore verdichten, noch ein paar spannende Geschichten und Geheimisse erzählen usw.

    Leider haben sie das nicht getan. Daher ist ME3 für mich auch völlig uninteressant, da es im Prinzip nur auf eine Ballerorgie on Earth hinausläuft.

    Was interessiert mich die Erde wenn die ganze Galaxis mit ihren Rassen bedroht sind? Das ist so extrem kleingeistig und langweilig, dass es fast weh tut.

  17. Rollenprinz sagt:

    Zwei Wochen ohne neuen Blogeintrag. Da ist wohl jemand im Urlaub 🙂

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