Wiedergänger

amazon

Das hier ist ein Screenshot aus “Flight of the Amazon Queen”. Ein feines Stück Adventure-Kost aus dem Jahr 1995, welches gegenüber der damaligen Konkurrenz in Form von LucasArts und Sierra verständlicherweise ein wenig untergegangen ist. Erst knapp zehn Jahre später erlangte der Titel mehr Aufmerksamkeit, als er den Freeware-Status erlangte und über das ScummVM-Projekt erhältlich gemacht wurde. Wer FotAQ noch nicht kennt, ich kann es nur ans Herz legen …

LostHorizion

Das hier ist ein Screenshot aus “Lost Horizon”, dem neuesten Werk der Entwickler hinter “Geheimakte Tunguska”. Knapp 15 Jahre später wird einem hochauflösende, wunderschöne Graphik und eine Sprach- und Aufnahmequalität geboten, von der man im Jahre 1995 nur träumen konnte. Die Zeit vergeht schnell in unserem Hobby.

Nein, es stört mich nicht, dass in beiden Spielen die Hauptfigur ein Pilot ist, der einen Ford Tri-Motor sein Eigen nennt. Schliesslich fliegt Joe King über den Dschungeln des Amazonas, während Fenton Paddock seinen irischen Hintern über die Dächer der Welt hievt. Auch stört es nicht, dass sich beide Spiele massiv bei einem modernen Mythos, bei “Indiana Jones” bedienen. Das ist legitim, das geht selbstverständlich in Ordnung. Wenn ich aber eine filmreife audio-visuelle Präsentation bekomme, im selben Maße jedoch das spielerische Element Stück für Stück entschwindet, bis nur noch eine untote Hülle von Spiel zurückbleibt …

“Lost Horizon” ist eines dieser Spiele, bei denen man den Entwicklern unterwürfig dankt, wenn man nach langen Minuten unzähliger Cutscenes und wortreicher Dialoge endlich für einen kurzen Moment “spielen” darf. Schnell das harmlose Rätselchen gelöst und schwupps, die nächste Cutscene, der nächste lange Dialog. Zwar gibt es auch eine Auswahlbox mit Dialogvorschlägen, doch nur selten hat die Auswahl spielerischen Einfluss. Wenn diese Dialoge denn wenigstens irgendeinen sittlichen, unterhalterischen Wert hätten …

“Lost Horizon” ist ein Spiel, von dem man eigentlich dachte, sie seien spätestens Ende der 90er ausgestorben, um nie mehr wieder auf Erden zu wandeln. “Lost Horizon” ist ein stinkelangweiliger Interactive Movie, wobei das tautologisch ist. Interactive Movies sind per se stinkelangweilig, sie können nichts anderes sein, weil “stinkelangweilig” ein fundamentaler Bestandteil ihrer Wesensart ist. “Lost Horizon” ist ein Spiel für Leute, die beim Zocken nicht nachdenken wollen, die aber auch keine Lust haben die Glotze anzumachen. “Lost Horizon” ist eine Spiele-Simulation  für Leute, die nicht selber aktiv spielen, sondern nur passiv unterhalten werden wollen.

Ich will ja wirklich nicht damit beginnen, die verkratzte Schallplatte mit “Früher war alles besser!” vom Dachboden zu holen und aufzulegen, aber früher waren viele Spiele spielerisch tatsächlich besser. Da hatte ich als Spieler die Freiheit spielen zu dürfen, da musste ich mich zT. intensiv mit dem Spiel als solchen beschäftigen, um voran kommen zu können. Nicht, dass ich als alter Sack ein wenig Bequemlichkeit nicht schätzen würde, aber in “Lost Horizon” wurde alles entfernt, was auch nur annähernd den Spieler fordern könnte. Klickediklick, warten, zuhören, zuschauen, zuschauen, zuhören, irgendwann angenervt alle Dialoge und Cutscenes abbrechen und schnell weiterklicken, ahhhh, ein kleines interaktives Spielelement, zuschauen, zuhören, ohhh, Abspann …

Meine Fresse!

