Wenn ich sage, dass an der Raubkopier-Problematik in der Contentverwerter-Branche in erster Linie ahnungslose Investoren Schuld sind, die von nicht minder ahnungslosen CEOs, oft genug in vorauseilendem Gehorsam, den Einsatz von DRM und die strafrechtliche Verfolgung von Chipsatz-Händlern (im Falle des DS) und harmlosen Freizeit-P2P-Usern verlangen, die aus einem bestimmten Sachverhalt (Es wird kopiert) ein Problem machen, ohne überhaupt zu wissen, ob es tatsächlich ein Problem ist, dann hat das schon seinen Grund.
In der Branche selbst, bei den produzierenden und kreativen Köpfen, die oft genug als Nerds und Zocker selber in ihrer Jugend mit Kopien aufgewachsen sind, dort ist die Meinung zu diesem Thema klar. Es freut sich niemand über Kopien, aber man akzeptiert sie als unvermeidlichen Bestandteil des Marktes. Man freut sich über jeden zahlenden Kunden, gleichgültig ob dieser sich zuvor das Spiel aus dem Netz oder vom Kumpel gezogen hat oder nicht. Denn Leute, die nicht zahlen, die zählen nicht. Und da man auf Grund der leichten Kopierbarkeit digitaler Informationen Kontrolle über das Kopieren selbiger Informationen nur im Rahmen eines 100%-ig funktionierenden Überwachungsstaat bei gleichzeitiger 100%-iger Unbestechlichkeit und Perfektion der Überwachungsausführenden und –kontrollierenden erhalten kann, akzpetiert man das Vorhandensein von Kopien als nicht vom Rest des Marktes abtrennbare, systemimmanente Realität. Wer kopiert, der kopiert. Wer aber zahlen will (gleichgültig ob er nun auch kopiert oder nicht, da die Welt eben nicht nur aus Schwarz-Weiß besteht), dem sollen nicht noch extra Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wenn er schon bereit ist zu zahlen.
Ja, es gibt in der Branche natürlich auch bornierte und extrem paranoide Menschen. Schwarz/Weiß-Denker. NullEins-Menschen. Auch verängstigte Menschen, die vor lauter Angst, dass ihnen jemand etwas stehlen könnte logischerweise überall nur noch Diebe sehen. Doch im Laufe der Jahre habe ich jede Menge Leute aus der Branche kennengelernt, die zwar, wenn sie offiziell zu diesem Thema befragt würden, schön brav den üblichen Propaganda-Sermon zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten widerkäuen, die aber unter vier Augen nur noch den Kopf schütteln über die Produktpolitik ihrer Vorgesetzten.
Von daher wundert es nicht, wenn in den letzten Wochen, Monaten und Jahren in erster Linie unabhängige Indie-Entwickler sind (aktuell Cliff Harris von Positech), die explizit der offiziellen Linie der Computerspielbranche widersprechen, dass Kopien etwas ganz arg schreckliches sind, was bis aufs Blut bekämpft werden muss. Auch hier freut sich niemand über Kopien, man akzeptiert sie aber als untrennbaren Bestandteil der Wirklichkeit und konzentriert sich darauf, dem zahlenden (!) Kunden ein so attraktives Angebot zu machen, dass dieser beim nächsten Mal wiederkommt und vielleicht sogar ein paar Freunde mitbringt. Aber dort kann man es sich leisten die Wahrheit auszusprechen, weil man dort nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist und natürlich auch nicht über Abermilliarden Dollar Jahresumsatz macht, die einen sehr schnell von der Realität da draussen abkoppeln lassen.
Gut, dass es solche Querdenker gibt, das wissen wir. Sie alle kommen aber aus den USA, wo man traditionell recht wenig mit Traditionen anzufangen weiß, sofern sie nicht etwas mit Barbecue, Bud und Baseball zu tun haben. Und trotz aller Vor- und zT. berechtigten Urteile über so manche komischen Leute in Gods Own Country, so hält man es dort auch nicht unbedingt mit Denkverboten. Es wundert daher nicht, wenn ein US-Entwickler wider den Meinungs-StatusQuo in der Branche wettert.
Ungewöhnlich ist es aber, wenn dies ein deutscher Entwickler tut. Deutschland gilt in der Branche gerne als Schlaraffenland für Software-Piraten, als Markt mit einer sehr hohen Kopierrate je verkauftem Titel. Dementsprechend schrill waren und sind dann auch die Äusserungen deutscher Entwickler und Produzenten zu diesem Thema, so als ob sie mit aller Macht und Gewalt beweisen müssen, dass sie selbst damit nichts zu tun haben. Das reicht von strikten Diskussionsverweigerung und wüsten Beschimpfungen gegen “Die da” (persönlich erlebt) bis hin zu Bemerkungen von Dirk P. Hassinger, dem wegen Steuergeschichten vorbestraften Chef von Zuxxex, der bestimmt wohl in einem verunglückten Versuch von Ironie zu meinen glaubte, deutsche Urheberrechtsverbrecher sollen sich nicht so haben, da solche Leute in China bekanntlich vor die Wand gestellt würden.
Aber das sind, wie ich mit der Zeit erfuhr und mitbekam, nur wenige. Die meisten stehen diesem Thema indifferent gegenüber (um es mal höflich zusagen), selber nutzt man natürlich auch Kopien von Spielen, Filmen und Mukke, ist daher nicht päpstlicher als der Papst und hält sich in der Regel dieser Diskussion fern. Weil, der Arbeitsplatz, die Vorgesetzten, musste verstehen, ja?
Einer, dem das seit einem halben Jahr ziemlich egal ist, der nennt sich Steffen Itterheim, seines Zeichens langjähriger Spieleentwickler und zB. involviert gewesen in die Produktion von Spellforce bei Phenomic. Steffen hat Onlinewelten ein nettes Interview gegeben, wo er so einiges zum Thema “Raubkopie” zu sagen hat. Nun, für uns alte Hasen steht da nichts neues, dennoch möchte ich auf dieses Interview hinweisen, kommt es doch nicht oft vor, dass ein deutscher Spiele-Entwickler sich öffentlich wider die offizielle Linie zu diesem Thema stellt.
Ja, er ist natürlich nicht mehr bei Phenomic beschäftigt. Er kann es sich jetzt leisten frei Schauze zu reden und Dinge beim Namen zu nennen.
Nestbeschmutzer! Verräter! ;-P