Nikki und die Open Source-Kommunisten

Normalerweise läuft das so ab …

“Hallo Blog-Betreiber! Hier dolles Event, dolles Ding, dolles whatsoever. Los, schreib drüber, weil geil und Du habe dann viele dolle Leser, wa? Mach bei uns mit, weil wir geil und Du viel Geld verdiene, weil Du dann bekannter wie bunter Hund, wa?”

Spätestens nach dem zweiten Satz löscht der Blog-Betreiber die Mail und hat schon beim Loslassen der linken Maustaste vergessen, was man in dieser Mail eventuell von ihm gewollt hat. Es kann daher durchaus passieren, dass hierbei auch Mails verlustig gehen, deren Inhalt und Intention mehr oder minder ehrenwert waren, die nicht nur aus dem plumpen Versuch bestanden, mit wenig Aufwand und geringsten Kosten Social Media-Marketing an einen verarmten Praktikanten abzudrücken, der nach kurzer und grober Recherche den Automailer der Agentur befüllen darf. Shit happens …

Ganz selten aber, da zögert der Zeigefinger. Manchmal sind es Kleinigkeiten, wie eine bestimmte Formulierung oder eine wohltuende Knappheit, Kargheit und vor allem Bescheidenheit der Ansprache. Da habe ich beim Lesen des dritten Satzes immer noch nicht den Eindruck meine Zeit entnervt vergeudet zu haben, sondern schaue mir sogar aktiv an, um was es hier eigentlich geht.

Hier und heute geht es um “Nikki And The Robots” vom Berliner Indie-Studio “Joyride Laboratories”.

nikki_01

Ein traditioneller Plattformer mit einer heute fast schon obligatorischen Physik-Engine und jeder Menge Retro-Pixel-Design. Auf den ersten Blick nichts besonders. Von dieser Art Spiel gibt es gefühlt mehr wie der sprichwörtliche Sand am Meer.

Dann ist da mein Blick im Downloadbereich auf die Plattform-Übersicht gestoßen. Ich lese Windows. Ich lese Mac OSX. Und ich lese Linux. Oha? Ist jetzt nicht unbedingt das, was man bei dieser Art Spiel erwartet, dominieren neben Windows normalerweise die Job’schen Knebel&Knecht-Geräteplattformen. Ich lese weiter …

Ahja, mhmmm, soso. Ein Informatiker und ein Absolvent einer Games Akademie. Nerds und Frickler. Passt. Ein sauberes Design der Webseite, in English, Deutsch und auf Japanisch. Spiel gibbets ersma nur als Alpha. Und bereits jetzt sollen Leute Levels für das Spiel basteln und die besten zehn werden mit einem T-Shirt und dem dann fertigen Spiel belohnt. Nachtigall, ick hör Dir trappsen. Wieder einer dieser Versuche mit billigst bezahlter Community-Arbeit den Reihbach zu machen? Ich lese weiter …

Ahh, nein, doch nicht ganz so übel, wie es anfänglich den Eindruck machte. Spiel und Editor werden als Open Source veröffentlicht, eine kommerzielle Closed Source-Version enthält die eigenen Art Assets und einen Story-Mode. Eigene Level können frei vertrieben werden, dürfen sogar nach Gusto kommerziell vertrieben werden. Yay, Freibier?

nikki_02

Ja, doch, schon ein wenig. Ich mag dieses Konzept. Hat Charme. Ein Versuch, die ausgetretenen Vertriebspfade zu verlassen. Geben und Loslassen, um letztendlich mehr zu bekommen. Zen-Kapitalismus. Ob’s funktioniert? Keine Ahnung. Aber wenn man nichts ausprobiert, dabei hin und wieder auf die Schnauze fällt, aber nie vergisst danach wieder aufzustehen, wird sich auch nie etwas verändern, wird nie etwas besser werden.