Die beiden “Tunguska”-Titel waren feine Adventures, die trotz einiger Komfort-Features (zB. die optionale Anzeige aller Hotspots) genügend Spiel enthielten, dass man auch tatsächlich etwas zu tun hatte. Beide Titel kann man ruhigen Gewissens weiterempfehlen. “Lost Horizon” sollte aber im wahrsten Sinne des Wortes hinter dem Horizont auf Tauchstation gehen und für immer verschwunden bleiben. Ich bin bei solchen Spielen immer nur froh, dass dafür nur eine Handvoll Euro draufgingen, wenn man bei zB. eBay herumstöbert. Für den vollen Retail-Preis von knapp 40 Euro hätte ich doch um einiges unentspannter reagiert.

Vielleicht hätte ich ja mit einem Holzpflock Packung und Datenträger … hey, sicher ist sicher! Interactive Movies müssen bekämpft und vernichtet werden, wir dürfen uns keine ruhige Minute erlauben, bis auch das letzte Exemplar gefunden und zerstört wurde!

Für eine bessere Spielewelt!!

*yahaaa* *bannerschwing* *weihwasser und pflock bereithalt*

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kack, Retro.

20 Kommentare zu “Wiedergänger

  1. Svennö sagt:

    Flight… fand ich ganz toll, bis ich dann wirklich im Amazonas Gebiet ankam und es ein ätzendes Rumgelaufe über die Karte wurde.

    Ich hab letztens noch Rex Nebula gespielt (tolle Grafik) aber als ich dann nicht weiterkam, weil ich einen Gegenstand nicht dabei hatte den ich irgendwann am Anfang des Spieles hätte mitnehmen sollen…NÖ! So nicht.

    Ich schätze, ich versuche endlich mal Zak McKracken durchzuspielen.

  2. Harzzach sagt:

    Rex Nebular wurde schon damals als erbärmliche Kopie von SpaceQuest enttarnt und links liegengelassen …

    Bessere Arbeit hat das dafür zuständige Team dann mit „Return of the Phantom“ und „Dragonsphere“ geleistet. Vor allem letzteres ist ein wahres Adventure-Kleinod.

  3. Malkavianer sagt:

    Bist du nicht zu Böse mit dem Spiel? Ich habe es selbst noch nicht gespielt aber so hart dabenen könenn die Macher der tollen Tunguska-Spiele doch gar nicht gewesen sein? oder etwa doch?

  4. Knurrunkulus sagt:

    Mich hat in diesem Jahr bisher kein aktuelles Adventure so gut unterhalten wie Lost Horizon. Auch, und das hat mich selbst wohl am meisten überrascht, das heiß erwartete A New Beginning nicht. Lost Horizon ist einfach, ja. Viele Dialoge und „Zwischensequenzen“ hat es, ja. Aber die sind dafür auch hochwertig produziert (bis auf den wirklich ein wenig zu endlosen Dialog in Marokko, nachdem der Typ, dessen Namen ich vergessen habe, aus dem Gefängnis freigekauft wurde). Und ich habe mich in den über 10 Stunden Spielzeit fast nie gelangweilt.

    Also hört nicht auf den Senior Gamer, Kinder. Der ist nur wieder in „Früher war alles besser“-Laune. Das hat der manchmal. Und manchmal hat er damit ja auch recht. Nur halt nicht in diesem Fall. 😉

  5. Harzzach sagt:

    Nö. Lost Horizon ist eine herbe Enttäuschung. Das ist genau das selbe hohle Gerippe von einem Spiel, wie damals Dreamfall gegenüber dem ultraerstklassigen „The Longest Journey“ ein hohles Gerippe von Spiel war, wo es nur eine hübsche Präsentation zu bestaunen gab und sonst nix.

  6. Harzzach sagt:

    Der ist nur wieder in “Früher war alles besser”-Laune.

    Nö. Lost Horizon ist nichts weiter als eine hübsche Fassade. Da steckt kein Spiel dahinter. Das hat man beim Versuch, auch den Leuten zu gefallen, die sonst keine Spiele mögen, weil zu anstregend, einfach wegoptimiert.

