Retro-Impressionen: Superhero League of Hoboken

Humor und Computerspiele sind so eine Sache.

Nein, halt! Humor ist grundsätzlich so eine Sache, egal ob bei Computerspielen oder bei einer spassigen Bemerkung, die man seiner Liebsten zuwirft. Die darauf entweder mit Tränenausbruch, Eingeschnapptsein oder einer Woche Sexentzug reagiert. Ja, Humor ist so eine Sache.

Die Rede ist heute und speziell in diesem Falle von einem Rollenspiel/Adventure-Hybriden namens „The Superhero League of Hoboken„.

Erschienen 1994, entwickelt von Legend Entertainment und produziert von Steve Meretzky, der unter anderem mit der Spellcasting-Serie oder „The Leather Goddess of Phobos“ gezeigt hat, dass sich Humor, Sex und Computerspiele keinesfalls gegenseitig ausschliessen müssen. Ganz im Gegenteil. Heute mögen seine Stories, die Dialoge und Rätsel vielleicht ein wenig antiquiert oder gar platt/vulgär wirken, aber angesichts des Puritanismus, der vor allem derzeit das öffentliche Leben in den USA immer stärker bestimmt, wären seine anzüglichen Scherze und Anspielungen bereits in der Produktionsphase schnell unter den Tisch gefallen. Heute sind Computerspiele kein obskures Hobby für verklemmte Nerds, sondern auf Hochglanz polierte, hochprofitable Unterhaltungsware für die ganze Familie. Da können zwar die Pixelfleischfetzen fliegen und hektoliterweise Blut vergossen werden, aber wehe, WEHE, es macht jemand einen schmutzigen Witz oder es ist irgendwo tief in den Ressourcedaten ein nackter Nippel versteckt. WELTUNTERGANG! DENKT DOCH AN DIE KINDER!!!

Damals, früher … war dies alles mehr oder minder scheissegal. Ja, es flogen auch die Fetzen. Es hat aber selbst in den USA kaum eine Sau gestört, dass ein Al Lowe in den Larry Laffer-Spielen ganz offen den Umgang mit Nutten, Promiskuität, Pornographie, Drogenkonsum und derbste UnterderGürtellinie-Scherze propagiert hatte. Glückliche Zeiten 🙂

Anyway, zurück zu „Superhero League“. Angesiedelt in einer Zukunft, die mit „The Future ain’t, what it used to be!“ angeteasert wird, in der die USA in eine Reihe kleiner Stadtstaaten zerfallen sind, in der Mutationen und Umweltzerstörung das Leben der Menschen beschwerlich machen … in dieser Zukunft gibt es natürlich auch Superhelden. Superhelden mit so phantastischen Fähigkeiten wie der Macht, Landkarten richtig zusammenzufalten, in das Innere von geschlossenen Pizzaschachteln zu schauen oder schlichtweg den Cholesterolwert eines Gegners erhöhen zu können. Als Führer einer recht unbedeutenden Superheldengruppe, der besagten „Superhero League of Hoboken“ kämpft man in etlichen Kapiteln gegen Dr. Entropy, der das allgegenwärtige Chaos in der Welt weiter erhöhen möchte, in dem er mit mutierten Brieftauben oder wieder zum Leben erweckten, einstigen Profisport-Managern den kümmerlichen Resten der einstigen Superzivilisation den endgültigen Rest geben will.


Das Spiel besteht aus drei Gameplay-Elementen. Man erkundet mit seiner Party nach und nach die verstrahlte und (natürlich) gefährliche Umgebung, erwehrt sich in Zufallskämpfen diverser Mutantenhorden und löst an Questorten nach klassischer Adventuremanier (Wie kombiniere ich wo welche Gegenstände) etliche Rätsel. Klingt ein wenig krude und seltsam, aber es funktioniert tatsächlich recht gut. Immer noch.

Und … immer noch muss ich von der ersten bis zur letzten Minute ständig vor mich hin grinsen. SHL veräppelt so ziemlich jeden und macht sich über sich selbst, unsere eigene Zeit und das Computerspiel als solches lustig. Nicht jeder Gag funktioniert und mancher Gag ist wohl nur dann zu verstehen, wenn man seine Jugend irgendwo im Mittelwesten der USA verbracht hat. Aber es hat schon was, wenn man gegen Telemarketeers, mutiertes Fastfood und amoklaufende Aerobic-Bots kämpfen oder einem Dorf helfen muss, dass durch eine extrem starke und übelriechende Limburger-Bombe bedroht wird.


Nein, perfekt ist SHL nicht. Vor allem im späteren Spielverlauf nervt es ungemein, wenn man gefühlte Stunde um Stunde die ganze Karte absucht, in der Hoffnung, dass irgendwo plötzlich ein wichtiges Quest-Item auftaucht, welches vorher dort natürlich noch nicht zu finden war. Auch kann es leicht passieren, dass man im Überschwange des Party-Ausrüstens plötzlich zu wenig Geld hat, um ein wichtiges Quest-Item kaufen zu können. Hat man zudem bereits alle bis dato zugänglichen Orte aufgesucht und alle Monster besiegt, die man auf dem derzeitigen Level besiegen kann, so kann es passieren, dass man plötzlich ohne Kohle dasteht. Verkauft man dann in letzter Not die letzten Waffen, Rüstungen und Spezialitems, so kann es passieren, dass man gegen Monster im späteren Spielverlauf zu schwach ist. Sprich, ruckzuck kann man sich in einer Sackgasse befinden, aus der nur ein kompletter Neustart oder ein weit, weit zurückliegendes Savegame helfen kann. In Fachtermini ausgedrückt … das Balancing könnte etwas besser sein.

Nichtsdestotrotz, „The Superhero League of Hoboken“ ist ein herrlich altmodisches, spassiges und unterhaltsames Spiel. Ein echter Klassiker!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

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