Retro-Impressionen: Bluebyte

Eigentlich möchte ich auf diesem Blog und speziell bei Retro-Impressionen dieses IMHO wehleidige und erbärmliche „Früher war alles besser!“ vermeiden, denn früher war nur manches vielleicht besser, einiges schlechter und der Großteil einfach nur anders.

Heute will ich jedoch eine Ausnahme machen und den Blick zurück auf einen deutschen Entwickler und Publisher richten, der maßgeblich daran beteiligt war, dass ich vor allem mein Studium etwas „vertrödelt“ habe und angefixed bin auf Computerspiele wohl für den Rest meines Daseins.

Dieser blaue Klecks war ein einziger Lichtblick in meinem damaligen Leben. Jedes, aber auch JEDES Spiel dieses Studios konnte ich früher blind aufgreifen und viele, viele Stunden Freude und Spass an ihnen haben. Ja … früher! Doch dazu später mehr.

Angefangen hat das mit Battle Isle, meinem ersten Vollpreis-Spiel, welches ich mir für wahnwitzige 120,- DM gekauft hatte. Das war damals eine verdammt große Summe, was auch dazu führte, dass ich mich einen Monat lang von Mensa-Frass und Nudelsuppen ernähren musste. Aber da ich eher damit beschäftigt war, kleine bunte Einheiten rundenweise durch die Gegend zu schieben und meine Wohnheimnachbarn mit PC-Speakergepiepse das Leben schwer zu machen, waren so Dinge wie Vorlesungen besuchen oder gesunde Ernährung ohnehin vollkommen nebensächlich.


Und natürlich haben auch all die anderen, späteren Inkarnationen der Battle Isle-Serie und Ableger wie zB. der einzige History Line-Vertreter oder „Incubation“ Platz in meinem Herzen gefunden. Alle? Nein, nicht alle. Doch auch dazu später mehr.

Und hatte ich irgendwann genug von der Rundenstrategie, holte ich den Action-Kracher „Extreme Assault“ aus dem Regal. Hohe SVGA-Auflösungen! HighColor aka 16bit Farbtiefe! Als DOS-Spiel!! Non-Stop-Action und Dauergekrache! So, so, so geil war das. Aber als dann noch der 3DFX-Patch erschien, gab es kein Halten mehr! Mit „Extreme Assault“ hatte ich meine Freude an simplen Baller- und Zerstörungsorgien entdeckt.

Und hatte ich irgendwann genug vom Rumballern, holte ich „Albion“ aus dem Regal, um in eine Rollenspielwelt so fern von all den üblichen D&D-Szenarien einzutauchen. So fern vom gängigen 08/15-Tolkien-Schema, dass man sich (wie weiland bei „Outcast„) zuerst die Zeit nehmen musste, um all diese fremden Namen und Begriffe richtig einzuordnen. Oh, wie habe ich dieses Spiel geliebt. Trotz seiner Fehler wie dem sub-optimalen Interface und dem ständigen Perspektivwechsel zwischen flacher 2D-Oberwelterkundung, Kampfdarstellung und 3D-Dungeons. „Albion“! Sowas macht man heute auch nicht mehr 🙂


Und hatte ich davon irgendwann genug, griff ich ins Regal, um mich mit einem (heute würde man Casual dazu sagen) Familienspiel wie „Die total verrückte Rally“ zu entspannen. „Mensch ärgere Dich nicht“ ist als Mittel zur Festigung des Charakters und Beherrschen aggresiver Gefühle dagegen Kinderkram, ehrlich!

Oder ich griff ins Regal, weil mir die Luft zu staubig wurde und nur die blauen, dunklen Tiefen des Meeres Erlösung versprachen. „Schleichfahrt„! Wieder ein Spiel unter dem Blue Byte-Label, welches die Tür zu ganz anderen Welten geöffnet hat. Ein auch heute noch faszinierender Mix aus Wirtschaftssimulation, Adventure und Action. Der wie bei „Extreme Assault“ durch nachträgliche 3DFX-Patches noch mehr an optischer Brillianz gewann, als schon vorher bereits vorhanden war. Ein Klassiker! Ein Spiel, welches man (ohne Scheiss und ganz ernst gemeint) gespielt haben sollte.


Und wenn ich auch davon irgendwann genug hatte, griff ich eben zu „Siedler 2“, dem nicht nur meiner bescheidenen Meinung nach besten und einzigartigsten Spiel der ganzen Serie.

