Als die Pixel rasen lernten

Früher, vor schier unglaublichen 15 Jahren, also in glücklicheren Zeiten, da war die Spielewelt noch in Ordnung. Es gab jedes Jahr jede Menge neuer Spiele und Klein-Harzzach war noch so offen und aufgeschlossen gegenüber vielen Genres, dass er kein Problem damit hatte, einen ganzen Tag lang ohne Handbuch im legendären “Bundesliga Manager Hattrick” herumzuklicken, bis er das Spiel ausreichend begriffen hatte, um im Laufe einer weiteren Woche den Karlsruher Sportclub von den Niederungen der Landesligen hin zu höchsten Meisterehren zu führen. Danach war mein Ziel erfüllt und mein Interesse an diesem Genre erlosch schlagartig, aber das ist eine Geschichte für ein anderes mal.

Alles war gut und dennoch nagte etwas an Klein-Harzzach. Es fehlte etwas zum vollkommenen Glück. Ein kleines Detail nur, aber es fehlte. Es fehlte mir für meinen treuen wackeren 486er ein gutes Rennspiel. Sicher, es gab zB. die Lotus Esprit–Serie, aber aus diversen Gründen gefiel mir das nicht. Dann gab es noch das legendäre “4D Sports Driving” mit seinem Editor und Streckenbaukasten. Aber das war für mich im Grunde kein richtiges Rennspiel, sondern “nur” ein Mittel, um im Editor wahnwitzige Strecken zu entwerfen, auf denen man danach spektakuläre Unfälle baute, die hinterher im Replay bis zur Vergasung bestaunt wurden. Ein wenig neidisch wurde rüber zu den Playstation-Besitzern geschaut, die mit “Ridge Racer” genau das Spielhallen-Feeling bekamen, nach welchem mir gelüstete.

Doch Hilfe nahte …

Denn in Italien werden nicht nur schnelle Autos gebaut, sondern auch schnelle Spiele programmiert. Unter dem vielsagenden Namen “Bleifuss” eroberte genau das Spiel mein Herzen, nach dem es so lange Jahre gedürstet hatte.

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Nicht perfekt, aber nahe dran. Fetzige Mukke von der CD, fetziges, schnelles Gameplay auf dem Bildschirm und eine schnelle, detailreiche SVGA-Graphik, die vor 15 Jahren für staunende Münder sorgte.

Blöderweise enthielt die deutsche Version aber einen recht gravierenden Fehler. In der Datei namens “MAP5H.DAT” befanden sich die Streckeninformationen für die SVGA-Variante des fünften Kurses. Und da die Informationen in dieser Datei korrupt waren und von mir irrsinnige Bestechungssummen verlangten, die ich natürlich nicht gewillt war zu zahlen, stellte das Programm an exakt dieser Stelle …

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… die Arbeit ein. Dieses Rennen musste also in der häßlichen VGA-Auflösung bestritten werden. Erst Jahre später fiel mir eine andere Sprachversion in die Hände, mit deren Hilfe ich herausfand, was denn eigentlich genau an meiner Fassung kaputt war. Wer möchte, dem kann ich gerne die “richtige” Datei zukommen lassen.

Ein knappes Jahr später stand mit “Bleifuss 2” der Nachfolger in den Regalen und ich rein zufällig beim Hardware-Dealer meines Vertrauens, weil ich Dank fleissiger Sklavenarbeit in der Schweiz die dort spärlich ausgezahlten Rappen in Berge von D-Mark umwandeln konnte. Der 486er wurde meinem Bruder überantwortet und ich kaufte mir einen dieser pfeilschnellen Pentium 133 mit einer 4MB-Ati Mach64. Haha! Ich bin der König!

War natürlich notwendig, da die neue Engine von Bleifuss 2 hochauflösende HighColor-Graphik bot. In Zahlen: 65.536 Farben in einer affenscharfen Auflösung von 640×480 Bildpunkten. Yay!

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Doch nicht nur die Optik war aufgehübscht worden, vor allem das Fahrmodell wurde gegenüber dem Vorgängers massiv verbessert. Krankte Teil Eins noch daran, dass sich die Fahrzeuge oft genug wie steife Bricketts anfühlten, die mit Mühen in die Kurven gezwungen werden mussten, so flutsche die Pixel-Karosse hier nur so um die Windungen und Biegungen der Strecke. Was auch sinnvoll erschien, fuhr man hier nicht mehr mit Supersportwagen um die Wette, sondern mit Rally-Sport inspirierten Fahrzeugen auf entsprechenden Strecken.

