Jäger der verlorenen Talkies

Dereinst, in früheren (glücklicheren?) Tagen, war ein 3.5-Zoll-Diskettenlaufwerk für viele hartgesottene Zocker und Spielefreaks Quell aller Lebensfreude. Doppelt soviel Speicherplatz als diese schlabbrigen 5.25-Zoll-Plastikfrisbees und sehr viel handlicher, praktischer. Alles war gut und alles war schön. Auch wenn die Zahl der Disketten, die man zur Installation eines Spieles in den gefrässigen Schlund des Laufwerks schieben musste, Jahr für Jahr zunahm. Erste Witze machten die Runde, dass man für ein Wing Commander 3 wahrscheinlich Studenten mieten können würde, die dann mit dicken LKWs im Akkord von Haus zu Haus fahren, um während der Abwesenheit des Käufers (vorzugsweise Jahresurlaub) das Spiel von geschätzten 20.000 Disketten zu installieren.

Ach, wie dumm und unwissend waren wir doch alle 🙂

Gab es doch eines Tages die CD-ROM, welche mit einem Fassungsvermögen von fast unbegreiflichen knapp 700 MB alle Platzprobleme ein für allemal lösen würde.

Ach, wie dumm und unwissend waren wir alle auch dann. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Heute geht es um die kurze Phase von ein, zwei Jahren, in der die CD-ROM sich sehr schnell in der Spieleindustrie als neues Speichermedium etablierte und nur noch Nintendo aus lauter Panik vor möglichen Kopien an sperrigen, speicherbegrenzten Cartridges festhielt. In dieser Zeit feierte die sog. „Enhanced CD-ROM-Version“ ihre kurze Existenz auf Erden, als viele Entwickler und Publisher ältere Titel, die zuvor auf Diskette erschienen waren, nun mit allerlei Features aufmotzten, die auf Diskette undenkbar waren. Durchgängige Sprachausgabe, hochauflösende Spielgraphiken und längere, hochauflösendere Intro-Sequenzen in Form kleiner Filme.

So engagierte Westwood für die CD-Ausgabe von „Lands of Lore“ zB. Patrick Stewart himself, der ein paar launige Dialogzeilen sprach. Damals eine Sensation. Westwood veröffentlichte auch Talkie-Versionen für die ersten beiden Kyrandia-Adventure. Von Origin gab es ein „System Shock-Enhanced“, bei dem zB. sämtliche Mails, Logs und Tagebücher vertont wurden, so dass die eh schon dichte Spielatmosphäre noch intensiver und dichter wurde. LucasArts veröffentlichten die legendäre Talkie-Version von „Fate of Atlantis“. Ok, legendär hauptsächlich für uns blöde Europäer, weil es diese Version nur für kurze Zeit in den USA gab und man für entsprechende Exemplare selbst heute noch tief in den Geldbeutel greifen muss. Und dann nicht einmal mit der Originalstimme von Harrison Ford, sondern von einem gewissen Doug Lee, was dem unaufmerksamen Spieler aber kaum aufgefallen ist, so ähnlich waren sich beiden Stimmen.

Mittlerweile kann ich (fast) alle dieser speziellen Talkie- und CD-ROM-Versionen mein Eigen nennen. Eine fehlte mir aber noch. Die Sprach-Version von Legends göttlichem „Companions of Xanth„. Die Disketten-Version habe ich natürlich. Inklusive dem beigelegten Buch. Die Talkie-Version jedoch? So gut wie nicht aufzutreiben. Auch kaum im Netz zu finden, was aber nicht so ganz zählt, denn hier geht es nicht nur um die reinen Spieldaten, sondern um den physikalischen Datenträger, die Verpackung, um das Drumherum.

Bis letzte Woche. Letzte Woche gelang es mir endlich bei eBay-USA für nicht wenige Dollar eine astrein erhaltene Ausgabe der Talkie-Version von „Companions of Xanth“ zu ersteigern. Gut, ein wenig unfair war das vielleicht schon, ich mit meinem starken Euro, der hier alles wegputzte, was an möglicher US-Konkurrenz an den Start ging, aber hey … wenn die Amis schon ihre Wertsachen verkaufen müssen, um ihre geplatzten Hypotheken zu finanzieren, dann sollen diese Wertsachen auch in kundige Hände kommen und der Verkäufer einen ordentlichen Preis erhalten.

Und gestern kam das Paket dann an.

Hehe, hehehehehe, hihihihihihi *freu*

Ich glaube, jetzt habe ich sie alle. Zumindest die, die ich haben wollte.


„Companions of Xanth“ ist übrigens ein feines, kleines Adventure, für das man selbst als einigermaßen des Englischen mächtiger Weltbürger ein gutes Lexikon neben sich haben sollte, da die literarische Vorlage von Piers Anthony, die Romane um die Magische Welt Xanth, nur so vor angelsächsischem Wortwitz und Doppelbedeutungen strotzen und sich Legend durchaus bemüht haben, die Rätsel diesem Wortwitz anzupassen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

9 Kommentare zu “Jäger der verlorenen Talkies

  1. Jonathan Kelt sagt:

    Beneath a steel Sky hält glaube ich den Amiga-Rekord mit 16 Disketten – Phantasmagoria fürn PC mit 7 CDs.Außerdem hatte ich mal ne Win95 Betaversion mit paarunzwanzig Disketten, was ja irgendwie auch ein Point&Click Adventure ist.Spielt weiter.

