Die beste Serie der Welt?

Mit einer der Gründe, warum ich in den letzten Wochen so wenig zum Zocken gekommen bin, belegte bis gestern abend knapp 40 GB auf meiner Festplatte.

The Wire”, alle fünf Staffeln.

Ich kenne diese Serie schon seit längerem vom Namen her. Immer taucht sie in diversen Diskussionen auf, wenn es um “gute” TV-Shows geht, wenn es darum geht aufzuzeigen, wie sehr TV-Serien das Kino als Medium für gute, packende Geschichten abgelöst hat. Vor einigen Wochen war es dann aber soweit.

Ausgestattet mit dem neuen DSL-Anschluss rauschten die Folgen nur so aus dem Netz zu mir nach Hause und als braver Filesharer zu gleichen Teilen auch wieder zurück. Knapp 40 GB wollten angeschaut werden. War ich skeptisch? Ja, natürlich. Jedes Werk, welches von Kritikern als das beste seines Genres oder gar Mediums bezeichnet wird, im Falle von “The Wire” sogar als die beste TV-Serie aller Zeiten, sollte, MUSS einen skeptisch werden lassen. “The Wire”, das ist eine Serie über Polizisten und Drogendealer in Baltimore. Abgedroschener kann ein Setting für eine Serie doch nicht sein, oder? Schon wieder ne Bullen-Geschichte, gähn! Nein? Doch nicht? Warum dieses nahezu einhellige Kritiker-Lob jenseits und sogar diesseits des Großen Teichs? Ist doch was dran?

Für mich liegt der Knackpunkt in der Qualität einer Geschichte, sei es in gedruckter Form, in der Glotze oder im Kino, ob es der Geschichte gelingt, Interesse für die Charaktere in der Geschichte zu wecken. Nicht nur Interesse, sondern Mitgefühl, Wohlwollen, Ablehnung. Fühle ich etwas, wenn nach und nach die einzelnen Charaktere und ihre Hintergründe vorgestellt werden? Will ich wissen, wie es weitergeht, was diesen Menschen bevorsteht, wie ihr weiteres Leben aussieht?

Ja, ich will. Nach nur wenigen Minuten.

“The Wire” erzählt uns dabei aber nichts neues. Wir kennen das alles schon. Drogenkriminalität, inkompetente Beamte, strunzdumme Kleinkriminelle, erschütterne Strassen-Schicksale, der Einfluss der Politik, das systemische Versagen unserer Gesellschaft und ihrer Strukturen. Dazu kommen noch US-spezifische Themen wie der sinnlose “War on Drugs” und das kollabierende Schulsystem. Das alles kennen wir. Manchmal so gut, dass wir es gar nicht mehr sehen wollen, weil sich doch eh nichts ändert. “The Wire” zeigt diese Wirklichkeit. Unaufgeregt, ohne Weichzeichner, ohne schamvolles Abblenden, aber auch nicht als voyeristische Peepshow. So, wie es eben ist. Es gibt keine moralischen Gewinner, keine Lektion zu lernen. Es wird kein Urteil gefällt. Es gibt keine Helden und keine Bösewichter. Drogendealer dealen eben mit Drogen, weil der Bedarf dafür groß ist und weil es der Vater, der Bruder, der Cousin schon vorher gemacht haben. Drogendealer erschiessen ihre Konkurrenten, der Begriff “feindliche Übernahme” eines lukrativen Strassenzuges ist wörtlich zu nehmen. Polizisten jagen Drogendealer, weil das ihr Job ist. Interesse daran, sie auch zu fassen, haben nur die wenigsten, bedeutet dies bürokratischer Mehraufwand und das Herumärgern mit Vorgesetzten, wenn man tatsächlich Ergebnisse sehen möchte, anstatt sich nur an der großen Lüge “Kriminalstatistik” zu beteiligen, an deren Auf und Ab sich Politiker-Karrieren entscheiden. Die Politiker kümmern sich nur um ihre eigenen Karrieren, die Verbindungen zwischen Drogengeld und Geldwäsche durch honorige Stadtbürger sind Alltag, weil die Politiker dieses Geld für ihren Wahlkmapf benötigen. Das ist eben so. Überall.

