Retro-Impressionen: Depth Dwellers

Wir schreiben das 1994. Wir alle sind seit etwa einem Jahr in hellem Aufruhr, hat doch ein neues Genre das Licht der Welt erblickt. “Doom” hat uns den Verstand aus dem Hirn und die Augen aus dem Schädel geblasen. Ego-Shooter! Noch etwas ungelenk rollt dieser neue Begriff über unsere Lippen, doch nichts anderes wollen wir mehr sagen. Ego-Shooter hier, Doom dort! 3D!Hört ihr? 3D!!!! Was natürlich Quatsch war, war Doom doch allerhöchstens zweieinhalb-dimensional und dazu immer noch ziemlich flach auf dem Röhrenbild des kleinen 14’’-Bildschirmes. Egal. 3D, 3D und nochmals 3D! Hyper, hyper, yay, yay!

Im Zuge des immensen Erfolges von Doom schwappten logischerweise in schneller Folge diverse Doom-Klone in unsere Festplatten und über unsere CPUs. Musste Klein-Harzzach natürlich alle haben, denn 3D war das Gebot der Stunde und, äh, E-g-o-s-h-o-o-t-e-r waren Pflicht. Angesichts dieses selbstinduzierten Hypes war es auch nachvollziehbar (wenn auch heute vollkommen unverständlich), dass Klein-Harzzach schlappe 50 DM für die registrierte Vollversion eines Shareware-Spieles namens “Depth Dwellers” auf den Tresen legte.

Depth Dwellers

 
Das Spiele-Äquivalent zu einer Butter&Kaffeefahrt, von der man mit ca. 3 Tonnen elektrischer Heizdecken und anderem nutzlosem Dreck nach Hause kommt. Doch dazu später mehr.

Nein, was mich dazu veranlasst hatte wertvolles Geld für wertlosen Code einzutauschen, war die Abbildung einer 3D-Brille auf der Verpackung. Ja, doch, tatsächlich. Depth Dwellers sollte eine “richtige” 3D-Darstellung ermöglichen. Und das war keine billige Marketinglüge, sondern entsprach der Wirklichkeit. Mit Druck auf “F7” wurde das Spielgeschehen stereographisch mit zwei leicht verschobenen Rot- und Blau-Kanälen gerendert, die das bedauernswerte Gehirn des Spielers mit Hilfe einer in der Verpackung beiligenden 3D-Brille zu einem dreidimensional erscheinenden Bild zusammensetzen durfte.

Und es hat funktioniert. Nicht perfekt, aber gut genug, dass man einen entsprechenden Effekt überzeugend und dauerhaft wahrnehmen konnte. Damals, als ich noch frisch, jung und knackig war, hätte ich diesen Projektionsmodus wahrscheinlich ohne Beschwerden vertragen und hätte gefordert, dass nun alle Spiele so zu funktionieren hätten. Doch leider war meine damalige Hardware nicht stark genug, um den 3D-Modus zu einem spielerischen Genuß zu machen und konnte das Spiel auf diese Weise nur im Postkarten-Einzelbild-Modus darstellen.

Vorher ... Nachher ...

Heute jedoch, da werkelt DOSBox mit angezogener Handbremse in einem hinteren Eck eines meiner vier CPU-Kerne und das Bild flutscht nur so flüssig dahin. Mein Gehirn möchte sich dieser flüssigen Darstellung anschliessen und verwandelt sich in einen gasförmigen Aggregatszustand, denn nicht anders kann ich mir den Druck hinter meinen Schläfen vorstellen, nachdem ich nur fünf Minuten lang die 3D-Brille aufgesetzt habe, um Screenshots und ein kleines Gameplay-Video anzufertigen, welches (sofern man eine entsprechende Brille aufsetzt) auch im “konservierten” Zustand den 3D-Effekt recht überzeugend herüberbringt.

Meines Wissens ist Depth Dwellers somit das erste kommerzielle Computerspiel, welches in “3D” daherkam. Nintendo Virtual Boy kam erst ein Jahr später und frühere Experimente waren eben nur Experimente. Somit ist auch schon das einzig Positive über Depth Dwellers gesagt. Wer nun aber loszieht und versucht dieses epochale Meisterwerk zu besorgen, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass er viel Zeit und Mühen auf ein Spiel vergeudet, welches ausser diesem 3D-Gimmick nun wirklich NICHTS hat, was ein auch nur einigermassen akzeptables Spiel haben sollte.

Depth Dwellers ist häßlich.

Depth Dwellers klingt gräßlich.

Depth Dwellers hat eine äusserst seltsame, natürlich nicht zu ändernde Tastaturbelegung, die den Spieler selbst in der Frühzeit der Ego-Shooter-Historie, als es noch kaum etablierte Standards gab, nur ratlos und fingerverknotend-verwirrt zurückließ.

Depth Dwellers hat keinen Strafe-Mode. Angeblich kann man nur strafen, wenn man ein Gravis Gamepad anschliesst. Dann aber kann man sich nicht vor- und zurückbewegen. Zumindest steht das so in Abschnitt “Tastaturbelegung” im Handbuch.

Es ist unfair, bockelschwer und ohne Cheatcodes kaum zuschaffen. Mit wohl auch ein Grund, warum im Handbuch selbige Cheats dick und fett und prominent erwähnt werden.

Depth Dwellers ist ein übles Drecksspiel.

Aber es ist meines Wissens das erste “richtige” 3D-Spiel.

