Nein, es ist nicht einfach …

Es gibt wieder einen klitzekleinen Aufreger. Ein Spiel namens „Muslim Massacre“ erzürnt eine Reihe von Leuten. Beleidigung aller Menschen muslimischen Glaubens, hetzerisch und menschenverachtend. So in etwa lauten die Vorwürfe. Und wer sich sogar die Mühe gibt sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, der kann mit einiger Berechtigung zu diesem Schluss kommen.

Der Entwickler, Mitglied in den berühmt-berüchtigten SomethingAwful-Foren, einer US-amerikanischen Satireseite, die keine Rücksicht auf niemanden nimmt, hat dieses Spiel nach eigenen Angaben als Satire auf die US-Aussenpolitik konzipiert, auf den Umgang mit dem Thema „Islam“ in den amerikanischen Massenmedien wie zB. FOX News. Und wenn man sich die Mühe macht sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, so kann man mit einiger Berechtigung auch zu diesem Schluss kommen.

Und es kann sogar eine dritte Ebene geöffnet werden, eine Kritik an dem undifferenzierten Verwenden von Stereotypen und Klischees in Computerspielen, denn was „Muslim Massacre“ von zB. Spielen wie frühen Actiontiteln aus den 80er und frühen 90ern unterscheidet, was „Muslim Massacre“ von Titeln wie CoD4, Black Hawk Down, SoF Payback und anderen Shootern unterscheidet, in den ein undefinierter, fremd und ausländisch wirkender Gegner in Massen umgenietet wird … ist im Grunde nur der Name des Spieles. Man ersetze „Muslim“ durch „Terrorist“ und „Massacre“ durch „Takedown“ und wir haben ein Spiel namens „Terrorist Takedown„, welches ganz offen und ohne jeden Aufreger in den Läden steht. Beide Titel unterscheiden sich im Grunde in nichts. Nur, dass das eine gezielt provozieren will (mit welcher Intention auch immer) und das andere lediglich als „harmlose“ Freizeitunterhaltung und zur Profitgewinnung dienen soll.

So. Und nun? Darf Satire alles? Wo ist die Grenze? Wo hört die Satire auf und wo beginnt die ernstgemeinte und beabsichtigte Erniedrigung und Herabwürdigung anderer Menschen. Was unterscheidet „Muslim Massacre“ von den folgenden Spielen?


KZ Manager………………………………Super Colombine Massacre RPG


Ethnic Cleansing………………………..Border Patrol

Oder wo ist der Unterschied zu einer Kunst-Installation, die nach Meinung einiger Leute die Opfer von 9/11 herabwürdigt?

Und wie soll man mit solchen Werken umgehen? Ignorieren? Verbieten? Tolerieren?

Ich habe hier keine Antwort, die man in ein, zwei Sätzen niederschreiben könnte. Ich habe erst recht keine einfachen Antworten, auch wenn ich als extremer Libertinist dafür plädieren sollte alles zu zulassen und es jedem selbst zu überlassen, wie man damit umgehen soll. Ist aber auch nur eine Art Flucht. Gerade weil es ein sehr schwieriges Thema ist, das soviele Bereiche berührt, dass man sich noch in 100 Jahren darüber unterhalten könnte, ohne zu einer zufriedenstellenden Antwort zu kommen. Früher waren Gemälde oder Bücher schockierend und Gegenstand heftiger Skandale. Dann kamen nach dem 1. Weltkrieg die Zwölfton-Musik, der Dadaismus und das von Louis Bunuel mit einem Rasiermesser aufgeschlitzte Auge auf der Leinwand. Heute polarisieren immer öfter Spiele und spiele-relevante Bereiche. Killerspiele anyone?

Nein, es ist nicht einfach … was aber auch nicht bedeuten darf (!), dass man einfach zur Tagesordnung übergeht, weil man keine schnellen und einfachen Antworten hat. Oder ist es doch nur Provokation als Selbstzweck, um sich ins Gespräch zu bringen?

Ich weiß es nicht …

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

20 Kommentare zu “Nein, es ist nicht einfach …

  1. Joe sagt:

    Also wenn’s um solche Dinge geht, ist blog.fefe.de immer recht aufschlußreich.

  2. Gonz sagt:

    Jajaja 692 Kills beim Erstschlag!

