Retro-Impressionen: Daikatana

Es war einmal ein Mann mit langen, schwarzen Haaren. Dieser Mann hatte ein paar Kumpels, von denen einer immer Algorithmen für dreidimensionale Darstellungen erfand. Dieser eine Kumpel erfand auf diese Weise eines Tages eine wunderschöne Programmroutine, die er sogleich seinen anderen Kumpels zeigte, auf dass man daraus vielleicht etwas machen könnte. Die anderen Kumpels (unter ihnen auch der Mann mit den langen, schwarzen Haaren) fanden diese Algorithmen total sexy und man kam überein doch ein Spiel daraus zu machen. Auch diese Idee fanden alle total sexy, da man schon vorher Spiele gemacht hatte und sie daher wussten, wie man das so macht, das mit dem Spielemachen. Ja, auch der Mann mit den langen, schwarzen Haaren wusste dies. Und so sprachen die Mannen von ID Software eines schönen Tages: „Es werde DOOM!“ Und die Welt sollte darauf eine andere sein. Doch dies ist eine andere Geschichte. Wir wollen unser Augenmerk weiterhin auf den Mann mit den langen, schwarzen Haaren richten

Nachdem man nun genügend Gewalt und Verwüstung auf die Bildschirme gebracht und in den Seelen wehrloser Kinder angerichtet hatte, setzten sich der Mann mit den langen, schwarzen Haaren und seine Kumpels erneut zusammen, da ihr anderer Kumpel, der mit 3D-Routinen, wieder total sexy Programm-Code geschrieben hatte und reihum fragte, ob man damit etwas anfangen konnte. Die Kumpels konnten sehr wohl etwas damit anfangen und sie begannen erneut ein Spiel daraus zu machen. Denn sie hatten’s drauf, das mit dem Spielemachen.

Und so sprachen die Mannen von ID Software eines schönen Tages: „Es werde QUAKE!“ Und als man schon dachte, die Welt könne nach Doom nicht mehr anders werden, so lehrte sie Quake alle eines Besseren. Und dachte man schon, man könne nicht noch mehr Gewalt und Verwüstung auf die Bildschirme bringen und in den Seelen wehrloser Kinder anrichten, so sah man sich auch hier getäuscht. Doch dies ist ebenfalls eine andere Geschichte. Genau, der Mann mit den langen, schwarzen Haaren …

Und als sich der andere Kumpel wieder in seine Klause zurückzog um an neuen 3D-Algorithmen zu tüfteln, saßen der Mann mit den langen, schwarzen Haaren und seine Kumpels gelangweilt herum, da sie nix zu tun hatten. Und der Mann mit den langen, schwarzen Haaren dachte so bei sich: „Eigentlich, eigentlich wollte ich schon immer MEINE Spiele machen. Mit meiner Firma. Mit meinen Ideen. Und keiner redet mir rein. Denn ich, die größte Designerlegende auf diesem Planeten hab’s nämlich total drauf, das mit dem Spielemachen!“

Und der Mann mit den langen schwarzen Haaren sprach: „Es werde Gamedesign, es werde Graphik, es werde Leveldesign … Es werde ION STORM!“ Und so er also so sprach, schickten er, und der einzige andere Kumpel, der mitmachen wollte, der Mann mit dem irren Blick, Gesuche in alle Welt, auf dass sich Graphiker, Leveldesigner und andere Leute, die’s mit dem Spielemachen drauf hatten, sich alle in Dallas bei Ion Storm versammelten. Neugierig gemacht durch diese illustre Versammlung, unter ihnen übrigens auch der Mann mit der Brille, begann das große Buhlen und Werben der Publisher um alle kommenden Werke von Ion Storm, denn man wusste ja … die haben’s drauf, das mit dem Spielemachen.

Und so geschah es, dass Eidos Interactive aus dem fernen, kalten Albion das Rennen machte und mit Ion Storm einen Vorvertrag über die nächsten 5 Spiele dieser Spieleschmiede abschloss. Denn man dachte sich, die haben’s bestimmt drauf, das mit dem Spielemachen. So im Nachhinein betrachtet hatten die Schlipsträger aus dem kalten und fernen Albion gar nicht mal so unrecht. Denn bei Ion Storm hatte man es wirklich drauf, das mit dem Spielemachen. Aber das war auch schon das einzige.

Nicht drauf hatte man es mit so vollkommen nebensächlichen Dingen wie Projektplanung, Bilanzführung und Firmenmanagment. Und so saßen denn unzählige Grafiker, Leveldesigner und Programmierer, also ’n Haufen ziemlich cooler Leute, in den prachtvollsten Büros von Dallas/Texas und arbeiteten unter anderem an dem größten, dem tollsten, dem allerbesten Spiel aller Zeiten und überhaupt. Denn dieses Spiel, auch „John Romero’s Daikatana“ genannt, wurde vom Hochmeister des Spieledesigns, John Romero, dem Mann mit den langen, schwarzen Haaren persönlich entworfen. Zwar verwendete man leihweise die 3D-Routinen des Coder-Kumpels, doch dieses nebensächliche Detail ließ dennoch keinen Zweifel aufkommen, dass der Mann mit den langen, schwarzen Haaren was vom Spielemachen verstand und das beste Spiel aller Zeiten selbstverständlich seinen Namen tragen musste

