Die Zukunft ist “Frei” und lukrativ

Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon mitbekommen hat, bin ich selbst ein regelmäßiger und häufiger Nutzer von Schwarzkopien. Interessiert mich ein Spiel, so lade ich mir die Vollversion aus dem Netz, spiele das Teil an und sehe dann selbst, ob ich hier den vollen Retailpreis oder ein späteres Budget-Release an Gegenwert bekomme. Ein wie auch immer geartetes schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle habe ich dabei nicht.

Ich selbst war früher in der Videospielbranche tätig, habe im Einzelhandel meine Brötchen verdient und war eine Weile bei der CDV Software Entertainment AG (Sudden Strike, Cossacks usw.) beschäftigt. “Raubkopien” kenne ich seit den frühesten Schultagen, als wir in der Klasse einen “Geschenk-Plan” aufgestellt haben, um zu verhindern, dass sich zwei Leute das gleiche Album schenken lassen, um durch Überspielen auf MC unsere gemeinsam erstellte Musikbibliothek so zielgerichtet zu vergrößern. Im ersten Informatikraum der Schule haben wir auf Brotkästen und alten Commodore 8000ern NATÜRLICH Kopien gezockt, da niemand von uns das Geld für all die Software hatte. Und zum Geburtstag ließen wir uns ja immer noch Musikalben schenken, denn trotz aller Begeisterung für diese neuen Spielzeuge, so lag unser Hauptinteresse immer noch bei Bands und Mukke. Gut, eines Tages stand zwar zum Entsetzen des Physiklehrers die Polizei im Informatik-Raum, weil einer der jüngeren Schüler (ein intelligentes, wirklich schlaues und talentiertes Bürschchen) leider nicht allzu intelligent war, als er all unsere Kopien via Kleinanzeige in der Lokalzeitung zum Kauf anbot. “Raubkopien” waren übrigens auch alltäglich bei CDV, wo man selbstverständlich sehen musste, was die Konkurrenz so treibt. “Konkurrenzbeobachtung” nannte sich das dann beschönigend, nur für den Fall, dass einer der paranoiden Producer oder der Vorstand, für die schon damals sogar eBay und die Gebrauchtspielmarkt der Hort allen Bösen auf Erden war, plötzlich ins Zimmer stürmte.

Ich bin mit Kopien aufgewachsen, Kopien sind Teil meines Lebens, sind untrennbarer Bestandteil des Digitalen Zeitalters, sogar viele Jahre VOR dem Siegeszug des Internets. Wenn Daten ratzfatz kopiert und verteilt werden können, ist es relativ sinnlos zu versuchen das Kopieren und Verteilen dieser Daten kontrollieren zu wollen. Entweder man verzichtet darauf digitalisierbare Inhalte zu veröffentlichen oder man muss lernen mit Kopien zu leben.

Und auch seit den Schulzeittagen höre ich die bittere Klage der Rechteverwerter und Kreativen, all diese Kopien würden ihr Geschäftsmodell gefährden und die Vielfalt der Kultur untergraben. “Copy kills Music” war zb. eine dieser lächerlichen Versuche der Plattenlabels ihre Vorstellungen von einem idealen Markt in die Köpfe der Jugendlichen zu bringen. Ich kann zwar nicht für die Allgemeinheit sprechen, aber UNS hat diese Kampagne einen SCHEISSDRECK interessiert. Wir haben überspielt und kopiert, weil wir das so wollten, weil wir Musik geliebt haben und weil unsere Eltern und Geschwister und Verwandten pünktlich zu Geburtstag und Weihnachten mehr oder minder detaillierte Geschenkpläne überreicht bekamen. Schüler A lässt sich “The Clash” schenken, Schüler B lässt sich das neue Alan Parsons Album schenken und und Schüler C schaut, dass er das Live-Album von Kiss bekommt. Drei sichere Umsätze. Dennoch waren wir ganz arg böse, denn die Musikindustrie hätte gerne neun sichere Umsätze gehabt, denn sie ging damals davon aus, dass die Kaufkraft unserer Eltern, Geschwister und Verwandten gegen Unendlich geht und alles Geld der Welt nur dazu dienen soll, Schallplatten zu kaufen.

Übrigens, seit dieser Zeit, seit jetzt fast 30 (!) Jahren (!), warte ich auf einen Beweis für die Behauptung, dass Kopien tatsächlich für verzeichnete und buchhalterisch belegte Umsatzverluste verantwortlich sind, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Kopien und Umsatzverlust besteht. Ich warte immer noch …

Und als eines Tages mein frisch erworbenes und vollkommen verbuggtes “Spellforce” nicht starten wollte und der in anderen Spielen verbaute Kopierschutz-Treiber Starforce mein CD-Laufwerk vor jedem Spielstart von “The Fall – Last Days of Gaia” so hochtourig drehen ließ, dass ich Schäden befürchten musste, habe ich, obwohl vollverdienender, steuerzahlender Bürger mein Spielkonsumverhalten nach langer Zeit wieder alten Schülerangewohnheiten angepasst. Ich habe wieder damit begonnen mir Kopien zu besorgen, weil ich keinen Bock mehr auf Fehlkauf und potentielle Hardware-Schäden durch wildgewordene Kopierschutz-Systeme hatte. Dieser Maßnahme ist es übrigens zu verdanken, dass aus einem frustrierten Beinahe-Ex-Kunden wieder ein zufriedener Konsument geworden ist, der mit Freuden und gerne viel Geld für Spiele ausgibt, da er jetzt nicht mehr die Katze im Sack kauft und eventuelle DRM-Arschficks mit Hilfe entsprechender Cracks aus dem Spiel entfernen kann. Hätte ich keine Gelegenheit an Kopien zu kommen, ich würde weniger Geld für Spiele ausgeben.

