Charme-Offensive

Es ist ja nichts neues, wenn ich hier erwähne, dass Nintendo mit dem DS so derart den Handheld-Markt abräumt, dass kaum jemandem auffällt, dass der/die/das Wii klammheimlich sich aufmacht die 360 und PS3 in die Tasche zu stecken.

Zahlen sind also das eine. Die kennt jeder. Doch … WARUM ist das so? Wieso dominiert Big N wie Annodunnemals den Konsolenmarkt?

Ok, Nintendo versteht es zZ. am besten Spiele auch für Non-Gamer attraktiv zu machen, weil sie mit den etablierten Genre-Konventionen brechen. „Dr. Kawashimas Brain Training“, „Animal Crossing“ oder „Nintendogs“ sind auch keine typischen, hmmm, Spiele. Nichts, was ich als alter Sack auf den ersten Blick als Spiel bezeichnen würde. Ich habe zB. letztlich eine Stunde lang Warioware gezockt und mich plötzlich gefragt, was ich da eigentlich tue? Eine Abfolge relativ schwachmatiger Mini-Reaktionstests. Nichts, womit ich als alter Sack und anerkannter Fachmann für ernsthaftes, erwachsenes Computerspiel normalerweise meine Zeit vergeude.

Oder nehmen wir Final Fantasy Tactics Advance, einen Port des gleichnamigen PSX-Spieles für den GBA. Nur aus reiner Neugier mal reingeschaut. Ob und wie sich dieser Port vom Original unterscheidet. Da gibt es diese eine Szene (siehe Screenshot). Nix besonderes. Wirklich nicht. Recht unspektakulär. Was eben die Hardware des GBA (leicht modifizierte SNES-Technik) so alles hergeben kann. Ich saß aber auf ein Mal da und wollte nur noch FF Tactics zocken. Mir überlegt, was ein GBA kostet. Welche Spiele ich mir dafür zulegen würde. Oder ob eine Investition in einen Nintendo DS doch besser wäre.

Warum? Warum mache ich das? Ich habe keine passenden Kindheitserinnerungen, die mein Handeln beeinflussen könnten. Ich habe nur ganz, ganz früher ein wenig mit dem Atari 2600 gezockt und sonst mein Taschengeld hin und wieder an Zaxxon- oder Xevious-Automaten verballert. Mario war lange Zeit irgendwas komisches, anderes. Hat mich nie interessiert. PC-Spiele waren dann angesagt.

Irgendwann kam aber die Erkenntnis.

Ich zocke diese Spiele, nicht wegen einer Retro- oder Kindheitserinnerung Nicht, weil 2D tollerer ist als 3D. Nicht, weil Nintendo gerade angesagt ist oder ich passend zum Zeitgeist all die phösen erwachsenen Killerspiele in die geistige Mülltonne werfe. Nope, nicht deswegen.

Sondern weil ich „bezaubert“ bin. Hin und weg. Weil diese Spiele etwas haben, was ich zZ. bei vielen anderen Titeln vermisse:

Charme!

Weil sie nicht irgendwas vorgeben. Weil sie keine Fassade aufbauen, nichts vorgauckeln. Weil sie nicht „cool“ oder „angesagt“ machen. Weil sie nicht als Rechtfertigung für meine 600 Öhre teure Graphikkarte herhalten müssen. Weil sie so naiv und unschuldig sind. Weil sie dennoch (oder gerade deswegen) nicht primitiv sind. Weil sie einfach aus sich heraus dastehen und sagen: Spiel mich doch!

Ja, ich bin ein alter Sack. Mich überrascht nur noch wenig. Nur wenig kann mich noch heute vom Hocker reissen. Die Stimme der Vernunft und Abgeklärtheit dringt mächtig aus den hinteren Gehirnregionen in das Tagesbewusstsein. Und genau deswegen tappe ich so blind und nichts ahnend in diese Charme-Falle.

Spiele für Erwachsene. Das sind für mich nicht mehr Spiele, die mit Hektoliter Pixelblut oder grimmigen, akurat nachgebildeten Vernichtungswerkzeugen aus den letzten Weltkriegen um sich werfen. Spiele für Erwachsene sind für mich mittlerweile Titel, die nicht mehr ums Verrecken beweisen müssen, dass sie keine „Kinderspiele“ mehr sind. Solche sind eher Spiele für Jugendliche, die der Welt beweisen möchten, dass sie keine Kinder mehr sind.

Und deswegen verkauft sich der DS und Wii auch wie geschnitten Brot. Weil sie Spiele bieten, die man jetzt, gewissermaßen im gesetzten Alter 😉 zocken kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Weil sie auf dieses ganze Pubertätsgedöhnse verzichten. Weil keine Botschaft verkauft wird. Weil sie nicht vorgeben mehr zu sein als das, was sie sind. Nur Spiele!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein.

4 Kommentare zu “Charme-Offensive

  1. Michael sagt:

    Wie wahr, wie wahr. Was Du schreibst, ist eigentlich so offensichtlich, dass man sich wundern muss, dass nur alle Jubeljahre ein Spiel für den PC erscheint, das einen solchen Charme ausstrahlt. Mein absoluter Favorit der letzten Jahre in dieser Kategorie ist das (seinerzeit kommerziell nur mäßig erfolgreiche) Psychonauts von Tim Schäfer, das ich für ein wahres Meisterwerk halte. Betrachte ich mir andererseits die andere Spieleplattform, die ich nutze, nämlich die PSP, kommen mir die Tränen. Es ist mir unerklärlich, wieso es für diese doch recht mächtige Hardwareplattform fast nur Software für die Tonne gibt. Hier fällt mir nur eine löbliche Ausnahme ein, nämlich LocoRoco, aber das ist aufgrund des eingeschränkten Spielprinzips auch eher kurzzeitig interessant.

  2. Harzzach sagt:

    Jaaa, Psychonauts! Eines der wenigen Spiele des Jahres 2005, die mir es wert waren gekauft zu werden. Göttlich!Aber leider, leider waren wir beide wohl die einzigen. Hat sich erbärmlich mies verkauft …

  3. Anonymous sagt:

    Nur mal so interessehalber, was sind denn noch so Deine all-time classics? Bei mir wären dasParadroid (C64)Magic Carpet 2Warcraft 2Siedler 2The DigQuake 2Planescape TormentBaldur’s GateHeroes 3XIIIReturn to Castle WolfensteinPsychonautsPrince of Persia – The Sands of TimeTony Hawks Pro Skater 3+4Call of Cthulhu

  4. Harzzach sagt:

    Huhh, könnte ne lange Liste werden. Ich zähl einfach mal einige auf, die mir spontan einfallen. Spiele, die sich seit Jahren immer wieder auf meiner Festplatte einfinden.- Fast alle Shooter von ID und Raven Software- Deus Ex- die Ultima-Serie- die Civilization-Serie + Ableger- ALLE LucasArts-Adventure und viele von Sierra- Anachronox- Homeworld- Starcraft- latürnich HoMM 3

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