Und das ist spannend? Ist es spannend zu zusehen, wenn von der ersten Sekunden an klar ist, wer welche Tat verübt hat? Ist es spannend zu zusehen, wenn auch von Anfang an klar ist, dass die meisten Täter irgendwann geschnappt werden oder in den Strassen ihr bleihaltiges Schicksal finden? Ist es spannend, wenn man weiß, dass sich aber NICHTS ändern wird, die Dealer weiterhin dealen werden (von Staffel zu Staffel werden sie immer jünger), für jedes inhaftierte oder erschossene Gang-Mitglied sofort zwei neue Kinder/Jugendliche nachrücken und die Strippenzieher im Hintergrund oft genug mit staatlicher Rückendeckung weiter operieren dürfen, weil der “War on Terror” in den USA wichtiger geworden ist als der “War on Drugs”?

Nein, spannend ist das nicht. Das ist eher deprimierend. “The Wire” ist nicht lustig und baut einen moralisch auch nicht auf. “The Wire” zeigt einfach nur, wie es ist. Dennoch …

Es sind die Figuren, die Charaktere, die Dialoge, die ruhigen Momente, die Einblicke in ihre Gedankenwelt, die diese Serie so einzigartig machen. Manche Kritiker sagen, “The Wire” erzähle die Geschichte einer Stadt. Ich sage, “The Wire” erzählt die Geschichte von Menschen IN einer Stadt. Erzählt sie so gut, dass ich mir zu Weihnachten wohl die DVD-Box zulegen werde, um mir die Serie mit Audio-Kommentaren nochmals anzusehen.

Ist “The Wire” nun die beste Serie der Welt, wie es immer heisst?

Hmm, hmmm … sagen wir so: Wer eine bessere Serie als “The Wire” drehen möchte, der muss sich gewaltig anstrengen. Ganz gewaltig!

Jedoch ein Wort der Warnung: Wer des Englischen in Wort und Schrift nicht ausreichend mächtig ist, der wird keinen großen Spass an dieser Serie haben. Die Serie lief nur für wenige Folgen im deutschen Pay-TV und liegt in .avi- oder DVD-Form nur im englischen Original vor. Wer RICHTIG gut ist oder seinen Batchelor in Street-Slang machen möchte, der schaut sich “The Wire” ohne Untertitel an. Für alle anderen ist es keine Schande die englischen Untertitel einzuschalten.

Achja, noch was …

GTA_SA

Wenn man “The Wire” gesehen hat, verblassen solche Spiele zu jämmerlichen, erbärmlichen Exploitation-Kommerzprodukten. Ich weiß daher nicht, ob ich GTA-Fans diese Serie empfehlen kann …

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22 Kommentare zu “Die beste Serie der Welt?

  1. shd sagt:

    Danke für diesen Beitrag. Mir geht es ähnlich: Seit ich Serien wie „The Wire“, „The Sopranos“, „Deadwood“ usw.. gesehen habe, machen mir viele Spiele weniger Spass als früher. Gerade Gta ist ein gutes Beispiel. Von Teil 4 hat alle Welt gejubelt wie toll die Story doch sei, wie spannend und realitätsnah..
    Dummerweise hab ich davor gerade die zweite Staffel von The Wire geschaut.