So, nun habe ich hier in aller Ausführlichkeit meine große Liebe zu Blue Byte und seinen Spielen gestanden. Eine Liebe, die jedoch gegen Ende der 90er sehr schnell erkaltete, weil man sich bei Blue Byte begann zu verzetteln. Kernmarken wurden mit grausigen Fortsetzungen bedacht (BI4 anyone?) und viel Geld und Energie wurde in den Umbau der Firma zu einem intenationalen Publisher gesteckt. Kreative und wegweisende Spiele gab es kaum noch, unter anderem, weil eben diese kreativen Köpfe der Vergangenheit, abgeschreckt durch den zunehmenden Einfluss des Geldes, in Scharen die Firma verließen.

Ja, das liebe Geld! Blue Byte war eben nur im deutschen Sprachraum bekannt. Blue Bytes Spiele hatten ausserhalb dieses Sprachraumes kaum Anklang gefunden und schon damals war schnell klar, dass alleine der deutsche Markt nicht ausreicht, um die Ansprüche der Kundschaft und somit die steigenden Produktionskosten zu decken. Man setzte auf das zur Jahrtausendwende gerade boomende Internet, wollte ein Multiplayer-Battle Isle herausbringen, eröffnete Büros in Übersee und kaufte zur dafür notwendigen Umsatzerhöhung haufenweise bestenfalls mittelprächtige Lizenztitel ein. Späte Kleinode und Perlen wie zB. ein „Incubation“ floppten deftig und die mittelprächtigen Lizenztitel verkauften sich auch so, bestenfalls mittelprächtig. Zwar war die Siedler-Reihe weiterhin das Brot&Butter-Spiel von Blue Byte, doch selbst diese Institution auf dem deutschen Markt konnte das unvermeidliche Ende nicht verhinden. 2001 war Schluss mit lustig, Blue Byte wurde von Ubisoft aufgekauft.

Zwar existiert Blue Byte noch als relativ eigenständiges Entwicklungsstudio innerhalb des Ubisoft-Konzerns, doch die allgegenwärtigen Gesetze des Marktes bestimmen, dass man in Düsseldorf (neuer Sitz von BB) bis zum St.Nimmerleinstag nur noch Siedler-Fortsetzungen und Siedler-Fortsetzungs-Addons produzieren wird. Vorbei, endgültig vorbei sind die Tage, in denen Blue Byte für innovative UND äusserst unterhaltsame, gleichsam suchterregende Titel stand.

Hier und nur hier in diesem Fall erlaube ich mir zu sagen: Früher war alles besser!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

19 Kommentare zu “Retro-Impressionen: Bluebyte

  1. Svennö sagt:

    Und auf dem Amiga gab es noch Ambermoon, das EINZIGE Rollenspiel, das ich wohl je voller Elan ganz durchgespielt habe.Die ersten scrollenden 3D Kerker noch vor Ultima Underworld…auf einem Amiga 500 (!).Hmmm…ja, Albion war zwar von Blue Byte, wurde aber von ehemaligen Thalion Software Mitarbeitern gemacht. Die hatten vorher Amberstar und Ambermoon gemacht (deswegen auch die 2D, 3D Mischung).

  2. pansen sagt:

    full ack!und als ehemaliger „BBler“, der nach der Übernahme durch Ubisoft gegangen ist, weiß ich sogar, wovon ich hier schreibe 🙂

  3. db sagt:

    Hi,wo du gerade so nostalgisch bist – Chaosradio Express behandelt in seiner neuen Folge: ————–ComputerspieleEin Blick auf die Geschichte, den Markt und die Motivation der Akteure der Computerspiele-Szene—————Das ist der Podcast des CCC, auch generell sehr empfehlenswert.http://chaosradio.ccc.de/cre089.html

  4. Harzzach sagt:

    und als ehemaliger „BBler“, der nach der Übernahme durch Ubisoft gegangen ist, weiß ich sogar, wovon ich hier schreibe :-)Ich bin unwürdig, ich bin unwürdig … hoher Besuch! 😉

  5. Harzzach sagt:

    http://chaosradio.ccc.de/cre089.htmlHöre gerade rein. Sehr, sehr interessant!