  2. Anonymous sagt:

    OT!"C & C: Alarmstufe Rot 3" mit SecuROM und Installationslimithttp://www.eurogamer.de/article.php?article_id=233044

  3. Harzzach sagt:

    Ich stelle mir nur vor, es hätte schon damals eine Online-Aktivierung und ein Install-Limit gegeben. Ich hätte jetzt einen Haufen nutzlosen Datenmülls ersteigert …Je derber DRM wird, desto größer wird die Gefahr einer digitalen Version des Brandes der Bibliothek von Alexandria. Immense Mengen an Daten, die nicht mehr nutzbar, nicht mehr lesbar sind und ohne entsprechenden Aufwand verloren sind, obwohl die Integrität des Datenträgers, auf dem sie sich befinden noch einwandfei ist.Aber Hauptsache, die Aktionäre haben ihren kurzfristigen Quartalsspass.Achja, RA3 wird natürlich nicht gekauft. Auch wenn es voraussichtlich pünktlich zum Releasetag einen passenden Crack geben wird.

  4. Joe sagt:

    Doppelt soviel Speicherplatz als diese schlabbrigen 5.25-Zoll-PlastikfrisbeesWenn man die Existenz von High Density geflissentlich übersieht. ;-)(BTW: Single Density, Double Density, High Density, Extended Density — Das erinnert irgendwie an USB, wo High Speed schneller ist als Full Speed)und sehr viel handlicher, praktischer.Datenträger mit einem derart guten Handling gab es im PC-Bereich danach nie wieder — kann ja auch niemand damit rechnen, daß sich ausrechnet ein Sony-Format durchsetzt. Höchstens Speicherkarten kommen da ran, aber das Gefummel mit empfindlichen CDs und DVDs erinnert eher an die Schlabberscheiben — sind ja auch genauso groß.Heute geht es um die kurze Phase von ein, zwei Jahren, in der die CD-ROM sich sehr schnell in der Spieleindustrie als neues Speichermedium etablierteUnd sich in der Szene die sog. »CD-ROM-Compilations« etablierten. Der Albtraum aller Publisher. ;-)Ich stelle mir nur vor, es hätte schon damals eine Online-Aktivierung und ein Install-Limit gegeben. Ich hätte jetzt einen Haufen nutzlosen Datenmülls ersteigert …Wenn’s von EA gewesen wäre: Ganz sicher.Aber man braucht sich ja bloß mal anschauen, wie weit die Russen schon mit dem Überkopierschutz Steam gekommen sind: Da gibt es Patches, die machen den Client Glauben, man hätte alle über Steam erhältlichen Spiele gekauft. Zusammen mit dem Haufen nutzlosen Datenmülls ergibt das dann die größte Schwarzkopiensammlung aller Zeiten — das Content-Armaggedon schlechthin.Aber die meisten Aktionäre können kein Russisch und so haben unter der Gängelung und dem Internetaktivierungszwang weiterhin nur die ehrlichen Kunden zu leiden.

  5. Terrance sagt:

    Ich hab hier noch alte C64-Disketten rumliegen, die immer noch funktionieren. 🙂

  6. Alex Lightbringer sagt:

    Ein kleiner Tip zum Thema Spore, auch wenn er hier nicht herpasst: Geht mal auf amazon.com (http://www.amazon.com/gp/product/B000FKBCX4/ref=cm_cr_pr_product_top) und seht euch die Customer reviews an. Wird auch dir gefallen, Harzzach.Gruß Alex

  7. Harzzach sagt:

    Japp, mittlerweile beginnt auch bei Amazon Deutschland die große Protestwelle.Wirklich schlimm finde ich aber manche Kommentare zu diesen EinStern-Wertungen, die nur noch von … man kann es nicht anders sagen … grenzenloser Dummheit zeugen. Leute, die nicht einmal dann kapieren, dass sie keine Freiheit mehr haben, wenn man ihnen direkt vor der Nase die Zellentür zuknallt.Ich hab übrigens auch gleich mal mitgemacht und ge-einsternt. Amazaon wird wahrscheinlich in den nächsten Stunden eh alle diese Reviews entfernen, weil EA böse wird, aber hey … zumindest schafft man es in die Schlagzeilen :)@Joe: Aber die meisten Aktionäre können kein RussischHmmmm, da muss ich doch mal gleich nachschauen und meine Kontakte anhauen, спасибо! 🙂

  8. Deagle sagt:

    Gib mal was „googlebares“ als Tip zu dem steam patch :)Am besten was was nicht russisch ist :PGrußD.

  9. Harzzach sagt:

    Es hat sich schnell herausgestellt, dass dies lediglich ein Patch ist, um externe GCF-Daten (Datenformat für Steam-Spiele) in die Steam-Oberfläche einzubinden. Man kann damit NICHT Spiele über Steam herunterladen! Sprich, zuerst muss man sich die GCF-Files des gewünschten Spieles besorgen und sie dann mit zB. dem „Steam Undead Patch“ start- und ausführbar in Steam einbinden.Anwendungsgebiet: Jemand hat sich ein Spiel über Steam gekauft (!), kopiert diese Daten auf Deinen Rechner und Du bindest diese Daten lokal in Deinen Steam-Account ein, so dass Du sie nutzen kannst.Mehr macht das Ding nicht … es hebelt Steam als Kopierschutz und DRM-System „Ein Spiel wird über den Account verifiziert. Spieldaten sind nur zusammen mit dem dazu passenden Account nutzbar“ lediglich komplett und vollständig aus 🙂

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