So ging denn Monat um Monat, Quartal um Quartal ins Land. Screenshots ohne Zahl wurden an das gläubige Volk verteilt, auf dass es dem Meister huldigte und „John Romero’s Daikatana“ lobpries. Und als denn so viele Quartale vergangen waren, dass die Mannen aus dem fernen, kalten Albion, wie im Vertrag festgeschrieben, nach Dallas kamen um das fertige Jahrhundertwerk abzuholen, da fanden sie nur den Mann mit den langen, schwarzen Haaren vor, der ihnen außer schönen Screenshots, wunderbaren Artworks und dem hochheiligen Versprechen nächstes Quartal fertig zu werden nicht viel zu bieten hatte. Albions Kinder waren darob zufrieden, wussten sie doch, dass da Leute am werkeln waren, die ziemlich Ahnung hatten, so vom Spielemachen und so. Doch auf dem Heimflug beschlich sie doch ein gewisser Zweifel, denn von all den tollen Projekten, mit denen sie alsbald viel Geld verdienen wollten, war trotz horrender Büromieten, prächtiger Ausstattung und mächtigem Salär für die Größen der Branche eigentlich nicht viel zu sehen.

Und so verging erneut Monat um Monat, Quartal um Quartal, doch kein „John Romero’s Daikatana“ wollte die Kassen im fernen, kalten Albion füllen. Stattdessen füllte Leere die Räume von Ion Storm/Dallas, da ein großer Teil des Jahrhundertwerk-Teams geschlossen die Firma verließ, um sich selbstständig zu machen. Stattdessen füllten sich die Seiten der Lokalpresse und der Online-Magazine mit allerlei Intrigen und bösen Geschichten rund um Ion Storm, genährt mit Auszügen aus internen Mails und diversen Zuträgern. Denn die Schlange hatte Einzug gehalten im Paradies. Wo es einst hieß „Design is Law!“, so hieß man sich gegenseitig allerlei Übles. Wo einst die Zukunft der Spielewelt geschaffen werden sollte, schuf der Mann mit den langen, schwarzen Haaren sich nur sein eigenes Grab aus Hybris, Arroganz und kompletter Selbstüberschätzung.

Trotz aller Fährnisse wurde „John Romero’s Daikatana“ dann doch noch eines Tages im Regal gesichtet und alle Beteiligten hofften auf einen Riesenerfolg. Denn Ion Storm musste von diesem Titel ca. eine Viertelmillion Stück verkaufen, nur um die bis dato aufgelaufenen Verbindlichkeiten zu decken, aber das Damokles-Schwert über dem Haupt des Mannes mit den langen, schwarzen Haaren hatte schon längst damit begonnen Schwung aufzunehmen. Niemand wollte „John Romero’s Daikatana“ haben, geschweige denn kaufen. Die treue Anhängerschaft hatte sich irgendwann im Laufe der vielen Quartale anderen Dingen zugewandt und den Glauben an die seligmachende Wirkung all dessen, was mit „John Romero’s …“ beginnt, verloren. Das größte und beste Spiel aller Zeiten wurde zu einem veritablen Flopp! Ion Storm kollabierte sodann auf Grund der schlechten Verkäufe und heftiger interner Querelen. Selbst Eidos kam wegen den enormen Investitionen ins Trudeln und zog notgedrungen Ion Storms Geldstecker aus der Fassung.

All dies ist so geschehen, der Mann mit den langen, schwarzen Haaren trägt selbige nun kurz, machte mit seinem Irren-Blick-Kumpel eine Weile kleine, nette Spiele für kleine, nette PDA’s und wirbelt auch weiterhin durch die Branche. Denn eigentlich hat er es ja drauf, das mit dem Spielemachen, ehrlich, wirklich!

Tja, liebe Kinder! Und deshalb, ab und an packt Harzzach die rote „John Romero’s Daikatana“-Schachtel aus dem Regal und verbringt etliche höchst vergnügliche Stunden mit diesem Spiel. Denn als die erste große Enttäuschung vorbei war und Harzzach mit neutralem und kühlem Blick an dieses Spiel ging, musste er zu seinem Erstaunen feststellen, dass der Mann mit den ehemals langen, schwarzen Haaren nicht alles falsch gemacht hat. „John Romero’s Daikatana“ ist mit Sicherheit nicht das Jahrhundertereignis geworden, dass alle erwartet haben. Aber „John Romero’s Daikatana“ ist kein schlechtes Spiel. Es ist ein netter Ego-Shooter mit teilweise exzellentem Leveldesign, einer Unmasse von detaillierten und wunderschönen Texturen, guter Musik und einem unterhaltsamen Gameplay. Auch wenn die Welt sich nur allzu gerne (und auch teilweise zu Recht) das Maul über gefallene Helden und überhypte Luftblasen zerreißt … Harzzach findet, dass man „John Romero’s Daikatana“ zumindest im Nachhinein eine Chance geben sollte.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Retro.

3 Kommentare zu “Retro-Impressionen: Daikatana

  1. Sebastian sagt:

    Ach, was habe ich mir damals Nächte damit rumgeschlagen. Schönes Spiel, umwerfende Atmosphäre, klasse Musik. Einfach gut. Das Drumherum ging an mir vorüber.

  2. Harzzach sagt:

    Das Drumherum war aber der Grund, warum man das Spiel als solches gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Es war untrennbar mit dem IonStorm-Debakel verbunden. Es war die Rache der Leute an der unerträglich arroganten und überheblichen Werbe-Kampagne zu Daikatana.

  3. […] die SP-Kampagne entpuppte sich bald als vom bösen Zauber geheilte Prinzessin, die dann gezeigt hat, was man mit der Quake2-Engine auf damaliger Hardware alles anstellen konnte. […]

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