    Ich verweise da nur auf Warren Spector: „Wenn ihr einen Film machen wollt, dann macht einen Film!“
    LH ein Spiel zu nennen ist eine Beleidigung für jedes Spiel.

  7. Knurrunkulus sagt:

    Du übertreibst völlig. Lost Horizon ist mindestens zu ebenso großen Teilen Spiel wie es ein „Film“ ist (wobei der Filmanteil für dich ein Todesurteil für das Produkt zu sein scheint, mir aber sehr gut gefällt). Und spätestens nach dem Marokko-Kapitel wird der Filmanteil sowieso stark zurückgefahren.

    Es gefällt dir nicht, okay. Aber ein Spiel ist Lost Horizon dennoch. Und meiner Meinung noch sogar ein sehr gutes.

  8. Harzzach sagt:

    Wenn der passive Filmanteil bei einem Spiel solche Ausmaße annimmt, wie zB. bei Lost Horizon, dann frage ich mich, was ich da als Spieler eigentlich noch zu suchen habe. Dann kann ich gleich eine DVD einlegen …

    Mir stößt das in diesem Falle so sauer auf, weil neben dem Umstand, dass man nicht viel zum Spielen hat, das Spiel als solches auch viel zu einfach ist. Der interaktive Abschnitt beginnt und *schwupps* ist er auch schon wieder vorbei, weil die Rätsel im Halbschlaf, quasi auf der linken Arschbacke gelöst werden. Ich stoße kaum auf Situationen, wo ich überlegen muss.

    Und da die Dialoge nicht einmal ansatzweise die Qualität zB. eines Sam&Max haben, klicke ich mich ratzfatz durch den „Filmpart“, weil es mir am Hintern vorbeigeht, was da jetzt wie und wo und warum passiert.

    Viel zu leichte Rätsel und harmlose, öde Dialoge. Nur eine sehr hübsche Optik und ordentlich bemühte Sprecher. Das ist zumindest mir zu wenig. Viel zu wenig.

  9. minando sagt:

    Anscheinend definieren wir „spielen“ unterschiedlich…da schau ich mir lieber gleich den Film an, weil da ist an den bescheuerten Dialogen wenigstens nur der Regisseur schuld…

  10. afo sagt:

    Zum stinklangweiligen Interactive Movie: Du hast wohl nie „Die Versuchung – Tender Loving Care“ gespielt. Wobei das nichtmal wirklich „interactive“ ist. Aber es ist vielleicht auch die einzige Ausnahme…

  11. Graf Trunkenstein sagt:

    „Die Versuchung“?
    ohgottwardaslangweilig
    Dabei hatte ich damals nur die Demo gezockt
    Schnarch!

  12. Svennö sagt:

    Lange Cutscenes…hast du schon mal Metal Gear Solid gespielt? 😀

  13. Joe sagt:

    Dann kann ich gleich eine DVD einlegen

    Es gibt auch Adventures auf DVD, Haz. So richtig fürn DVD-Player mit Fernbedienung. 🙂

  14. Harzzach sagt:

    Nein, aber für MGS4 soll man scheinbar so einiges an Sitzfleisch benötigen … für mich ein Holzweg, der das Genre kein Stück nach vorne bringt, wenn man Storytelling hauptsächlich auf das Abspielen vorgefertigter Cutscenes beschränkt.

  15. Kalle sagt:

    Und mir war Tunguska 1 schon einen Tick zu banal, wie soll da erst Lost Horizon sein?^^
    Aber eigentlich hab ich nichts gegen solche interaktiven Spielfilme, solange die Ausnahme nicht zur Regel wird.
    Sollte ich mal wieder krank in der Ecke liegen, könnte so eine leichte Kost vielleicht sogar genau das Richtige sein.
    Was mich allerdings auch etwas ärgert ist die zunehmende genreübergreifende Vereinfachung der Spiele, die Vielfalt sollte da gewahrt bleiben, schließlich sollen Spiele auch Menschen fordern und nicht nur Schimpansen.