Zum Spiel selbst kann man noch nicht viel sagen. Die grundlegenden Gameplay-Elemente sind bereits enthalten, die Steuerung ist eingängig und präzise. Es fehlen noch Soundeffekte, Musik und natürlich haufenweise Inhalte. Spielbar sind etwa ein dutzend Level, von denen einige bereits andeuten, was für ein Knobel- und Geschicklichkeitspotential in diesem Konzept steckt, wenn man es schafft intelligente und anspruchsvolle Level zu bauen. Alles zwar nicht unbedingt neu und innovativ, aber man kann mit dem Spiel einige unterhaltsame Minuten verbringen, was für eine Alpha-Version schon mal gar nicht so übel ist.

Schau mer mal, was noch draus wird …

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9 Kommentare zu “Nikki und die Open Source-Kommunisten

  1. Cyberworm sagt:

    „Free as in free speech, not free beer.“

    Dass Open-Source Programme kostenlos sind, ist nur ein netter Nebeneffekt :D.

    Gibt ja noch viele andere Spiele, z.B. Battle for Wesnoth, OpenTTD (Transport Tycoon Deluxe Remake), Siedler II.5 (Siedler 2 Remake) uvm.

    Hier gibt es eine kleine Liste:
    http://www.holarse-linuxgaming.de/tags/200%2C201

  2. anigunner sagt:

    Cyberworm, danke für den Siedler2 Tip! Ich habe das immer über Dosbox betrieben, aber so über Windows ist das deutlich besser. 🙂

  3. Jörg sagt:

    Schön dass open source auch hierher findet – schließlich läuft der blog ja auch auf wordpress :P.

    (Bin großer FOSS enthusiast, aber es jemanden aufdrängen ist die beste methode jemanden zu verjagen!)

    Seit einiger Zeit habe ich eine Liste guter und vielversprechender FOSS Spiele, da keine zentralle sammelstelle für qualitätsware zu existieren scheint. Darin notiere ich mir was gut ist und was noch wo fehlen würde – und schau immer mal nach.

    Ich erwähne immer gerne http://www.hedgewars.org als klon des klassischen worms; im gegensatz zu wormux fühlt sich auch hier die präsentation und physik ‚richtig‘.

  4. […] Nikki und die Open Source-Kommunisten games jump'n'run freeware pc […]

  5. Joe sagt:

    Es gibt da verschiedene Strömungen. Open Source hat erstmal nichts mit Kommunismus, Crowdsourcing/Wikipedisierung u. a. zu tun.

    Open Source bedeutet erstmal, daß jemand ein Spiel ganz konventionell produziert und beim Kauf oder später auch den Source mitliefert, auf das fleißig modifiziert werden kann. Beispiele sind die Engines von 3D Realms oder id Software. Feine Sache, das begrüße ich.

    Dann gibt es die Ideologen, die ihren erfolglosen Klassenkampf auf einer anderen Ebene weiterführen wollen und sich „Free Software“ nennen. Mit denen ist eher nichts anzufangen, sie spalten die Open Source Community, wie man an dem Gezanke rund um OpenOffice sieht.

    Am Ende gibt es noch die Crowdsourcing-Hanseln, die glauben, man müsse nur genug Mitstreiter finden, die irgendwas für lau machen und dann entstünde automatisch ein hochwertiges Produkt. Ergebnis solchen Wirkens ist bspw. die Wikipedia, die maximal mittelmäßig ist. Sowas in Spielform würde ich gar nicht anrühren.

  6. Mitch sagt:

    Beim Lesen des Artikels haben sich mir einige Fragen aufgedrängt, ich stelle hier mal nur diejenige die mir am meisten unter den Fingernägeln brennt:
    Du löschst Deine Mails per Mausklick?

  7. Harzzach sagt:

    Ja. Und?

  8. Joe sagt:

    Vielleicht löscht Mitch seine Mails per Wischgeste? 😀

  9. Anonymous sagt:

    Pah,

    der moderne Mann löscht seine Mails durch Beauftragung der Assistentin zum Pusten ins Breath-Controller-Interface! 😉

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