Nur die Gegenwart

Ich hatte es vor einer Weile schon mal angerissen, aktuell kommt mir das Thema bei einem Artikel über das Deutsche Computerspiel Museum wieder auf die geistige „Tagesordnung“ …

Über die Rolle von Computerspielen als zunehmend alltäglicher Bestandteil unserer Gesellschaft, über den Stellenwert von Computerspielen als „Kunst“ und über das Archivieren von Computerspielen zum Zwecke des Erhalts für nachfolgende Generationen braucht man wohl kein weiteres Wort mehr verlieren. Computerspiele are here to stay und als moderne, kreative Ausdrucksform haben Computerspiele genau das selbe Anrecht auf Archivierung wie da Vinci’s oder van Gogh’s Gemälde oder diverse, zT. Jahrhunderte alte Handschriften.

Dass diese Archiverung bislang vornehmlich von Privatleuten unter grundsätzlicher Mißachtung jeglicher Urheberrechte vorgenommen wird, da die Entwicklung von Emulatoren, das Auslesen von Cartridges, das Erstellen und Verbreiten umfangreicher ROM-Sammlungen und der Betrieb mannigfaltiger AbandonWare-Portale entweder ganz klar im illegalen Bereich oder zumindest im Graubereich der Rechtslage betrieben wird, auch darüber braucht man sich nicht weiter zu unterhalten. Legal, illegal, scheissegal!

Worüber man sich aber unterhalten sollte (und das meine ich jetzt ernsthaft), das ist der Umstand, dass man Massively Mulitplayer Online-Spiele, dass man MMOs nicht so einfach archivieren kann. Denn wird ein Server abgeschaltet, verschwindet das Spiel in der Regel FÜR IMMER im digitalen Nirvana.

Es nützt mir nichts, wenn ich den Client archiviere, da er ohne den Server nur eine nutzlose Datenansammlung ist. Der Aufwand, per Reverse Engineering die Server-Software eines MMOs zu emulieren, übersteigt vielleicht nicht den Aufwand, den man betreiben muss, um Konsolen-Hardware ab PS2 und aufwärts emulieren zu können, doch dummerweise muss man diesen Aufwand bei JEDEM MMO auf’s neue betreiben, da natürlich JEDES MMO eine andere Server-Software verwendet. Möchte ich zB. Neocron (hier steht eine perfekt erhaltene Kopie vollkommen nutzlos im Regal) emulieren, so habe ich nichts davon, dass man die Server-Software von WoW oder Ultima Online emulieren kann. Anderes Spiel, andere Software, alles wieder von vorne.

Von daher gehe ich davon aus (unter der Annahme, dass es wohl in den nächsten 20, 30 Jahren keine gesetzliche Regelung zur Sicherung der Software von Virtuellen Welten zwecks Erhalt wichtiger Kulturgüter geben wird), dass das große Genre „MMO“ nur in wenigen Ausnahmefällen Einzug in solche Museen und Kataloge finden wird. MMOs werden immer nur im Augenblick des Spielens existieren, sie werden niemals Einzug in irgendwelche Hall of Fames halten können, wenn es keine aktiven Server mehr gibt, weil sie dann in Windeseile aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen verschwinden und von anderen MMOs abgelöst werden.

Ich kann nirgendwo mehr World of Warcraft spielen, wie man es zum Release spielen konnte. Ich kann nirgendwo mehr eines der mittlerweile aberdutzende MMOs spielen, die im Laufe nur der letzten fünf Jahre von ihren Betreibern aufgegeben wurden. Ich kann kein einziges Browser-Spiel mehr zocken, dessen Seite nur noch mit 404 antwortet. Diese Spiele sind verschwunden. Endgültig und für immer. Gut, gemäß Sturgeons Gesetz waren davon eh min. 90% nur schrunziger Mist, aus einem geschichtlichen, historischen Blickwinkel ist dieser Umstand aber fatal. Sicher, es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man seinen Enkeln eines Tages stolz den WoW-Charakter live im Spiel zeigen kann, den man an dem Tag eingemottet hat, an dem man die Oma kennengelernt hatte, für den Rest des Angebotes sehe ich aber schwarz. Ausser Screenshots, Filmen und diversen Artikeln in den Weiten des Netzes wird von diesen Spielen nichts mehr übrig bleiben, was angesichts der interaktiven Art eines Spieles natürlich höchst unbefriedigend ist, dereinst für Historiker Grund für bittere Tränen sein wird.

