Eigentlich hattee ich nur kurz gefragt, ob denn das Science Fiction-RPG “Mars: War Logs” so halbwegs was taugt. Erwartet habe ich nur einige kurze Sätze. Bekommen haben wir einen langen, langen, laaaangen Kommentar von “Das Alien”. Und da dachte ich mir so, dass es eigentlich viel zu schade ist, wenn dieser Kommentar irgendwo versauert, wo ihn niemand findet. Von daher erlaube ich mir unverschämterweise ohne vorheriges Nachfragen den Kommentar zum Posting upzugraden …
Ein Gastbeitrag von “Das Alien”. Frei von Sabberflecken und Säurelöchern, danke
Mist, das ist jetzt sehr lang geworden, irgendwie kann ich einfach nicht kurz… Aber ich mag das Spiel inzwischen so gerne, dass ich es auch nicht einfach mit einem zweizeiligen Kommentar abhaken wollte. Was sicherlich auch schon etwas aussagt.
@Mars: War Logs
Zugegeben, der Eindruck nach rund 10 Stunden Spielzeit ist durchwachsen, denn einige Mängel oder Schwachpunkte sind einfach nicht wegzudiskutieren. Als da wären…
- nicht anpassbare Tastatur- und Maustastenbelegung. Sowas geht in meinen Augen gar nicht, sondern ist ein Relikt aus Amigazeiten. Und selbst da ging war das mitunter schon möglich. Das Kommando “Break Guard” zum Beispiel wurde auf “F” und “Ctrl” gelegt. Das Umgreifen auf “F” ist dem Spielfluss nicht unbedingt zuträglich und ich habe nie begriffen, wie ich mit dem kleinen Finger auf “Ctrl” kommen soll, wenn Ring- Mittel- und Zeigefinder auf WASD liegen.
- Minenspiel und Synchro sind… okay, aber nicht unbedingt lebensecht oder hohe gar hohe Kunst. Das könnte besser sein.
- relativ viele NPCs, die einfach doof in der Gegend rumstehen. Was oft irgendwie… dumm wirkt.
- teilweise nervige Suchspiele. Beispiel: Man befindet sich in einem Gefangenenlager und kann/muss sich durch diverse Kisten und Schrotthaufen wühlen, um craftbare Gegenstände und den einen oder anderen Questgegenstand zu finden. So weit, so gut. Jetzt kann es aber sein, dass man für eine neue Nebenquest wieder einmal Gegenstand A in Kiste B finden und zu Person C bringen soll. Kiste B stand auch vorher schon da, war aber nicht durchsuchbar. Und jetzt latscht man also das komplette Lager noch einmal ab… ich versteht, was ich daran nervig finde?
- Das Kampfsystem KANN höllisch Spaß machen, vor allem, wenn man erst einmal bestimmte Fähigkeiten hochgelevelt hat. Das funktioniert zumindest für mich aber nur bis zum Schwierigkeitsgrad “Medium”, ab “Hard” wird es eng und in nicht wenigen Situationen versagt das System dann völlig.
Prinzipiell ist gutzuheissen, dass sich mehrere Gegner fröhlich im Kollektiv (“Sturm-Kollektiv 1. Mai zur Übererfüllung des 5-Jahresplans für Razzien angetreten!” Verzeihung, da holt mich die DDR-Vergangenheit ein…) zum Angriff antreten und nicht a la Assassins Creed schön warten, bis sie an der Reihe sind. Das Problem ist, dass das Kampfsystem massiv auf Blocken, Ausweichen und dem Durchbrechen der gegnerischen Deckung basiert und das Leveldesign schlichtweg nicht genug Raum zur Verfügung stellt, um dies auch tun zu können.
Gerade im ersten Abschnitt des Spieles kämpft man oft gegen “Moles”, blinde in Rudeln lebende Aliens mit unfassbar langen krallenbewehrten Armen. Die bekämpft man dann in Höhlen, in denen nicht einmal genug Platz ist, um zur Seite zu rollen. Die Folge, man wird unweigerlich getroffen, was eine kurze Phase der Re-Organistion zur Folge hat, in der man wieder getroffen wird und dann ist man tot. Grandios auch die Idee, zwei hundeähnliche Wesen, die ausschliesslich von hinten angreifbar sind, in einem engen Korridor zu platzieren, der kaum genug Raum gibt, um hinter die Viecher gelangen zu können.