Was jetzt nach einem typisch anekdotischen Argument ohne großartige Aussagekraft aussieht, scheint aber kein Einzelfall zu sein. Es gibt zB. etliche Studien (diese hier ist übrigens aus dem Jahre 2000), die belegen, dass die Nutzer von Filesharing-Plattformen mehr Inhalte kaufen (!) als Leute, die keine Filesharing-Plattformen benutzen. Aber gut, ist ja alles Humbug, das Ende der Welt naht, wenn  hier nicht endlich … *kreisch* *rumschrei* *feuerschrift an wand erschein*

Neulich haben es die Vertreter der Rechteverwerter endlich geschafft EINE von unzählig vielen illegalen Streaming-Seiten hochzunehmen, das äußerst populäre “Kino.to”-Portal, welches angeblich für Umsatzschäden in Trilliardenhöhe und alle Schlechte der Welt verantwortlich war. Mal wieder das böse, böse Internet. Doch nun stellt sich heraus, dass …

Nutzer von kino.to gehen überdurchschnittlich oft ins Kino

Ach? Echt jetzt? Was für eine Überraschung. Wer hätte das gedacht, wer hätte das bloß ahnen können? Und die Quelle der Studie ist sogar die GfK, die höchst ehrenwerte und seriöse Gesellschaft für Konsumforschung, die man jetzt nicht unbedingt mit langhaarigen, Piratenpartei-T-Shirts tragenden, schwul-muslimischen Urheberrechts-Terroristen in in Verbindung bringt.

Aber das darf alles natürlich nicht sein. Kopieren ist ganz arg schrecklich schrecklich. Abmahnen ist ein einträgliches Geschäftsmodell. Schwarz ist Weiß und Frieden ist Krieg. Und gerade in der Spielebranche trifft man auf leider immer noch zu viele verbohrte Betonschädel, die vor lauter Angst und Paranoia die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und sich lieber an die jahrzehntealte Propaganda klammern, gegen die immer mehr Indizien sprechen und für die es immer noch keinen einzigen verfickten Beweis gibt.

Doch es wird die Zeit kommen … ich kann es nur immer wieder wiederholen. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Enkel diese Auseinandersetzungen um die Heilige Kuh “Urheberrecht” und “Geistiges Eigentum” nur noch aus wirtschaftswissenschaftlichen Geschichtsbüchern kennen werden. Weil zu ihren Lebzeiten der Käs gegessen ist. Weil bis dahin die Betonköpfe in den Vorstandsetagen und die paranoiden Sklaven im Keller der Konzerne sich in Richtung Erdreich verabschiedet und Platz gemacht haben für Leute, die gelernt und verstanden haben, dass sich im Digitalen Zeitalter “Frei” und “Kommerziell” nicht gegenseitig ausschließen, beide sich gegenseitig zum Nutzen aller befruchten. Was uns heute immer noch wie ein unvereinbarer Gegensatz erscheint, wird dann selbstverständlicher Alltag sein.

Von daher, werft den Filesharing-Client an, besucht den Click-Hoster und tauscht gefüllte USB-Festplatten bis die Fußsohlen qualmen und wenn ihr Geld übrig habt, dann kauft, was Euch gefällt. Das unerlaubte Verbreiten urheberrechtlich geschützter Inhalte mag zwar derzeit illegal sein, es ist aber RICHTIG und GUT! Richtig, weil es gut ist, Gut für die Kreativen, gut für die Rechteverwerter und gut für uns selbst. Everybody wins! Zugegeben, die Anwälte werden verlieren, aber das ist in Ordnung, denn irgendjemand muss schließlich an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt 🙂

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52 Kommentare zu “Die Zukunft ist “Frei” und lukrativ

  1. Joe sagt:

    Man sollte auch nicht vergessen, daß man beim Erwerb eines Spieles zum Vollpreis auch immer automatisch härtere Gängelgesetze mitkauft. Denn die Industrie verwendet das Geld ja nicht dazu, Kreativität zu finanzieren, sondern um Politiker zu kaufen, die ihnen dafür steuergleiche Zwangsabgaben (GEMA, siehe YouTube) und einen privaten Polizeistaat (GVU) stricken.

    Deshalb macht sich jeder mitschuldig am Abbau von Bürgerrechten, der dieser Industrie Geld gibt. That’s it. Wenn schon Moralkeule, dann richtig.

  2. Heimatprophet sagt:

    Du verwechselst da aber was:
    Es jammert hier nur einer. Die Industrie über ihre Fantastilliardenverluste durch die bösen, gemeinen Mordkopierer… Die Kopierer jammern nicht, denen ist das egal. Maximal lachen sie bloß drüber…

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