Nachdem die Ankündigung eines sog. Season Passes für Bioshock Infinite, wo man vorab (!) Geld für noch nicht erschienenen DLC bezahlen soll, für ungewöhnlich viel Aufregung gesorgt hatte, hat sich Mr. Levine persönlich berufen gefühlt eine Erklärung abzugeben.
Nein, natürlich nicht. Das sollen nämlich Inhalte sein, die man noch gar nicht erstellt hat. Rausgenommen hat man nur Inhalte, die nicht gut genug waren. Um sie dann später als DLC anzubieten?
Ich weiß, dass anekdotisches “Es kommt mir vor als ob” eigentlich ziemlich haltloses Geschwätz ist. Aber ich weiß, dass ich manchmal ein ziemlich gutes Bauchgefühl habe, wo ich unterschwellig Dinge wahrnehme, die ich erst geraume Zeit später rational und faktisch belegbar begründen kann. Schaut man sich nämlich an, mit welchem Zynismus überall auf solche und ähnliche Aussagen von Publishern und Entwicklern reagiert wird, so gewinne ich den Eindruck, dass das Klima zwischen Anbietern und Kunden immer zerrütteter, immer paranoider wird. Die Kunden bemerken immer öfter, dass sie lediglich mit hohlbirnigem Marketinggeschwätz über den Tisch gezogen werden sollen und die Anbieter begreifen nicht, warum man auf ihre Aussagen so derart zynisch und emotional und sogar hasserfüllt reagieren kann, wie sich letztlich ein Community-Betreuer von Bioware (?) beklagt hatte.
Es herrscht Kommunikationskrieg zwischen den Majors und ihrer Kundschaft. Die Kunden glauben den Anbietern immer weniger, die Anbieter stellen verstört fest, wie ihnen immer öfter zum Teil ungeschminkter Hass entgegentritt. Da mag ein Anbieter Dinge sagen, die vollkommen zu Recht und zu einhundert Prozent der Wahrheit entsprechend und er erntet nur höhnisches Gelächter. Die Marketinganstrengungen der Majors müssen immer höher gefahren werden, weil die Kunden nicht mehr so bereitwillig kaufen, wie das früher noch der Fall ist. Ergo wird das Marketing immer schriller, immer provozierender, um noch einen Eindruck erzielen zu können. Die Sprechblasen bei Interviews werden immer durchscheinender, wie man dies zB. schön in einem Interview mit dem Creative Director des neuen Sim City merkt, wo es zu den nebulösen Ausschweifungen und der Schönfärberei eines Politikers angesichts unangenehmer Fragen kaum noch einen Unterschied gibt. Der Kunde kann und will folgerichtig nicht mehr unterscheiden zwischen Marketinggefasel und aufrichtigen, “wahrhaftigen” Aussagen. Weil er keine Möglichkeit hat den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu überprüfen. Weil er kein Vertrauen in den Anbieter hat. Weil er davon ausgeht, dass er stets übers Ohr gehauen werden soll.
Die Diskrepanz, die Kluft zwischen den Majors und ihrer Kundschaft wird immer größer. Es findet keine Kommunikation statt, es werden, wenn überhaupt, nur noch heiße Luft und zynisches Gehate ausgetauscht.
Wohin das führt, ist eigentlich klar. Noch größere Marketinganstrengungen, noch mehr psychologische Tricks und Kniffe, um dem Kunden zu Geldausgaben zu bewegen, die er rational gar nicht tätigen will, die er aber tätigen muss, weil doch dieses Spiel da und überhaupt. Und das wiederum führt zu einer noch stärkeren Entfremdung und Distanz zwischen Anbieter und Kunde in einer Branche, die sehr stark davon abhängig ist, dass zwischen Anbieter und Kunde ein positives Band geknüpft ist, weil Spiele rasant an Wert verlieren und dem Anbieter nur dann den angestrebten Gewinn bringen, wenn sie möglichst oft zum vollen Retailpreis gekauft werden. Spiele werden durch diese Distanz, diese Nicht-Kommunikation entwertet. Ein Spiel ist nicht mehr 40 Euro wert, sondern nur noch 20 Euro, weil “die Deppen glauben doch nicht, dass ich deren Dreck für 40 Euro kaufe?”.
Ein Indiz für diesen Wertverlust zeigt die aktuelle Umsatzstatistik der GfK für Deutschland an: Es wurden zwar mehr Spiele im Vergleich zum Vorjahr verkauft, aber es wurde WENIGER Umsatz erzielt.
DLC-Schwemme, Vertrauensverlust, Kommunikationskrieg. Auf Seiten der Kundschaft eine immer größere Ablehnung und auf Seiten der Anbieter eine immer größere Ratlosigkeit, was der Kunde eigentlich in Wirklichkeit haben möchte. Und das im Vorfeld des Startes der nächsten Konsolengeneration, die, ebenfalls ein Bauchgefühl, irgendwie nicht so wirklich sehnsüchtig erwartet wird, wie das früher bei solchen Generationswechseln noch der Fall war.
Das alles sind Anzeichen einer Marktmüdigkeit, die in erster Linie für die Majors ganz fatale Folgen hat.
Nischenanbieter und Indies, die haben dieses Problem (noch) nicht. Dort gibt es (noch) die Aufrichtigkeit, die Wahrhaftigkeit, die Authentizität, die man von einem Anbieter emotionaler “Waren” erwartet. Noch nimmt man Aussagen aus dieser Ecke für bare Münze, noch wird nicht jede Äußerung als dreiste Lüge betrachtet.
Wenn denn eines Tages die heute großen Majors Geschichte sein werden, was wird man als den Hauptgrund betrachten, wegen dem die Sache den Bach runtergegangen ist? Mangelnde Produktqualität? Mangelnde Produktattraktivität? Oder die schlussendlich fatale Entfremdung zwischen Anbieter und Kunden, die dazu führte, dass der Anbieter an seinen potentiellen Abnehmern nur noch vorbei produzierte?