  3. Harzzach sagt:

    Schon gesehen?Jopp. Ohne Worte … :)EAs und T2s Kurse sind nach dem Ende der Übernahmegespräche auch nach unten gepurzelt, während bereits erste Enttäuschungen über bislang nur (!!!) 8.5 Mio. verkauften Exemplare von GTA4 und die ausbleibende Belebung auf den Verkauf von 360 und PS3 die Runde machen. Ich hab auch fast Mitleid …

  4. Yuri sagt:

    Oh. Das mit dem WTC-Gedoens ist mir bei den Space Invaders gar nicht aufgefallen. Peinlich.Ansonsten bin ich ja eher der Ansicht, dass Verbote bezueglich des Aussprechens gegen idiotische Gedanken auch nicht viel ausrichten koennen…

  5. jge sagt:

    Um mal auf Ihre Ausgangsfrage einzugehen: Ob etwas als Satire funktioniert, hängt davon ab, wie es wahrgenommen wird. Und wenn ein Spiel, das als Satire gedacht ist, von Leuten konsumiert wird, die das nicht mitkriegen, dann hat sie nicht funktioniert. Wenn also ein Dingsbums Massacre als Egoshooter gespielt wird, dann regt sie jedenfalls nicht die Spieler zum nachdenken an.Wird nun der Satiriker sagen, dass nicht das Spiel als Produkt die Satire ist, sondern der Prozess des Spielens, und so die Gedankenlosigkeit der Spieler, denen der fragwürdige Inhalt nicht aufgefallen ist, in sein Kunstwerk einbauen. Fragt sich aber, ob dann nicht ein bisschen viel „Kollateralschaden“ bei der Satire entsteht. Dahingegen habe ich gegen eine Installation (z.B. auf einer Messe), die also bereits unmissverständlich als Kunst präsentiert wird, nichts einzuwenden: weil hier die Rezeptionsbedingungen jedenfalls garantiert werden.

  6. Anonymous sagt:

    jge: „Muslim Massacre“ präsentiert sich eigentlich relativ deutlich als Satire, zuallererst einmal dadurch, dass es eine altbackene, verpixelte 2D-Grafik benutzt die an Actionspiele der 1980er erinnert. Es ist nämlich gerade kein moderner Egoshooter. Trotzdem kann man wohl nie ausschließen dass das Spiel vielleicht auch Leute in die Hände bekommen, die Ironie nicht verstehen. Als tolles Spiel zum Terroristen abknallen werden die es aber auch nicht annehmen, weil dafür die Grafik für heutige Maßstäbe viel zu „schlecht“ ist.Tetz

  7. Martin sagt:

    Hmmm, das ist doch sehr deutlich eine Persiflage auf alte Spiele und das sich wieder abzeichnende schwarz-weiß Feindbild wie zu Zeiten des kalten Krieges und die entsprechenden Spieletitel, wie z.B. die alten „Rambo“-Games.Wird aber die üblichen berufsbeleidigten Muslime nicht dran hindern, das flugs für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und weitere Rede-/Kunst- und Sprachverbote einzufordern.

  8. jge sagt:

    Als Präzisierung: ich meine nicht Muslime — die spielen das Spiel ja nicht. Und der Islam ist ohnehin im Clinch mit der Freiheit der Kunst. — Ich meine, dass vielleicht Leute das Spiel spielen, ohne zu merken, dass es eine erzieherische Absicht hat. Dann wär’s jedenfalls misslungen.

  9. n8mahr sagt:

    DANKE für den tipp!!!der beste cannon fodder clon seit… cannon fodder ?? 😉 läuft problemlos und macht laune. jaheyyyy*brrrrt* *brrrt* trigger happy

  10. Martin sagt:

    Aha, woher weißt Du denn, das Muslime das nicht spielen ? Obwohl ich den Islam für eine grauenhaft banale und blöde Ideologie halte, hätte ich doch angenommen, das auch so einige Muslime das richtig verstehen und als Persiflage sehen.Das wird aber die allein durch die Tatsache, das nicht die ganjze Welt islamisch ist, Dauerbeleidigten nicht davon abhalten, das entsprechend zu instrumentalisieren.Aber davon abgesehen: Das verstehe ich nicht.Wieso wäre eine Persiflage bzw. ein Kunstwerk mißlungen, nur weil ein Teil der Rezipienten es nicht versteht?Ignoranz oder Inkompetenz eines Teils der Rezipienten ist ja nicht automatisch dem Kunstwerk anzulasten.Wollte ich das als Maßstab für Kunst nehme, landete ich ja unweigerlich auf dem niedrigstmöglichen Niveau.