  6. Harzzach sagt:

    … obwohl ich vor einer Weile mit Teut Weidemann in einem Forum derart aneinandergeraten bin … seine Kompetenz habe ich nie angezweifelt. Nur seine Sichtweise, was bestimmte Themen angeht 🙂

  7. Frank sagt:

    Siedler 1 war damals -neben Doom- eins der ersten Spiele, die ich gespielt hab, und zwar bei einem Kumpel auf einem Amiga 500(?)! Battle Isle 2 hab ich damals nicht wirklich begriffen, weil ich noch zu jung war. Jahre später hab ichs dann per Zufall auf Ebay für nen Apel und Ei gefunden und ersteigert. Klasse Spiel, auch heute noch! Ist meiner Meinung nach zusammen mit Nectaris der Quasi-Vorgänger der ganzen Advanced Wars’s.Albion hab ich just vor ein paar Tagen noch einmal rausgekramt, wusste gar nicht dass das unter XP läuft :), tuts aber!!! Und definitiv immer noch eine Empfehlung wert, mich stört da nichtmal der 2D/3D-Wechsel.Zu Siedler 2 muss man glaub ich ohnehin nicht mehr viel sagen, ich glaub ich hab damals den Test in der PCPlayer (RIP) ca 10mal rauf und runter gelesen, bevor ich endlich genug Geld hatte mir das Spiel zu kaufen :)Extreme Assault hab ich zwar mal bei nem Kumpel gesehen, hat mich aber genau wie Incubation nicht wirklich angeturnt.Schleichfahrt sah zwar auch wirklich nett aus, aber mit diesen Wing Commander ähnlichen Spielen kann ich bis heute nicht sooo unglaublich viel anfangen…. außer Prophecy :)Warum gibts von solchen Spielen heute keine mehr? Nur das Xte CoD oder GTA oder Singstar oder oder oder……. Nicht dass die Spiele schlecht sind, aber das „Feeling“ war damals einfach besser…. Ich glaub ich spiel heute Abend zur Entspannung nochmal ne Runde XCOM, habs damals nie ohne Geldcheat gespielt :)GrußFrank

  8. Harzzach sagt:

    Warum gibts von solchen Spielen heute keine mehr?Zwei Gründe … 1. Wir waren jünger und leichter zu beeindrucken2. In dieser Zeit wurde der Grundstein für nahezu alle Spielegenres gelegt, sei es C64, Amiga, PC oder Konsole. Da gab es tatsächlich (!) jedes Jahr ganz neuartige Spiele, die so noch nie zu sehen waren.Heute gibt es nur optisch aufpolierte Wiederholungen.

  9. Svennö sagt:

    Gaming ist halt im Massenmarkt angekommen.Aber wenn es die Leute kaufen im Gegensatz zu einem beyond good and evil etc…Deswegen gibt es doch im Fernsehen auch ein Dutzend CSI Varianten 😉

  10. jge sagt:

    Hhm, ich habe auch Battle Isle 4: The Andosian War gemocht, nicht nur die Teile davor. Naja, die COmics sind gewöhnungsbedürftig, und die Story ist panne, aber das waren die BI-Storys schon immer, außer dem ersten Teil, der ja bekanntlich einfach Val Haris beim BI-Spielen simuliert :-). INcubations Zwischensequenzen mit seinen supereckigen 3D-Modellen war auch nicht so toll von der Präsentation. Und ganz anders als BI 1-3.Bluebyte haben auch Apidya gemacht, aber wozu brauchts ein Ballerspiel von denen?Ja, Siedler 1 auf dem Amiga war eine Offenbarung :-). Diese tollen Geräusche, die einem noch im Nachbarzimmer sagten, was gerade passierte…

  11. Frank sagt:

    Deswegen gibt es doch im Fernsehen auch ein Dutzend CSI Varianten ;-)Kann man so mMn nicht ganz vergleichen. Dem Fernsehen war zwar am Anfang aufgrund von teuren Geräten seine Verbreitungsgrenzen gesetzt, es war aber von Anfang an massenkompatibel. Bei elektronischen Spielen war das anders. Bis, sagen wir mal Anfang des Jahrtausends, war das ein absolutes Freakgeschäft, der richtige Wandel fing doch erst mit EyeToy und Co an. Nun gibt es aber auch heute noch genug Freaks wie uns, die sich seit Jahren/Jahrzehnten mit dieser Sache auseinandersetzen, beim Fernsehen gibts das nicht! Computerspielen ist ein Hobby, das ist Fernsehgucken so gesehen ebenfalls nicht (man darf hier fernsehen und Filme anschauen nicht verwechseln). Das Fernseh kann man auch an haben ohne gezielt drauf zuschauen, als Hintergrundgedudel, beim Spielen macht das keinen Sinn, da Aktivität verlangt wird. Eine gewisse Parallelität will ich nicht abstreiten, der Eine hat seine CSIs, der Andere eben seine FIFAs, aber wirklich Vergleichen lassen sich die beiden Welten in dem Sinn nicht…GrußFrank