  16. Anonymous sagt:

    Also ich finde auch, dass du da mit dem Spiel zu hart ins Gericht gehst.

    Ich könnte einen Film gucken oder ein Buch lesen; mache ich aber nicht. Stattdessen verbringe ich meinen (Feier)Abend mit einem Computerspiel. Das soll unterhalten, aber nicht frustieren. Und genau das tut Lost Horizon!

    Ich möchte eben _nicht_ stundenlang über einem Rätsel grübeln, sondern in der Geschichte so schnell voran kommen, wie in einem Film oder einem Buch.

    Und obwohl Lost Horizon „so einfach“ war, hatte ich 2-3 Stellen, an denen ich ohne Lösung nicht weiter gekommen wäre und die mich frustriert hatten.

    Jetzt spielt meine Mutter, die sich mit Computern wenig auskennt, dieses Spiel – es ist ihr erstes Adventure und natürlich ist es für sie sehr schwierig, aber es macht ihr Spaß.

    Was ich damit sagen will: Für dich als langjährigen Spielekonsument mag Lost Horizon nicht ideal sein. Es gibt aber auch Menschen, die das etwas anders sehen.

    Eine Beurteilung ist immer subjektiv!

  17. derlandvoigt sagt:

    Algemein ist mir aufgefallen, das man im „Alter“ immer weniger Geduld für PC Games aufbringt. Eigendlich schade, aber ich hatte damals auch mehr Motivation alles durchzuspielen ( um vor Freuden anzugeben!? )

  18. nomadenseele sagt:

    Es bleibt einem halt weniger Zeit 😉 .

    *flücht*

  19. volunteer sagt:

    Also ich staune immer wieder über die vielen Lobpreisungen von Geheimakte 1+2.

    Ich spiele aktuell gerade Geheimakte 2, und finde es alles in allem reichlich öde. Die Story und die Charaktere sind vollkommen klischeebeladen, spannungs- und überraschungslos. Die Dialoge sind elending in die Länge gezogen, belanglos und viel zu krampfhaft witzig. Bei den Puzzles steht man oft da, und weiss gar nicht, was das Spiel von einem will, bis man durch verzweifeltes Gegenstände-Kombinieren-Probieren irgendwann mal ne Idee von ner Idee bekommt, worin eigentlich genau das aktuelle Problem besteht.

    Den ersten Teil (direkt vorher gespielt) fand ich insgesamt zwar besser, aber über guten Durchschnitt kam auch der nicht hinaus, und wenn DAS die Vorzeigeadventures der Entwickler sind, muss Lost Horizon wirklich übel sein.

    Wobei ich durchaus flexibel bin und neben „klassischen“ Adventures durchaus auch interaktive Filme mag, wenn die Geschichte gut und spannend (oder lustig) erzählt, und von überzeugenden Charakteren getragen wird (positives Bespiel wäre für mich definitiv das oben abgewatschte Dreamfall: als Adventure zugegebenermaßen ne Nullnummer, hat mich aufgrund der Story aber trotzdem total fasziniert!).

    Da die Entwickler von Geheimakte 1+2 aber gerade an Story und Charakteren ziemlich kläglich gescheitert sind, und sich eigentlich nur aus der Klischee Ersatzkiste bedient haben, lässt das für LH nichts Gutes ahnen.
    Das Ding wird sofort von meiner Wunschliste gestrichen.

  20. dertyp sagt:

    volle zustimmung. gerade damit fertig geworden, mich durch LH zu quälen.
    da ich tunguska schon nicht so toll fand (erster teil okay, zweiter was rätsel und story angeht teils aber schon arg absurd und doof), waren meine erwartungen eh schon nicht die größten, aber die wurden mangels der fehlenden interaktion noch deutlich unterboten.
    da die größeren titel immer mehr richtung casual gehen, sehe ich die zukunft für interessante adventures ohnehin bei den indies (lost crown, gemini rue…)

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