Abgesehen von dem Umstand, dass eine ganze Generation keine Möglichkeit hat, viele Jahrzehnte später sich wieder mit den Dingen aus Kinder- und Jugendtagen zu beschäftigen, weil es diese Dinge tatsächlich nicht mehr gibt. Vergilbte Bücher lassen sich gut versteckt auf Dachböden finden, alte Schallplatten lassen sich sorgfältig gereinigt mit einem restaurierten Plattenspieler abhören, usw. usf.

Alte, eingestellte MMOs hingegen, die sind weg. Vollständig und für immer.

*puff*

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

18 Kommentare zu “Nur die Gegenwart

  1. Timberfox13 sagt:

    MMOs sind damit quasi die Graffittis/Höhlenmalereien der Computerwelt.Wird die Architektur/Höhle geschlossen/verbuddelt/abgerissen sind diese „Kulturgüter“ und Ausdrücke zeitgenössigen Denkens verschwunden.Witzig wirds erst wenn in n paar tausend Jahren mal wer nen WOW-Server ausgräbt.Was wird dieser Jemand dann denken, wenn er Brachland-Chat-Logs rekonstruieren kann?Wir werden es nie erfahren…..

  2. Harzzach sagt:

    Was wird dieser Jemand dann denken, wenn er Brachland-Chat-Logs rekonstruieren kann?Er wird sich beruhigt zurücklehnen können, weil er nun weiß, dass die Jugend früher auch nicht besser war 🙂

  3. Harzzach sagt:

    ach f… die formatierung der kommentare ist wieder kaputt …

  4. Timberfox13 sagt:

    Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. Sokrates

  5. jge sagt:

    Ja, das Erlebnis ist nicht speicherbar. Aber das muss nicht heißen, dass es davon keine Zeugnisse mehr gibt, z.B. Videomitschnitte, wissenschaftliche Abhandlungen etc. Also so wie bei allen Erlebnissen: Kein Replay-Modus, nur die Erinnerung und deren Derivate.

  6. Harzzach sagt:

    Was nützen mir Screenshots, wenn ich ein Spiel nicht mehr spielen kann?Ein Mario NES kann ich (so zumindest die Theorie) noch in 1000 Jahren zocken. Von einem Asherons Call oder ein Shadowbane hingegen bleiben nur Erinnerungen.

  7. Anonymous sagt:

    Das beschriebene Problem tritt aber genaugenommen nicht erst bei MMOs auf, sondern schon bei einer viel älteren Kunstform: dem Theater. Das gedruckte Theaterstück ist ja auch noch nicht gleichbedeutend mit dem aufgeführten Theaterstück, und auch ein sorgfältig konserviertes Bühnenbild oder ein archivierter Kostümfundus oder Fotos von den beteiligten Schauspielern sind ja nur Teilaspekte des Ganzen. Die eigentliche Theateraufführung ist zeitgebunden und kann nie wieder als Erlebnis repliziert werden (auch ein abgefilmtes Theaterstück ist nicht das gleiche wie die eigentliche Aufführung), sondern nur neu inszeniert werden. Trotzdem gibt es auch Theatermuseen.Tetz

  8. Ash sagt:

    Da hilft nur eins: Die Serversoftware liberalisieren.Ehrlich gesagt wundert es mich sowieso wie Firmen wie Blizzard es schaffen ihre Server zu sichern. So viele Datacenter und Mitarbeiter wie die mittlerweile Weltweit haben müssen grenzt das geradezu an ein Wunder, schließlich reicht da ein winziges Loch oder ein unzufriedener Mitarbeiter.