  12. Deathstalker sagt:

    Oh ja, Blue Byte ist KultIch hab sogar deren Tennis Spielchen gedaddelt auf dem AmigaAber nichts, absolut nichts kam an Schleichfahrt ran. Mit meinen Freunden hab ich damals wochenlang gezockt weil man irgendwie noch übelst langsam im Vergleich zu heute mit dem spielen war. Die Kombination aus Flugzeug unterwasser, Teile tauschen und einer dichten Handlung…Die Abbaustation mit den ganzen Mutanten war so cool 🙂

  13. n8mahr sagt:

    @jgenix ggn dich! aber was man BI4: andosia-konflikt toll finden kann ist mir ein rätsel. das spiel hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. statt das leicht verbuggte bi3 auf ein grafisch und bedienerisch neues lvl zu heben, hat man versucht, einen unspielbaren mix aus BI2 light und C&C für arme zu erschaffen. nee nee… :Dhabens sogar mal im Mehrspielermodus gezockt, konnste knicken.@harzzach : mensch, nun bin ich wieder versucht, nein, sicher, dass ich BI3 wieder hervorkrame! achja, und danke an BB für die vielen schönen stunden, die ihre spielen verursacht haben

  14. Hyder sagt:

    Hallo Harzzach,du bist doch Experte. Stimmt es das z.B. Atari keine Demos zu aktuellen PC-Spielen (wiiiiiie z.B. AitD) bringt, damit diese nicht zur Erstellung von No-Cd Cracks verwendet werden können?

  15. Harzzach sagt:

    du bist doch Experte.Ich tu nur so als ob …Stimmt es das z.B. Atari keine Demos zu aktuellen PC-Spielen (wiiiiiie z.B. AitD) bringt, damit diese nicht zur Erstellung von No-Cd Cracks verwendet werden können?Normalerweise kenne ich das so, dass man auch in die Demo-Daten den Kopierschutz packt, damit man nicht einfach mit der „ungeschützten“ Demo-Exe die Vollversion spielen kann. Wenn Atari nun keine Demos zu ihren Spielen rausbringen möchte, hat das wohl andere Gründe.

  16. Anonymous sagt:

    Damit man Spielezeitschriften als Raubkopierer diffamieren und so böse Reviews pullen kann 😉

  17. jge sagt:

    @ n8mahrnix ggn dich! aber was man BI4: andosia-konflikt toll finden kann ist mir ein rätsel.Na, das ist sicher bei vielen Spielen bei andern Leuten so. :-)Mir begegnete BI 4 als sehr ansehnliche 3D-Umsetzung. Das Echtzeit-Aufbau-Element spielte im Grunde keine Rolle, weil man ohnehin die Zeit ausgespielt hat, um mehr Einheiten bauen zu können in der Zeit (klarer Fehler der Konzeption im Spieldesign). Die Einheiten haben mich stark an die vorherigen BIs erinnert. Sehr interessant fand ich die Zwei-Insel-Anlage mit der Notwendigkeit, Nachschublinien zwischen beiden herzustellen. Und gut auch die glatte Verbindung zwischen den Levels, dass man mit dem Zustand am Ende der einen Karte die nächste beginnt. Daher lohnte es sich, eine Karte richtig zu Ende zu spielen, also z.B. Einheiten wieder zu evakuieren.Naja, der Wiederspielwert ist gering, wie ich neulich wieder erfahren habe. Die Lufteinheiten sind zu stark überlegen, und hat man genug davon, kann man jede Verteidigung platt machen. Lästig bloß, dass die großen Bomber nach einem SChuss wieder aufgetankt werden müssen, so dass man sich seine 10 Minuten pro Zug ziemlich beeilen muss.Also, ich mochte das. 🙂

  18. Sokaku sagt:

    Ach ja, das gute alte Battle Isle. Bei mir stapeln sich gut zwei Dutzend noch eingeschweißte Spiele der letzten 3 Jahre (aber nicht gekauft, die gab’s quartalsmäßig auf der Arbeit umsonst) im Regal und was spiele ich? Die deutsche PC-Version von Nectaris aus dem Jahre 1995, mittels DosBox – Grafik ein Witz für heutige Verhältnisse, aber was will man machen, wenn einen die Sucht packt …

  19. […] gibt’s übrigens im golem Special, einen weiteren Blue Byte Lobgesang lest Ihr bei Seniorgamer, der sich schon 2008 auf diesen großartigen Spieleentwickler zurückbesann. Und kaufen kann man […]

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