Bleifuss 2 ist für mich heute immer noch der beste Arcade-Racer der DOS-Ära. Es gab nichts besseres und es wird logischerweise auch nichts mehr besseres kommen. Bleifuss 2 war Gestalt gewordener Geschwindigkeitswahn, war Adrenalin in den Adern. Und da man von so Dreckskackfurz-Ideen wie dynamisch anpassbarer Gummiband-KI mangels nutzbarer CPU-Leistung noch nichts gehört hatte, spielte sich Bleifuss 2 auch so, wie sich ein Renspiel auch spielen soll. Es belohnt mich, wenn ich besser werde und es bestraft mich, wenn ich einen Fehler mache. Es ist nicht da, um mir faulem, verfressenem Couch-Potato ein billiges Erfolgserlebnis nach dem anderen zu bescheren, weil ich ja sonst nach Mami schreien könnte und ein anderes Spiel einlege.

Wiederum ein Jahr später gab es mit “Bleifuss Rally” den dritten Teil der Serie. Da man ein im Grunde perfektes Spiel nicht besser machen konnte und klugerweise darauf verzichtete, das Spiel mit Features vollzustopfen, die niemand haben wollte, gab es hier nur detailliertere Graphik und detailliertere, fiesere Strecken, die den ahnungslosen Piloten gerne in Häuserwände und andere Sackgassen schickten. UND … es gab zum ersten Mal Hardware-Beschleunigung via 3DFX-Chip. Die HighColor-SVGA-Version sah zwar immer noch einen Tick besser aus, weil die gefilterten Texturen notwendigerweise ihre Pixelschärfe verloren hatten, solche Argumente zählten aber nicht, wenn der Preis für ein marginale schlechtere Optik doch ein massiver Zugewinn an Frameraten war.

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Heute spielt das keine Rolle mehr. Dank leistungsfähiger Mehrkern-CPUs flutscht die emulierte SVGA-Graphik nur so dahin und wenn ich mitbekomme, dass die Implementierung der 3DFX-Unterstützung in DOSBox große Fortschritte macht, so ist das eigentlich nur noch von historischem Interesse.

In Punkto Spielspass schlägt die Bleifuss- oder Screamer-Serie, wie sie ausserhalb Deutschlands auch genannt wird, zumindest in meinen Augen nahezu jeden Arcade-Racer, der danach erschienen ist. Unkompliziert. Einfach zu spielen, aber schwierig zu meistern.

Brummm! Vroooom! Roahhhr! *hetzbretterdübelschepper*

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

14 Kommentare zu “Als die Pixel rasen lernten

  1. Joe sagt:

    Test Drive, 4D Sports Driving, Destruction Derby, Screamer, Nascar Racing, Geoff Crammond’s Formula 1 Grand Prix – das war vielleicht eine Ära. Da gab es noch richtig Abwechslung und bis auf DD boten alle eine Cockpitsicht. Bei Screamer erinnere ich mich noch an den Ansager, der alles vorlaut kommentierte.

  2. Harzzach sagt:

    Jepp: „It must be real hard driving this good!“

    Und ja, das war eine Ära. Ein Goldenes Zeitalter. Nicht, dass die Spiele früher besser waren. Das ist nicht der Punkt. Die Vielfalt war größer, das Angebot breiter. Heute haben alle Spiele photorealistische Graphik, haben alle den selben Satz Features, weil das Gameplay aus dem Setzbaukasten des Zielgruppen-Marketings zusammengebaut wird und für Screenshots braucht man Bildunterschriften, um die einzelnen Titel auseinanderhalten zu können.

    Der Produktionsstandard und die allgemeine Releasequalität ist unbestreitbar höher, gar keine Frage. Aber die Vielfalt ist weg. Weggebügelt und umsatzoptimiert. Schade …

  3. pepsodent sagt:

    Ja, nee, für mich war mit Bleifuss schon Schluss. Bei Bleifuss 2 kam ich überhaupt nicht mit den Rally-Funktionen zurecht, weshalb ich da leider nur recht beschränkten Spaß mit hatte. Und Bleifuss Rally hab ich dann sinnvollerweise komplett ignoriert.
    Aber das erste Bleifuss war wirklich ein sagenhaftes Erlebnis. Nie mehr danach hatte ich solchen phänomenalen Spaß mit einem Rennspiel!