Vielleicht ist das eigentliche Problem aber auch, dass die Gegner anfangs ein wenig übermächtig sind, gemessen am bislang nur rudimentär entwickelten Skillbaum.
Das war jetzt viel Gemecker, aber das Spiel hat wirklich seine sehr positiven Qualitäten.
Zuallererst, weil ich so darauf herumgehackt habe… Ja, das Kampfsystem kann richtig Spaß machen. Es werden drei recht ausgeprägte Skillbäume angeboten (Warrior, Renegade, Technomant), die verfügbaren Fähigkeiten machen Sinn und die Fähigkeiten können der eigenen Spielweise durchaus sinnvoll angepasst werden. Einzelne Fähigkeiten sind Hotkeys zuordenbar, aber besser funktioniert das Skillrad, das bei Druck auf “Q” die Zeit massiv verlangsamt und die ad hoc-Auswahl diverser Fähigkeiten sowie das zielgenaue Herauspicken einzelner Gegner erlaubt.
SInd die Skills erst einmal ein wenig besser ausgebaut, macht das richtig Spaß, weil es sehr flüssige Kämpfe ermöglicht. Den anstürmenden Gegner Sand in die Augen werfen, hinter den ersten Angreifer rollen und ihm einen verheerenden Schlag zwischen die Schulterblätter zu verpassen, einen Schlag von der Seite kontern, ausweichen, die Deckung des nächsten Gegners durchbrechen und ihn mit einem Tritt zu Boden schicken, Skillrad —> dem nächsten Angreifen Gegner mit lässig zur Seite schenkendem Arm ins Gesicht schiessen, ausweichen, treten…
Über das Skillrad sind ürigens auch Kompagnons mit vier simplen Befehlen recht wirkungsvoll steuerbar. Defensiv bleiben, mein Ziel angreifen, das nächstliegende Ziel angreifen, nächsten Gegner mit Fernwaffe angreifen – mehr gibts nicht und das reicht auch völlig.
Was ich wirklich mag ist das Setting. Der Mars nach einer systemweiten Katastrophe von der Erde abgeschnitten, die knappen Wasservorräte ein Grund für 4 große Gilden permanent Krieg zu führen und einerseits sind die technologischen Möglichkeiten so beschränkt, dass man wieder mit Keulen und Macheten aufeinander losgeht, andererseits existiert in bestimmten Händen solche Hochtechnologie, dass mit implantierter Technik aufgemotzte Technomanten ihre Gegnern mit Schockwellen und Lichtbögen den Tag versauen.
Zugegeben, ich hab das Spiel noch nicht durch und habe keine Ahnung, wo die Story hinführt, aber bislang habe ich zumindest die beiden Hauptcharactere, den ehemaligen Technomanten Roy Temperance (den man als Spielfigur lenken darf) und den jungen Soldaten Innocence Smith (der die Geschichte in Tagebucheinträgen und gesprochenen Kommentaren beleuchtet) inzwischen doch sehr ins Herz geschlossen. Roy, ehemaliger Technomant, der lieber als Deserteur gejagt wird, als seine persönliche Freiheit aufzugeben, ist ein recht abgebrühter Kerl, ohne aufgesetzt oder wie ein Abziehbild zu wirken. Und Innocence, der in seinen recht jungen Jahren schon die Hölle der Grabenkämpfe erleben musste und fassungslos dem Tot seiner Eltern gegenübersteht und von Roy unter seine Fittiche genommen wird. Beide wirken auf mich durchaus glaubwürdig, was in den meisten Fällen auch für die Nebencharaktere gilt.
Das Leveldesign ist schon recht eingeengt, open World kommt hier nicht einmal ansatzweise vor, zudem wird man recht häufig durch Levelschläuche geleitet. Seltsamerweise stört mich das hier kein Stück, weil das alles irgendwie schon passt (wie gesagt, bis auf den Kampf in beengten Räumen) und durchaus stimmig ist. Zudem kommt mit den überall anzutreffenden Tottönen, Staubstürmen und allerlei ähnlichem Beiwerk richtig “Marsfeeling” auf.