  11. jge sagt:

    @ Martin: Wie ich oben schon schrieb: Mir geht’s nicht darum, dass das Kunstwerk „verstanden“ wird, sondern dass es als Kunstwerk überhaupt erkannt wird. Wenn jemand der Dingsbums Massaker als Shooter spielt oder XY Manager als Wirtschaftssimulation, und dabei nicht bemerkt, was er tut, hat die Kunst ihren Zweck verfehlt. Sie kann das vermeiden, indem sie in Kontexten auftritt, in denen nur eine bestimmte Rezeption möglich oder wahrscheinlich ist. Und diese Feststellung gilt natürlich nicht für Kunst im allgemeinen, sondern für einen bestimmten Typ von Kunst: der eben erziehen will.

  12. Anonymous sagt:

    Das Probelm ist wie gesagt aber kaum, dass irgendein Kid das Spiel vielleicht für voll nehmen könnte (weil das Spiel im Kontext heutiger Computerspiele klar als Parodie erkennbar ist). Das Problem besteht darin, dass Leute, die von Computerspielen keine Ahnung haben es falsch verstehen können.Tetz

  13. Martin sagt:

    Hmm,ich glaube, da gibt es ein grundlegendes Mißverständnis von Kunst.Kunst hat eben grade keinen Erziehungsauftrag und ist eben grade nicht zweckgebunden. @jge: Auch das jemand ein Kunstwerk nicht als Kunst erkennt, spielt dafür keine Rolle.Wenn sich jemand aus Unbedarftheit mit einem Kunstwerk die Nase putzt, ist das kein Versagen der Kunst.Die Aussage: Sie kann das vermeiden, indem Sie nur in bestimmten…“ ist eben grade das worauf ich hinauswollte: Die Orientierung am kleinsten möglichen Nenner, am Inkompetentesten. Das halte ich für einen grundlegenden Fehler. Ziel muß und kann eben in jedem Fall -und das gilt absolut nicht nur für die Kunst- etwas an den Ignorantesten auszurichten um Mißverständnisse oder Ärger irgendwelcher Art zu vermeiden.

  14. jge sagt:

    Nein, da gibt es kein Missverständnis. Satire entsteht immer mit einer didaktischen Absicht. Sie macht sich über etwas lustig und übt Kritik. Wenn das nicht wahrgenommen wird, hat Satire ihren Zweck verfehlt. Kunst, die Satire ist, muss sich auch daran messen lassen, ob sie diesen Zweck erreicht. Das ist so bei jeder Form von Kunst, die einem anderen Zweck als sich selbst dient. Dass derlei Indienstnahme nicht dem Niveau förderlich ist: geschenkt. Halten Sie etwa das Dingsbums Massaker für einen künstlerischen Geniestreich?

  15. Harzzach sagt:

    Satire entsteht immer mit einer didaktischen Absicht. Sie macht sich über etwas lustig und übt Kritik. Wenn das nicht wahrgenommen wird, hat Satire ihren Zweck verfehlt.Das ist prinzipiell richtig. Doch Satire erhebt nicht den Anspruch von JEDEM wahrgenommen werden zu müssen. Schon gar nicht von dem, der das Ziel der Satire ist. Kunst erhebt nicht den Anspruch von JEDEM verstanden werden zu müssen.Versucht man jedoch es JEDEM Recht zu machen, erhält man weder Satire noch Kunst, sondern nur nette, pflegeleichte und nichtssagende Belanglosigkeiten.