  2. schokakola sagt:

    Hey, schön dass dir The Wire gefallen hat. Ich schmeiß dir jetzt Tipps an den Kopf, einfach so. Alle Serien von David Simon (Der Mann hinter The Wire).
    The Corner ist eine Mini-Serie, spielt auch in Baltimore und kam vor The Wire raus. Behandelt in etwa die selben Themen, ist aber noch einiges härter imo. Pflichtprogramm, wenn dir The Wire gefallen hat. Gibt auch Überschneidungen im Cast.
    Generation Kill ist eine Mini-Serie die das Leben der US Soldaten im Irak beleuchtet, sehr interessant gemacht (Keine OHA EXPLODIERENDE AUTOS ÜBERALL Kacke, trust me).
    Treme spielt in New Orleans, post-Katrina und ist David Simons erste „richtige“ (Mehrere Staffeln) Serie nach The Wire, man verfolgt hier das Leben einiger lokaler Musiker. Das Feeling der „Stadt als Charakter“ ist hier ähnlich wie bei Wire. Simon hat hier viel Wert auf Musik gelegt. Die Schauspieler von Bunk und Lester haben hier Hauptrollen, die erste Staffel hat gerade aufgehört.
    Have fun. 😀

  3. Harzzach sagt:

    Hehe, The Bunk is back! 🙂

  4. Rolle sagt:

    Ich bleibe vorerst bei Breaking Bad und Dexter. Die sind zwar weniger ernst und realitätsnah, aber dafür sehr amüsant und unterhaltsam, und das ist mir, jetzt wo es auf die tristen Herbsttage zugeht, dann doch etwas lieber.
    Nichtsdestotrotz stehen Serien wie The Wire, Sopranos und Deadwood auch bei mir hoch im Kurs.

  5. hoellenbewohner sagt:

    Jedoch ein Wort der Warnung: Wer des Englischen in Wort und Schrift nicht ausreichend mächtig ist, der wird keinen großen Spass an dieser Serie haben. Die Serie lief nur für wenige Folgen im deutschen Pay-TV und liegt in .avi- oder DVD-Form nur im englischen Original vor.

    ———————————————————–

    also bei den richtigen freaks liegen staffel 1-5 in deutsch vor. bei bedarf kann ich dir einen invite geben ;o).

  6. schokakola sagt:

    Wer will das denn bitte auf Deutsch sehen? Das ist so mies übersetzt, da bekomm ich Brechreiz.
    „Wir nannten ihn Rotz.“
    „Er war einer von uns.“

  7. Ranor sagt:

    „The Wire“ steht auch noch auf meiner Liste. Aber ich muss jetzt zuerst einmal „The Shield“ fertigschauen – für mich (neben Boston Legal und Babylon 5) die wohl beste Serie der Welt!

  8. schokakola sagt:

    The Shield ist The Wire in der Konsolenversion. Wenn du The Wire gesehen hast wirst du mir zustimmen. 😀 War aber ganz gut, sehr cool Ende.

  9. klopskalle sagt:

    The Shield ist definitiv nicht The Wire in der Konsolenversion. Zwar ist die Serie nicht so komplex wie The Wire, dafür aber deutlich spannender und mitunter auch unterhaltsamer.

  10. rastaknastler sagt:

    Nach der „Goode Family“ von der es leider nur eine Staffel gibt, sicher einen Blick wert.

  11. iks sagt:

    Ich wills auf Deutsch, denn da gewinnt die Serie noch eine ulkige Seite hinzu und ist somit noch besser 😀

  12. Frank sagt:

    Prinzipiell schaue ich mir Filme/Serien auch lieber auf Englisch an (so es denn der O-TOn ist). Allerdings hasse ich Untertitel lesen und bevor ich gar nix verstehe such ich lieber nach der deutschen Synchro…

    @ Harzzach

    Danke für den Tipp, bisher nicht viel von der Serie gehört, werd aber mal reinschauen….

  13. schokakola sagt:

    Wenn du englische Subs bei englischem Ton hast, „liest“ du die Untertitel im Grunde nicht. Gewöhnungssache und allemal besser als sich Kram auf Deutsch anzugucken. 😉

  14. schokakola sagt:

    Huch, das sollte eine Antwort an Frank sein.