Immerhin! 🙂

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

15 Kommentare zu “Retro-Impressionen: Depth Dwellers

  1. Arno Nühm sagt:

    Aus demselben Jahr stammt allerdings auch Bullfrogs „Magic Carpet“, das ebenfalls einen 3D-Modus für Brille besaß und als Dreingabe auch einen für Autostereoskopie.

  2. Deagle sagt:

    Oha.. magic carpet… mann hat mich das Stunden und Tage meiner Jugend gekostet… wusste gar nicht das das einen 3D modus hatte.

    Gruß
    D.

  3. Harzzach sagt:

    Hast recht, ganz vergessen. Hatte ich einmal eingeschaltet, dann ist der Rechner eingefroren, weil er minutenlang an einem einzigen Frame herumgerechnet hat.

  4. Lexkun sagt:

    Wenn ich mich sogar recht erinner, dann hatte Magic Carpet einen 3D Modus für diese dicken Helme die damals cool waren und nicht für diese rot/blau Brillen.

  5. Lexkun sagt:

    Ah, mein Fehler, es hat beides unterstützt.

  6. Sebastian sagt:

    An dieser Stelle sei auf Rad Racer verwiesen. Ein NES-Rennspiel, welches ebenfalls mit 3D-Brille ausgeliefert wurde. Durch Knopdfruck konnte man auch hier in eien 3D-Modus (Brille war beigelegt) wechseln, welcher aber nicht sehr beeindruckend war. Aber: er war vorhanden. Ich habe von dem Spiel auch erst vor… verdammt, das ist auch schon wieder 13 Jahre her. Da hat mein Onkel mit seiner neuen „3D-Konsole“ von Nintendo angeben wollen, als ich mir gerade das N64 gekauft hatte 🙂

    Kuriosum am Rande: Das Spiel ist von Square, die Musik von Nobuo Uemetso.

  7. Sebastian sagt:

    Warum schreibe ich zweimal, dass eine Brille beigelegt war? Naja.

  8. kehrbaer sagt:

    Alter! Magic Carpet II !!111 Mitm Teppich rumrasen und fette Manakugeln einraffen oder den bösen Manticoren eine Burg auf den Kopp zaubern um sie zu killen oder im der Höhle 1 Stunde lang (!!!) Vulkane und Burgen zaubern, bis sich das Terrain an irgend einer Stelle so weit geöffnet hatte, dass man hindurchfliegen konnte…

    Das war 1995 auf meinem ersten Rechner, nem Pentium 90… der steht da hinten im Eck und läuft sogar noch. Allerdings kann das heutige Highres- gewohnte Auge mit dem Grobpixelmatsch leider gar nichts mehr anfangen. Warum bringt man sowas nicht mal mit moderner Grafik raus, würde sich alleine schon wegen dem rattenscharfen Soundtrack lohnen 😀

  9. Martin sagt:

    Ich war damals von Depth Dwellers hellauf begeistert, als eine Demo in der ASM (oder eine ähnliche Zeitschrift) beigelegt war. Das hatte mich an Ken’s Labyrinth erinnert, was ich damals total gerne gespielt hatte. Und Doom kannte ich gar nicht, von daher hatte ich da keinen Vergleich.
    Heute würde ich mir das Spiel aber wohl auch nicht mehr antun, selbst wenn es diesen tollen 3D-Modus besitzt.

  10. Elwi sagt:

    Ich hatte damals so ein Gravis Gamepad Pro und fand es saucool. Da konnte man in der Mitte vom Steuerkreuz so einen kleinen Stick draufschrauben und es hatte nicht nur einen Gameportstecker sondern gleichzeitig auch noch eine Buchse, sodaß man afaik bis zu 4 Gamepads auf einmal anschließen konnte.

    Magic Carpet 1+2 waren super Spiele, da würde ich bei einer Neuauflage auch sofort zuschlagen 🙂

    PS: Wo bekomme ich denn eigentlich auf die schnelle so eine alte 3D Brille her, etwa selber basteln?^^

  11. Arno Nühm sagt:

    Warum eine alte nehmen?

    http://www.3dtouch.de/

  12. Frank sagt:

    Magic Carpet ist damals irgendwie voll an mir vorbei gegangen. Ich hatte Doom, X-Wing, Dark Forces, Syndicate und X-Com; warum also ein blöder Teppich? Habs mir dann irgendwann mal als Bugdet in so einer Doppel-CD-Hülle gekauft (kennt ihr die noch?) und fands ziemlich öde…. Bis heute habe ich nicht verstanden was an dem Spiel, wie bei fast allen (außer Synd und DK) von Bullfrog, so besonders war… Kann mir das mal wer erklären???

    Gruß
    Frank

  13. Elwi sagt:

    Oh ja, danke, da schaue ich mich mal um.

    Was mich nur ein bisschen irritiert, ist, daß ich früher eine Rot/Grün Brille hatte und nun lese ich was von Cyan/Rot. Ist das jetzt der neue „Standard“ oder sind die kompatibel und welche Farbkombination ist denn die derzeit am häufigsten genutzte?

  14. Arno Nühm sagt:

    Die sind nicht kompatibel, Rot/Grün wird vor allem im Computerspielbereich genutzt, Cyan/Rot regelmäßig auf DVDs eingesetzt (Coraline z. B.) Generell ist R/G bei alten Computerspielen wohl wahrscheinlicher.

  15. Martin sagt:

    Jedoch ist doch das Depth Dwellers da oben Rot/Blau beziehungsweise Cyan/Rot. Ein Einzelfall bei Computerspielen?

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