Das Lootsystem ist okay. Neue Waffen und Rüstungen findet man eher selten, die müssen gekauft werden, sind aber meist massiv und beliebig auf- und umrüstbar. So lässt sich eine Kluft zB mit Chitinelementen aufrüsten, was Schutz und Lebensregeneration erhöht, während Metallteile oder gar die raren Legierungen den Schutz vor bestimmten Elemantarschäden erhöht. Auch Basisschaden, die Chance auf verursachte Blutungen oder kritische Treffer lassen sich so anpassen. Gefällt einem die Kombi nicht mehr, lässt sich jederzeit umrüsten – das Vorhandensein der entsprechenden craftbaren Gegenstände natürlich vorausgesetzt. Und die findet man in der Regel, wie eben üblich, in allerlei Kisten oder Schrotthaufen und in den Taschen besiegter Gegner.
A propo besiegte Gegner… neben den Craftingitems findet sich in Mars auch noch eine zweite Resource, nämlich das sogenannte Serum, sprich “Wasser”. Selbiges kann man natürlich in geringen Quantitäten in Lootcontainern oder an Gegnern finden, wesentlich stetigeren Nachschub liefern aber besiegte Gegner direkt. Denen vermag man nämlich mittels eines entsprechenden Gerätes das Wasser zu entziehen, was natürlich deren endgültiges Ableben und einen schlechten Ruf zur Folge hat, wenn man es damit übertreibt. Das hat dann Einfluss auf die Reaktion bestimmter Charaktere und auf die Preise, die man bei Händlern bezahlt.
Bislang habe ich mich dabei auf die ganz bösen Jungs oder besonders nervtötende Gegner beschränkt (ich HASSE Elektroschocker), was das Gameplay insofern erschwert, dass mir die besten Waffen und Rüstungen bislang verwehrt blieben, aber dafür fühle ich mich natürlich ein wenig besser, hurra!
Alles in allem ist Mars: War Logs vielleicht kein Meilenstein, aber ein kleines RPG mit dem Herz und einiger Substanz. Das langsame Aufleveln und das Craften machen Laune, aber mir haben es vor allem die Geschichte und das Setting angetan. Von Spiders stammt ja auch “Of Orcs and Men”, welches nun wirklich mit massiven Mängeln vor allem im Kampfsystem daherkommt, aber seine Geschichte so wundervoll und durch solch großartige Charaktere erzählt, dass man einfach weiterspielen MUSS und all die Mängel auf einmal gar nicht mehr so schlimm findet. Ich glaube, Geschichten erzählen können die richtig gut, zumal trotz aller Meckerei meinerseits viele Dinge wesentlich besser funktionieren als es bei “Of Orcs…” noch der Fall war. Und immer noch besser als andersrum, wie das zB bei Crytek der Fall ist – alles schön funkel funkel, aber null Talent zum Geschichtenerzählen.
Ich habe übrigens inzwischen sehr oft Vergleiche mit dem Witcher gelesen und da ist in meinen Augen schon was dran, auch wenn das komplette System natürlich weniger umfangreich ist.
Für 15,- auf Amazon bzw. 20,- auf Steam (ich war doof genug, das Teil auf Steam zu kaufen und hab es bislang trotzdem kein Stück bereut) kann man hier in meinen Augen nichts falsch machen, zumindest wenn man auf SciFi, den Mars und nicht ausufernd komplizierte RPGs steht.
Ach, und was “düster und dreckig” angeht… das ganze Setting ist ja schon recht dystopisch und (Verzeihung…) abgefuckt und wird auch entsprechend und recht glaubwürdig präsentiert. Was mir hier gefällt ist, dass man sich auch bei den Charakteren nicht auf simple Schwarz/Weiß-Malerei beschränkt. Man wird Menschen erleben, die unschöne Dinge tun, aber nicht alle sind deswegen per se schlecht. Viele Personen haben durchaus nachvollziehbare Motivationen für ihr Treiben.
Der Fettsack, mit dem man sich gleich zu Beginn des Spieles anlegen muss, ist schlichtweg ein Sadist, ein Monster und Tyrann. Bei dem Gefangenen, der Mutanten quält (quasi die durch Strahlung geschädigten und mutierten Parias des Mars) und unter der Hand Waffen verkauft, sieht das schon ganz anders aus. Der Mann ist nicht von Natur aus böse, sondern nur endlos vom eintönigen und harten Lagerleben bis zu dem Grad gelangweit und erschöpft, dass er sich einfach ein Ventil suchen muss. Und dass er das illegal erwirtschaftete Geld eigentlich nur spart, um irgendwann einmal nicht mit leeren Händen zu seiner Verlobten zurückkehren muss, wirft dann auch noch einmal ein anderes Licht auf ihn.