  15. schokakola sagt:

    Wenn bei dir flache Charaktere, Schwarz/Weissmalerei und viel zu viel Wackelkamera Spannung und Unterhaltung ausmachen, dann bitteschön. 😉

  16. Frank sagt:

    Bei mir ist das genau umgekehrt, wenn da ein Sub ist, dann lese ich ihn autotmatisch. Selbst wenn ich mir einen Film in Deutsch/Deutsch anschaue, lese ich die Subs. Dadurch verpass ich dann das ganze eigentliche Bild, daher mag ich keine Subs. Ich verstehe zwar einen großen Teil der englischen Sprache, allerdings nicht wenn es ins „extrem“ umgeangssprachliche wie bspw bei GTA:SA driftet. Da ist mir eine deutsche Synchro dann doch lieber. Lieber alles gesehen und den meisten Inhalt verstanden (abhängig von der Synchro), als nix gesehen und nur die Hälfte verstanden 😉

    Gruß
    Frank

  17. Stalinist sagt:

    „EAT THE RICH!!“

    und Garagen zum Üben für ALLE.

    Habe mir gerade den ersten Teil angesehen und es ist nicht schlecht, Vielen Dank

  18. klopskalle sagt:

    „Wenn bei dir flache Charaktere, Schwarz/Weissmalerei und viel zu viel Wackelkamera Spannung und Unterhaltung ausmachen, dann bitteschön. ;)“

    Okay, du hast THE SHIELD nie gesehen, denn sonst würdest du nicht solch einen Unsinn schreiben.^^

    @ Harzzach

    Du hast geschrieben, man solle THE WIRE auf Englisch gucken, wenn man der Sprache mächtig ist. Da HBO die Serie für das amerikanische Publikum zum Teil mit Untertiteln ausstrahlen musste, weil alles, was nicht aus dem Raum Baltimore kam, den Slang nicht verstand, würde mich interessieren, wie anspruchsvoll das Ganze für „Non English Native Speakers“ ist.

    P.S.: Den letzte Absatz deines Beitrages halte ich für Unfug. Man kann GTA nicht ansatzweise mit The Wire vergleichen. Dazu ist die Spielereihe zu sehr Satire, zu sehr übertrieben. Nichtsdestotz bringt Rockstar viele Schattenseiten und Paradoxien des „American Way of life“ auf den Punkt, was der Mehrzahl der spielenden Klientel anscheinend verborgen bleibt ( Damit meine ich nicht dich ).

  19. Harzzach sagt:

    Doch, man kann GTA schon mit The Wire vergleichen. Und zwar genau wegen dieses angeblich satirischen Inhaltes, der einige Dinge des American Way of Life angeblich auf die Schippe nehmen soll. Nach The Wire wirkt GTA wie ein billiger, schamloser Exploitation-Flick, wie ein „Tunnel Rats“ von Uwe Boll gegenüber „Apocalypse Now“. Gangsta-Gehabe für reiche weiße Kids in ihren gepflegten Kinderzimmern.

    Ok, wobei das nur GTA-SA betrifft. GTA3 und Vice City waren Hommage an Cop-Movies aus den 70ern und „Miami Vice“, während SA schon immer etwas lächerlich und aufgesetzt wirkte. Nach The Wire umso mehr.

  20. ein_leser sagt:

    Die Serie erinnert irgendwie an „The Practice“, nur, dass man das Geschehen da von der anderen Seite betrachtet, der Seite der Anwälte, die die Drogendealer und Mörder vertreten.
    Da gab es schon einige ziemlich harte Fälle, ein richtig krasses Kontrastprogramm zu Boston Legal.

  21. AlexB sagt:

    Hm als GTA Fan lasse ich wohl besser die finger davon 😛

  22. Mr.Freaky sagt:

    Ist zwar ein wenig spät…aber zu The Wire muss ich mich mal kurz äußern:
    1. Artikel bringt es perfekt auf den Punkt.
    2. The Wire gibt es mittlerweile komplett auf Deutsch.
    3. GTA SA war eine Anspielung auf die ganzen Ghetto Filme und Westcoast Gangsta Anfang der 90er und lässt sich wenig mit The Wire vergleichen.

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