  9. Harzzach sagt:

    Nun, angesichts das Umstandes, dass es schon seit ner Weile WoW-Freeshards gibt, scheint das bereits passiert zu sein 🙂

  10. Ash sagt:

    Sind die Freeshards bei WoW nicht alle per Reverse engineering von dem Netzwerkprotokoll entstanden? Ich glaube wenn die echte Serversoftware irgendwo aufgetaucht wäre, wäre das bestimmt durch die einschlägigen Medien gegangen. Aber ich kann mich natürlich auch irren, ich habe das nur so am Rand mitbekommen.

  11. bernd sagt:

    Was ein Zufall. Robert Ashley hat sich gerade in seinem sehr gut gemachten Podacst „A Life Well Wasted“ mit den Sammlern von Spielen beschäftigt. Zu Wort kommt ein Wissenschaftler, der sich mit der Archivierung von virtuellen Welten beschäftigt:http://alifewellwasted.com/2009/03/03/episode-two-gotta-catch-em-all/Über itunes kommt man auch an das Backlog Interview, das um einiges ausführlicher ist. Sehr hörenswert.

  12. Calibrator sagt:

    Ein Besuch in einem Fußballstadium oder eines Konzertes lässt sich auch nur unzureichend „archivieren“. Auch wenn die Bildqualität von TV-Kameras noch so gut ist – es wird nie „the real thing“ sein, denn ein Erlebnis lässt sich nicht archivieren.Dasselbe gilt für die Wasserrutsche im Hansapark/Disneyland.Da haben MMOs wenigstens noch die theoretische Chance, irgendwann durch KI-Bots wieder spielbar zu werden (auf demselben Rechner…), denn der Programmcode *könnte* freigegeben/wiedergefunden werden.

  13. Christian sagt:

    OT:kennst du den Film Planet of Terror?imo könnte er dir gefallen

  14. Deagle1 sagt:

    naja du kannst mal davon ausgehen das jeder hier Grindhouse kennt.PoT ist davon ja nur die Hälfte.@ WoW.. es gibt echt keinen „original“ Freeshard? Also ich mein… ne release-version mit allen bugs muss ja nit sein, aber sagen wir mal ne „pre Onyxia“oder sagen wir „Pre BRT“ Version wirds doch irgendwo geben, oder?GrußD.

  15. Anonymous sagt:

    Ich habe mal ein Kommentar von einem Everquest Entwickler gelesen. Das der Server stand vom original Everquest ohne Erweiterungen nie gespeichert und aufgehoben wurde. Daher wird es nie möglich sein ein Everquest der ersten Stunde zu spielen mit allen Bugs und Features von damals.

  16. piratenblog sagt:

    >Er wird sich beruhigt zurücklehnen können, weil er nun weiß, dass die Jugend früher auch nicht besser war :)Wie sprach Sokrates noch einmal?Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (leider gibt es keinen nachweis, dass er den spruch wirklich gemacht hat)

  17. piratenblog sagt:

    gerade sehe ich, dass schon jemand anders das zitat losgelassen hat, sorry.

  18. cyro sagt:

    @AnonymMag sein das die Everquest-Urversion nie symbolisch auf eine CD gebrannt und archiviert wurde. Ein Projekt dieser Größenordnung kommt aber nicht ohne Versionsverwaltung zurecht. Und mit einer Versionsverwaltung lassen sich auch ältere Versionen wiederherstellen.Es ist allerdings fragwürdig, wieviel Geld und Energie ein Unternehmen in den (Quellcode-) Erhalt von gescheiterten Projekten steckt. Wenn denn das Unternehmen nach dem Scheitern des MMO überhaupt noch existiert.

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