  16. Martin sagt:

    Eben. Und dann endet man statt bei z.B. einem Wiglaf Droste oder einem Ricky Gervais bei sowas:“WELT ONLINE: Dann geben Sie uns doch mal einen Vorgeschmack auf den Humor, der durch alle islamischen Empfindlichkeitsfilter käme. Worüber hat denn der Prophet Mohammed gelacht?Mazyek: Einmal speiste er mit seinem Freund Abu Bakr Datteln. Wie damals üblich legte man die Dattelkerne vor sich hin. Abu Bakr schob seine dem Propheten zu. Nach dem Essen lag vor dem Propheten ein Haufen Kerne, vor Abu Bakr kein einziger. Abu Bakr fragte: „Oh Prophet, Du hast aber heute großen Hunger gehabt?“ Worauf der entgegnete: „Du scheinbar auch, denn Du hast Deine Datteln samt Kernen gegessen.“WELT ONLINE: Klingt ein wenig nach Blümchen-Humor.Mazyek: Na gut. Aber was halten Sie von dem? Einmal fragte eine alte Frau den Propheten, ob sie in den Himmel komme. Da entgegnete er: „Nein, alte Menschen kommen nicht in den Himmel.“ Die arme Frau war entsetzt – aber dann sagte der Prophet: „Wenn du im Himmel bist, wirst du nicht mehr alt sein, sondern wieder jung und hübsch!“ Schön, nicht?Ja, schön.Schön blöd. Naja, von dem Exkurs mal abgesehen: Nicht einmal bei Sachen, die keine Kunst sind, kann das Kriterium „muß für absolut alle verständlich oder tauglich sein“ sinnvoll angewendet werden.

  17. jge sagt:

    Offenbar drücke ich mich nicht deutlich genug aus. Bitte unterscheiden wir zwischen dem Werk und seinen Rezeptionsbedingungen. Das Werk kann sein wie es will; damit es wirkt, müssen die Rezeptionsbedingungen entsprechend sein. Ein satirisches Programm, das seinen Weg in den ‚freien Markt‘ findet und dort nach Herzenslust kopiert und einfach als Ballerspiel gebraucht wird, verfehlt dort seinen Zweck. Das hat nix mit Weichspülen zu tun. Dem entgeht der Satiriker, wenn er es in eindeutigem Kontext präsentiert. Kabarett findet ja auch auf der Bühne statt und nicht im wirklichen Leben: weil es dort eben nicht als solches zu erkennen ist.

  18. Martin sagt:

    Nein,wir verstehen Dich schon. Interessant übrigens die Frage, ob Du damit Dein „Werk“ auch als gescheitert ansehen mußt ;)Du scheinst aber nicht zu verstehen, worauf Deine Forderung hinausläuft. Werden bestimmte Kunstformen/Bildungselemente etc., immer nur im gleichen Kontext, man könnte es auch Reservat nennen, präsentiert, führt das auf lange Sicht natürlich zu einer entsprechenden Inkompetenz dergleichen ausserhalb des Kontextes überhaupt wahrzunehmen. Im Prinzip ist Deine Ansicht dasselbe, als müsste man Satire mit Kennzeichnungsschildern versehen. Und Lachspuren in komisch gemeinten Serien unterbringen.Die Unfähigkeit, Satire oder meinetwegen auch beliebige Kunst als solches wahrzunehmen, beruht zu einem großen Teil darauf, das Menschen dieser eben nicht ausserhalb bestimmter Kontexte ausgesetzt werden. Und diese Einschränkung ist zunehmend. Daraus resultiert meines Erachtens eben zu einem guten Teil die Inkompetenz, man könnte es auch kulturelle Verblödung nennen.Wer nie nachdenken, reflektieren und sich Gedanken über seine Wahrnehmung machen muß, weil ihm alles immer nur in eindeutigem, klar gekennzeichnetem Kontext präsentiert wird, der kanns dann halt auch nicht. Meines Erachtens gibt es bei weitem zu viel Rücksicht auf allerlei Empfindlichkeiten und zuwenig Herausforderung zur Reflektion.

  19. jge sagt:

    Na, das mit der Reflexion würde ich auch so sehen :-).Ich beharre darauf, dass Kunst, die im Moralischen wühlt, anderen Maßstäben unterliegt als andere. D.h. wer eine Satire macht auf etwas, was wir für harmlos halten, sagen wir: die Wettervorhersage, der braucht sich keine Gedanken um deren Erkennbarkeit zu machen. Weil das Missverständnis ja auch niemanden verletzt, oder jedenfalls nicht mehr, als bei uns ohnehin üblich. Aber wer bei moralisch fragwürdigen Sachen meint, dieselbe Freiheit zu haben, irrt. Kunst ist nicht völlig autonom.Und übrigens beruht ja mein Einwand darauf, dass manche Kunst eben eine Konsumtion ohne Reflexion leicht macht, so dass gerade die, die das Nachdenken am nötigsten hätten, es am leichtesten verfehlen. Ich bin nicht für entweder / oder, ich bin dafür, dass man sich mehr Gedanken machen muss als bloß „Kunst ist frei“.

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