  4. Look sagt:

    Puh der Kelch ist an mir vorüber gegangen, ich habe es nicht so mit Rennspielen – bis auf Micro Machines, Mario Kart und so was wie Zero FX/Whipout, ist für mich alles realistisch genug :).

  5. […] Gamer: Als die Pixel rasen lernten Bleifuss und seine Nachfolger hatte ich auch. Da gingen schon einige Stunden ins Ladn für die […]

  6. Kalle sagt:

    Bleifuß 2 hatte ich damals auch nach einem positiven Review (ASM wenn ich mich recht erinner) erstanden und viele Stunden Spaß gehabt.
    Wenn ich mich richtig erinnere gab es noch später dieses Bleifuß Fun mit der Sicht von oben. Hat mich ein wenig an Micro Machines erinnert, aber da hatte ich nur die Demo von.

    Was gibt es da heute noch vergleichbares? Grid, Blur, Burnout? Hab mal wieder Laune auf unkompliziertes Arcade Racing.

  7. jge sagt:

    Bleifuß Fun ist aus Schweden, wenn ich mich recht entsinne — und hatte diesen tollen Splitscreen-Modus für endlosen Spaß mit der kleinen Schwester. Und mit Cheatcodes konnte man die Sicht umstellen auf Rückenansicht, allerdings sah man dann zuwenig. —
    Bei zwei der Screenshots oben klingelt bei mir was: dem Namenseingebe-schirm und diese Ansicht des Spielautomaten. Muss ich also wohl auch mal gespielt haben, aber in Erinnerung habe ich das nicht. Lotus Esprit Turbo Challenge 1 2 und 3 hingegen (auf dem Amiga allerdings) hat wohl für mich die Funktion als Referenzraser erfüllt. Und Supercars, das mir jetzt einfällt, weil das von der gleichen Firma wie Lotus war. Besonders Teil 2, im Splitscreen, Homing Missiles auf die Mitspieler …

  8. Andreas sagt:

    Bleifuss habe ich noch im original im Keller stehen – was für ein Spass damals. Hat mich die Grafik geplättet 🙂

  9. Hyrsch sagt:

    Ich hatte immer riesen Spaß mit Lotus.
    Eines meiner liebsten Rennspiele aller Zeiten

  10. Ranor sagt:

    Es blutet einem das Herz wenn man sieht, was für mittelmäßigen Mist Milestone seit Jahren nur noch so veröffentlich

  11. anigunner sagt:

    Oh ja… die Bleifussreihe. Leider funktioniert bei mir der Sound über Dosbox nicht bei Screamer 2, sonst hätte ich es längst wieder auf meinem PC 😦
    Habe neulich mal Outrun 2006 für nen Apple und ein Ei besorgt, aber es hat bei weitem nicht den Charme und die gute Lenkung der Bleifusspiele. Warum diese Serie nicht in einem zeitgemäßen Gewand wieder aufersteht ist nicht nachvollziehbar. Moment…. lieber nicht, sonst würden Sie es nur wieder verhunzen.

  12. Bildung bleibt kostenlos sagt:

    vielleicht nicht sehr passend, bin auch leider erst jetzt darauf gestoßen und es passt wohl eher zum Comic-Thema. Aber wer es noch nicht kennt sollte unbedingt mal vorbeischauen und sich den Download gönnen.

    http://alexhays.com/loomis/

  13. Sega sagt:

    Sega Rally ist doch ein halbwegs zeitgemäßer Arcade-Racer http://www.4players.de/4players.php/dispbericht/360/Test/8132/5829/0/Sega_Rally.html
    Da kann man mal wieder auf unkomplizierte Weise losdüsen.

  14. Malkavianer sagt:

    WOW, da ahnt man nichts böses, besucht einen liebgewonnenen Blog…und stolpert über einen ganzen Artikel über das beste Rennspiel aller Zeiten. Ich bin sprachlos.

    Bleifuss 1 + 2 sind ein fester Bestandteil einer jeden Festplatte von mir, auch wenn die Grafik heutzutage fast schon Schmerzen bereitet…es ist dennoch der Hammer mit dem schwarzen Porsche den Rest abzuhängen und sich für die Dauer von einigen Runden wieder wie ein 14jähriger zu führen…damals mit 133mhz (ich kam nach der 486er Ära zu den PCs…)

    Manche Spiele sind einfach zeitlos…danke für die Erinnerung daran 🙂

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